Kann man Spiritualität verlieren?

#1 von elHakim , 13.03.2013 21:49

"ich habe... so ziemlich jeglichen Glauben und Spiritualität verloren", schrieb Dimturien in ihrer Vorstellungsbotschaft im Café. Spiritualität ist für mich eine menschliche Eigenschaft, die wie eine künstlerische oder handwerkliche Fähigkeit mehr oder minder weit entwickelt sein kann, aber - wenn jemals vorhanden - nicht mehr abhanden kommen kann. Anderseits kann ich manche Fertigkeit bei Nichtgebrauch auch verlernen. Vielleicht ist Spiritualität aber auch ein Merkmal, das die menschliche Spezies prägt. Dann kann sie nicht untergehen, ohne die gesamte Gattung untergehen zu lassen. Wie seht ihr das?

 
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#2 von Titania , 13.03.2013 22:14

Ich glaube man kann kurzzeitig den Weg verlieren. Wenn man so im Stress ist und den Kopf die ganze Zeit mit anderen Dingen voll hat, kann es passieren, dass die Spiritualität bzw. das ToDo dieser Spiritualität zu kurz kommt. Vielleicht vermittelt dieser Zustand "keine Zeit für Rituale oder dergleichen zu haben" das Gefühl seine Spiritualität verloren zu haben....

 
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#3 von elHakim , 13.03.2013 22:26

Wäre das nicht eher "den Glauben an eine bestimmte Sache zu verlieren"?

 
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#4 von Dimturien , 13.03.2013 22:58

Okay, ich glaube, das könnte ein etwas längerer Text meinerseits werden. Ich hoffe, ihr lest gerne.

Ich persönlich halte Spiritualität nicht für eine menschliche Eigenschaft. Natürlich, manchen liegt es mehr, anderen weniger. Aber ich denke, dass man durchaus Wege zur Spiritualität finden kann, auch wenn man diese nicht sozusagen "von Haus aus" in sich trägt.

Was Rituale angeht - ich habe noch nie wirklich mit so "richtigen" Ritualen gearbeitet. Leider, möchte ich hinzufügen. Ich habe nämlich irgendwie das Gefühl, dass mir genau so etwas fehlt, also, gewisse Rituale zu bestimmten Tagen oder ähnliches. Ich trau mich halt auch nicht wirklich an so etwas ran, weil ich absolut keinen Plan habe wie man so etwas macht. Und aus Angst etwas falsch zu machen, habe ich bisher immer die Finger davon gelassen...

Ich hole jetzt mal ein bisschen weiter aus und packe mal was aus meinem Leben aus um zu erklären, warum ich meine, damals meine Spiritualität und den Glauben verloren zu haben.

2008 bin ich mit meinem damaligen Freund zusammen gekommen. Er war ein wirklich wundervoller Mensch, verständnisvoll, friedlich, spirituell und sehr einfühlsam. Wirklich ein sehr, sehr angenehmer Mensch in dessen Gegenwart ich mich einfach nur zu Hause gefühlt habe. Egal wo wir waren. Wenn er bei mir war, dann war ich zu Hause. Wir waren etwas mehr als 2 Jahre zusammen, haben dann auch schon ca. 1,5 Jahre zusammen gewohnt und er hat mir die indianische Weltanschauung näher gebracht. Ich hatte mich vorher schon dafür interessiert, aber erst als ich ihn kennen lernen durfte, bin ich da so richtig reingekommen.

Bis ich vor etwas mehr als 2 Jahren eines Morgens aufwachte und einfach wusste, dass er über Nacht gestorben ist. Ich hab mir selbst gesagt, dass ich mich jetzt nicht so anstellen soll, ihm ginge es vielleicht nicht gut (er hatte damals seit knapp 8 Wochen einen sehr hartnäckigen Husten), aber deswegen stirbt er nicht gleich.

Leider hatte mein erstes Gefühl allerdings Recht - als ich aus dem Schlafzimmer kam, habe ich ihn tot im Wohnzimmer aufgefunden.

Plötzlich war alles anders. Ich konnte das alles gar nicht verstehen und habe mich ernsthaft gefragt, warum ich auf so eine harte Probe gestellt werde. Mein ganzes Leben lag in einem riesigen Scherbenhaufen vor meinen Füßen und ich konnte diesen Scherbenhaufen für eine sehr lange Zeit nicht aufräumen. Danach dann noch den Job verloren. War ja dann eh schonmal ganz großes Kino. Da steht man plötzlich ganz alleine mit einer großen Wohnung, einem Hund und zwei Pferden da und verliert auch noch den Job.

Was noch schlimmer war: Ich hatte auch noch den Halt im Leben verloren.

Plötzlich hatte ich keine Ahnung mehr, wer ich war, was ich wollte, wohin ich mal wollte. Alles war einfach weg. Die Trauer fraß mich auf, ewig lange. Die Depression kam so stark wie nie zuvor zurück (ich hatte damals schon die Diagnose, dass ich an wiederkehrenden Depressionen leide), Antidepressiva vernebelten mein Denken so stark, dass ich fast nichts mehr zu Stande brachte.

