Gabe (für Ian-Jonathan)

#1 von khae ( Gast ) , 02.11.2008 15:44

DISCLAIMER: Diese Geschichte ist erfunden. Sie ist auch sarkastisch, und das heisst so gut wie immer, dass sie möglicherweise die Gefühle des Lesers/der Leserin verletzen kann. Falls jemand sehr sensibel ist und Geschichten über Erzengel nicht mag, wenn sie nicht schmuseweich sind, klickt bitte wieder weg. Ansonsten viel Vergnügen.

Gabe

„Entschuldigen Sie – haben Sie Raumsprays?“ fragte ich die blonde Verkäuferin im Esoterik-Supermarkt. Ihre grauen Augen strahlten und ihre Lachfältchen traten deutlich hervor, als sie kichernd sagte: „Aber natürlich. Das ganze Sortiment. Was immer Sie sich wünschen – AuraSoma, Engel, Erzengel, Farben, alchemistisch-spagyrische Essenzen – was darf’s sein?“

Hier stand ich und war kurz davor, die Welt dieses Engelchens zum Beben bringen zu lassen. Unschuldig startete ich den ersten Versuch: „Tja, ich bräuchte was gegen Gabriel.“. Sandra, so hieß dieses Wesen (über 40 Jahre, dafür nur knappe 40 Kilogramm) laut Namensschild, verstand wohl nur die Hälfte und führte mich zu einem Regal, auf denen verschieden bedruckte Sprayflakons, Fläschchen und Zerstäuber standen. Ungefähr die Hälfte von ihnen war größer als das Preisschild, dass sie trugen.

„Hier.“ Sandra langte in ein Regal und zog eine braune Flasche mit einem bunten Etikett hervor. „Das ist jetzt von einem unserer größeren Lieferanten, der in höheren Mengen produziert.“. Sie kicherte geziert. „Das ist dann qualitativ schon auch hochwertig, aber dafür nicht unbezahlbar.“. Sie drückte mir die Flasche in die Hand und ließ mich allein, um eine weitere Kundin zu bedienen, die den Laden gerade betreten hatte.

Das Etikett pries die „Raum-Essenz Erzengel Gabriel“ mit großen Lettern. „Füllt Ihre Wohnräume behaglich mit den Energien des liebevollen Lichtwesens Gabriel. Der Erzengel bringt mit dem kristallweißen Strahl der Liebe Hoffnung und Freude in ihre Wohnräume. Seine Schwingung durchdringt mit sanftem Licht alle Blockaden.“

Von Reinigung und anderen Dingen stand auch noch etwas auf dem Etikett, aber ich hangelte mich weiter zu einer kleinen Flasche mit lieblos hingeschmalztem blauen Etikett und kalligraphischer Schrift. „Gabriel Lichtspray“. Als ich die Flasche drehte, gesellte sich Sandra gerade wieder zu mir. „Oh, da haben Sie jetzt etwas Exklusiveres in der Hand. Diese Essenzen sind in Handarbeit von erleuchteten tibetischen Mönchen hergestellt worden.“

„Ach?“ entgegnete ich verblüfft „Die Tibeter stellen so was her? Haben die so einen guten Draht zu den Erzengeln der christlichen Mythologie?“ Sandras liebevolles Lächeln gefror einen kurzen Moment, während ihr Kopf nach einer einfachen Erklärung suchte. „Schätze, die sind halt einfach mit allem verbunden, dort.“, erklärte sie achselzuckend. Die Ausrede konnte ich mühelos akzeptieren, aber da der Laden gerade leer war, entschloss ich mich zu einem Versuch, dieser Verkäuferin eine neue Perspektive bezüglich ihrer Handelsware anzubieten.

„Tja, Sandra – allerdings haben wir uns vorhin missverstanden, glaube ich. Ich wollte keine Essenz ‚Gabriel’, ich wollte etwas gegen Gabriel. Dieser Erzengel, der übrigens weniger reinigt, als ihre Flaschen glauben machen wollen, hängt schon die ganze Zeit bei mir rum, seitdem mich meine Cousine besucht hat und mit solchen Essenzen hier“ – ich machte eine ungeduldige, weitläufige Handbewegung – „herum gesprüht hat. War anfangs ja ganz lustig zu beobachten, wie Gabriel versucht hat, mich zu beeindrucken.“ Ich schaute gedankenlos zur Decke hoch.

„Sehen Sie, diese Erzengel und Engel haben keine Möglichkeit, auf das Geschehen auf diesem Planeten direkt Einfluss zu nehmen. Also brauchen Sie immer wieder Menschen, die sich so in ihr esoterisches Weltbild aufgelöst haben, dass sie ihren eigenen Willen dem eines Engels unterwerfen.“ Ich musste mich konzentrieren, um weiter zu sprechen, denn Sandras rapide Gesichtsfarbenwechsel von rot über purpurn zu weiß und zurück lenkten mich nicht wenig ab. „Gabe, wie sich Gabriel heutzutage übrigens nennt, hat gemerkt, welche Lebendigkeit und welche enormen Umsetzungsmöglichkeiten so in meinem Leben herrschen, und seitdem ist er in meiner Wohnung. Alle meine Versuche, ihn wieder los zu werden, haben bislang nichts gefruchtet.“.

