Titania's Schreibstube

#1 von Titania , 07.11.2013 10:42

copyright by Birgit Pähler

Der alte Schamane

„Nun, mein junger Lehrling,…“hob der alte Schamane zu reden an. „Es ist an der Zeit,…“ Der junge Mann hob seinen Kopf und sah seinen Meister wissbegierig an.
Um sie herum rüttelte der Wind an den Ästen der Bäume und nur in ihrem kleinen Unterschlupf war es einigermaßen windstill, doch außerhalb stürmte es. Regen peitschte die letzten Blätter des Herbstes von den Zweigen, der Wind trug sie eine Weile mit sich und der Regen peitschte sie dann abermals auf den Boden. Das Heulen der Wölfe in den Wäldern war seit Beginn des Sturmes verstummt und auch sie hatten sich wohl einen trockeneren Unterschlupf gesucht. Graue Wolkenfetzen, vom Mondlicht fahl beschienen, jagten über den ansonsten schwarzen Himmel und bildeten ein ums andere Mal unheimliche Gebilde der Phantasie in die sonst so schwarze Nacht.
Und nun wollte der alte Schamane seinem jungen Lehrling zeigen, was es heißt ein Schamane zu sein. Lange hatte der junge Mann darauf gewartet, hatte gelernt mit Kräutern umzugehen, die Winde zu rufen, sich zu versenken und auch die Geister der Ahnen anzurufen. Doch ein Geheimnis war ihm noch immer verschlossen geblieben.
Warum nur die stärksten Männer im Geiste Schamanen waren und was es wirklich heißt ein Schamane für sein Volk zu sein.

Der alte Schamane hob erneut zum sprechen an.
„Die Berufung eines Schamanen kann vielerlei Ausprägungen besitzen. Viele haben ihre Bestimmung darin gefunden mit den Geistern der Ahnen zu sprechen oder die Winde zu rufen. Einige finden ihre Bestimmung darin, ihr Wissen um die Heilung zu vervollständigen und den Menschen vorwiegend so zu helfen. Aber alle haben gewisse seherische Fähigkeiten, das was sie zu einem Schamanen macht, wenn sie dies annehmen und es zum Wohle einsetzen.“
Der alte Schamane machte eine kleine bedeutungsvolle Pause in der er, wie gedankenverloren, in dem kleinen Topf auf dem Feuer rührte. Der Sud darin war fast fertig.
„Und dieses ist das schwerste von allen.“

Der junge Lehrling verstand nicht recht. Warum sollte es schwer sein zu sehen was ist und es zum Wohle seines Volkes einzusetzen? War es nicht im Gegenteil sehr einfach und vor allem sehr hilfreich? Und hatte sein Meister nicht ihn ausgewählt sein Nachfolger zu werden? Also musste er doch fähig sein ein guter Schamane zu werden.
Diese und ähnliche Gedanken jagten durch den Kopf des jungen Lehrlings während er seinem Meister zuschaute, wie dieser den Sud vorsichtig vom Feuer nahm und ein wenig in eine kleine Schale goß.

Während sie warteten, dass der Sud etwas abkühlte, fuhr der alte Schamane mit ernster Miene fort. „Mach Dich bereit zu sehen. Ich habe Dich alles gelehrt, was ich weiß. Doch Sehen musst Du selbst und dann wird sich zeigen, ob Du ein Schamane sein wirst oder nicht.“

Dem jungen Lehrling stockte kurz der Atem. Er hatte gedacht, dass es nicht so endgültig sein könnte, doch in den Augen seines Meisters fand er nur ernste Nachdenklichkeit und Abwarten. Es war ernst.
Furcht erfasste den jungen Lehrling. Würde er bestehen können? Und was?

Der Sud war langsam etwas abgekühlt und der alte Schamane reichte die Schale seinem Lehrling.
„Hier, trink diese Schale bis zu Neige und lege dich auf dein Lager nieder. Dann warte…“

Der Lehrling schaute mit Furcht in seinen Augen seinen Meister an, doch er tat wie ihm geheißen war und lehrte die Schale. Etwas unsicher legte er sich dann auf seine Lagerstatt, schloß die Augen und wartete…. Und er sah….
Vieles sah er, was er kannte, doch noch viel mehr, was er noch nicht kannte. Und er begriff schnell, es war die Zukunft, die er sah. Er sah. Und er sah so viel, dass er kaum noch wusste, was er zu Beginn gesehen hatte. Doch es schauderte ihn während er dort lag und sein Geist weit weg war. Soviel schreckliches sah er, dass seine Augen Tränen vergossen und er im Geiste weinte.
Sein Meister sass mit trauriger Miene neben seiner Lagerstatt und wachte über ihn. Er wusste, was sein Lehrling sah und nun würde sich herausstellen, ob er stark genug war sein Nachfolger zu werden…

Lange Zeit lag der Lehrling dort. Sein Geist reiste durch die Zeiten und nahm alles auf, was er dort sah. Irgendwann jedoch war es vorbei und es wurde dunkel um ihn herum. Erst nach einer Weile kam er langsam wieder zu sich und öffnete die Augen. Sein Meister saß immer noch dort neben ihm und betrachtete ihn nachdenklich.
In den Augen des jungen Lehrlings spiegelte sich Furcht, Verzweiflung und die Erkenntnis, dass er hilflos dem allen gegenüberstand wider.
Er hatte begriffen, doch er war sich nicht sicher, ob er damit fertig werden würde. Was nützte es zu sehen und dann zu wissen, nichts wirklich machen zu können… was nützte es zu sehen und zu wissen, dass alles was man tat im Grunde an dem Weg nichts würde ändern können,… was nützte es zu sehen und dann zu wissen, dass man nur den Weg etwas erleichtern, jedoch nie verändern konnte.
Diesmal flossen Tränen der qualvollen Verzweiflung über die Wangen des jungen Lehrlings und die Furcht vor dieser Erkenntnis schüttelte ihn. Er hatte sich aufgesetzt, wippte nun immer wieder vor und zurück und wiederholte ständig das gleiche,… „Nein, nein, ich kann damit nicht leben. Sie sterben mir unter den Händen. Ich kann ihnen nicht helfen. Nein, nein, ich kann nichts tun….“

Der alte Schamane seufzte traurig und begann leise eine tragende Weise anzustimmen. Die Töne umwoben den alten Schamanen, flossen durch das langsam ausgehende Feuer, durchströmten den Körper des jungen Lehrlings und erfüllten bald den ganzen Unterschlupf in dem sie saßen. Mit jedem Ton wurde der Lehrling ruhiger und ruhiger und bald lag er wieder auf seiner Lagerstatt und schlief einen ruhigen traumlosen Schlaf.
Der alte Schamane wob weiter diese Weise und lies sie in die schwarze stürmische Nacht erklingen, bis scheinbar auch der Sturm von den Tönen erfasst wurde und langsam immer ruhiger und ruhiger wurde. Bald war es völlige Stille in der Nacht. Am schwarzen Himmel stand noch immer der leuchtende Mond, der mit seinem fahlen Licht nun die gemächlich dahin gleitenden Wolken beschien. Der Wind hatte sich beruhigt und war zu einer lauen Brise geworden. Und durch die Wolken blitzten sogar wieder die Sterne hindurch und erfüllten den schwarzen Himmel mit einem beruhigendem Glitzern und Strahlen.

Die letzten Töne der Weise verklangen und der alte Schamane lehnte sich zurück, um nun das Gesicht seines Lehrlings zu betrachten. Er hatte in ihm das Potential gesehen diese Prüfung zu bestehen, doch auch diesmal war der Geist nicht stark genug gewesen. Das hatten schon die ersten wachen Augenblicke gezeigt. Nun war das Gesicht des Lehrlings wieder friedlich und keine Sorgen quälten ihn mehr.
Der alte Schamane suchte seine Sachen zusammen, ließ seinen ehemaligen Lehrling ein Bündel mit Essen zurück und schlüpfte hinaus. Der junge Mann würde seinen Weg in sein Dorf schnell wieder finden und sich an nichts mehr erinnern können. Doch er würde bald merken, dass er sich gut mit Kräutern auskannte und so seinen Leuten helfen können.
Aber als sehender Schamane war sein Geist nicht stark genug.

Der alte Schamane nahm seinen Weg durch den Wald und folgte den Sternen und dem Mond. Er würde weiter suchen, so wie er schon seit der Ewigkeit auf der Suche nach einem starken Geist war, der das tragen konnte, was er trug. Er war müde,.. doch solange er niemanden gefunden hatte, würde er weiter suchen und weiter tragen.


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