Ich kratzte mich geistesabwesend am Hinterkopf. „Rituale, Beschwörungen, Diskussionen, Rauchen, Popeln, Sexfilmchen gucken, dafür ist der viel zu abgebrüht. Das schockt ihn nicht mehr. Der hat mich sogar nach einem Bier gefragt und wollte sich neben mich auf mein Sofa lümmeln. Und weil mir das gehörig auf die Nerven geht, wollte ich jetzt mal wissen, ob sie auch Gegenmittel verkaufen gegen diese Sprays.“

Sandra brauchte einen Moment, bis sie erkannt hatte, dass mein Wortschwall großmütig für eine Äußerung von ihr unterbrochen wurde. „Ich habe so etwas noch nie gehört“ zischte sie hervor, und das Beben ihres kleinen Körpers brachte alle Feng-Shui-Kristalle im Raum zum Klimpern. „Seien Sie bloß froh, dass die Engel so liebevoll sind, sonst…“
„Äh – sonst was?“ hakte ich nach.
„Sonst würden Ihnen solche Aussagen schlecht bekommen.“

„Ja, mag schon sein, aber lieber würde ich inzwischen vom Blitz getroffen werden als daheim in diese lichte Atmosphäre einzutreten, in der mein feinstofflicher Kumpel Gabe mein Bier verseucht – er nennt das ‚Reinigen’, aber danach schmeckt’s wie Münchner Exportbier – und wo ich keine Chance mehr auf eine Runde Privatsphäre habe.“

Als Sandras Lippen bei meinen Worten bebten, verstand ich ihre Körpersprache wohl ganz falsch. Eine Augenbraue in die Höhe gezogen fragte ich sie: „Oder können Sie sich Petting und Sex vorstellen, während Gabe die Atmosphäre reinigt und zuguckt?“

Der Boden des Entsetzens war erreicht – ungläubiger konnte ihr Gesichtsausdruck nicht mehr werden. Allerdings sah ich auch, dass Sandra sich der Engelsthematik mit Leib, Seele und Verkäufergeist verschrieben hatte, und dass hier Hopfen und Malz verloren war. Einen letzten Versuch wagte ich dennoch.

„Haben Sie vielleicht irgendeine Dämonen-Essenz, die das heilige Rumgeschwirre von Gabriel wenigstens erträglich macht?“

„RAUS!“ brüllte Sandra mit geschlossenen Augen und griff wahllos in das Fach hinter sich. Sie richtete Essenz 23 („Erzengel Zadkiel“) auf mich und spülte mich aus dem Laden.

Gabe erwartete mich draußen. „Hat’s geklappt?“ fragte er.

„Weiß ich noch nicht. Aber wenn, dann wird sie Deine Essenzen nur noch mit zittrigen Händen verkaufen können.“. Ich zündete mir eine wohlverdiente Zigarette an und zog den Mantel enger zu, während Gabe und ich uns zum nächsten Esoterikladen aufmachten.

„Weißt Du“ fing Gabe an und sagte es zum hundertsten Mal, „ich bin es nämlich leid, ohne Rückfrage zum Reinigen in diese ganzen Wohnungen gesprüht zu werden…“

khae

RE: Gabe (für Ian-Jonathan)

#2 von Weisser Schatten , 02.11.2008 19:17

hallo kleine ente,
lache erst nachher richtig drüber, wenn ich diese ganzen anderen neuen beiträge gelesen habe, hab's kopiert und schon gegrinst, so wie vorgestern abend,
danke, danke,
bis auf ain andermal
ian-jonathan der immer noch grinsende


ps: männer im sünnaschen nebel

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RE: Gabe (für Ian-Jonathan)

#3 von Emrys , 02.11.2008 19:32

khae, das ist großartig. Ich musste selten so über einen Text lachen

 
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RE: Gabe (für Ian-Jonathan)

#4 von Nanny Ogg , 02.11.2008 19:55

Hay khae,

Du machst mir Konkurrenz??
Das geht nicht - muß ich gleich wieder was schreiben!!!
aber Deine Geschichte ist spitze!!!

 
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RE: Gabe (für Ian-Jonathan)

#5 von khae ( Gast ) , 04.11.2008 17:36

Danke Euch allen. Es gab noch einen zweiten Teil, das sollte mal eine Serie werden, aber der ist vor Jahren schon im Nulldevice verschwunden, sprich den Datentod gestorben.

Merci!

khae

   


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