Einen Monat nachdem ich meinen Job verloren hatte, bekam ich einen neuen. Und damit fingen die Probleme leider erst richtig an. Ich habe diesen Job heute noch - aber ich weiß immer noch nicht, ob ich mich dort so richtig wohl fühle. Das ist aber eine vollkommen andere Geschichte...

Nunja, da stand ich nun. Komplett neues Leben anfangen. Mit neuem Job. Eines der Pferde habe ich verkaufen müssen. Ich hatte damals eigentlich auch nur eines, habe dann aber das Pferd meines verstorbenen Freundes auch noch behalten wollen - weil wir uns das mal versprochen haben, dass wir uns jeweils um das andere Pferd kümmern, sollte einer von uns mal vorzeitig gehen müssen. Leider musste ich die Haflinger-Stute jedoch weggeben, weil es finanziell einfach nicht mehr hingehauen hatte. Ich habe mir wochenlang den Kopf zerbrochen, wen von den beiden Mäusen ich hergeben soll. Es fiel mir wirklich nicht leicht. Aber nach ein paar Wochen war mir klar, dass die Stute meines Freundes bei jemand anderem besser aufgehoben ist. Und so ist es auch. Sie hat jetzt eine tolle neue Besitzerin und fühlt sich bei ihr einfach pudelwohl. Die Hafi-Stute und ich - wir hätten uns auf Dauer nicht verstanden.

Was folgte waren Vorwürfe die ich mir selbst machte. Hätte ich ihn doch nur ins Krankenhaus gebracht, so wie ich es eigentlich hätte tun wollen, er mir aber versichert hatte, dass er beim Arzt war und das alles im Griff ist. Dazu kamen die Vorwürfe, weil ich mein Versprechen wegen dem Pferd nicht halten konnte. Finanzielle Probleme, weil ich versucht hatte, diese plötzliche Leere in mir mit materiellen Dingen zu stopfen (was ja bekanntermaßen nunmal nicht funktioniert). Das alles hatte mich so dermaßen durchgebeutelt und mich durcheinander gebracht, dass ich fast ein Jahr nach seinem Tod für 10 Wochen lang stationär auf der psychosomatischen Station einer nahegelegenen Klinik "Gast" war.

Da bekommt man dann gesagt, dass man jahrelang die falsche Diagnose hatte und jahrelang falsch therapiert wurde. Natürlich, wiederkehrende Depressionen habe ich, ja. Die sind aber nur eines von vielen Symptomen meiner Krankheit - die nämlich eigentlich eine Borderline-Persönlichkeitsstörung ist (die Diagnose glaube ich wiederum aber auch nicht so wirklich, wenn ich ehrlich bin). Wer was über Borderline wissen möchte - Google hat da verdammt viele Infos drüber. Aber vorsicht, es liest sich nicht gerade leicht...

Mit der Diagnose musste ich dann auch erstmal klar kommen. Dann wurde in der Therapie versucht, mich zu einem komplett anderen Menschen zu machen. "Magie gibt es nicht. Tiere können nicht sprechen. Man kann nicht verflucht werden. Warum machen Sie sich eigentlich immer so einen Kopf um kleine Dinge? Ihre Mutter ist an allem Schuld." Solche Sachen wurden mir an den Kopf geworfen und irgendwann wusste ich dann nicht mehr, wo ich jetzt eigentlich hingehöre. Das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir war zu dem Zeitpunkt dann natürlich auch alles andere als gut, weil ich diesen Mist sogar glaubte. Heute weiß ich, dass meine Mutter an gar nix Schuld hat, sondern dass sie einfach immer nur versucht hat, ihr Bestes zu geben.

Letztes Jahr im Juli habe ich es dann endlich geschafft in eine andere, kleinere Wohnung zu ziehen. Und endlich konnte ich wieder zu mir finden. Auch dank meiner Nachbarn die einen Stock höher wohnen, die sind nämlich schon zur zweiten Familie geworden.

Ja. Und jetzt? Jetzt bin ich gerade wieder dabei, mich selbst zu finden. Und mir fehlt die Spiritualität die ich mal hatte. Ich glaube nämlich, dass mir so etwas in dieser schweren Zeit wirklich gut hätte helfen können. Aber ich bin ehrlich - ich habe es auch irgendwo absichtlich vernachlässigt. Weil es zu weh getan hat. Alles hat mich an meinen verstorbenen Freund erinnert... Deswegen auch mein Gedanke, dass der indianische Weg für mich nicht mehr der Richtige ist. Für mich persönlich haften zu viele Erinnerungen daran. Und mit Erinnerungen kann ich noch nicht wirklich gut umgehen....

Und ich habe gerade so ein bisschen das Gefühl, hier mordsmäßig am Thema vorbeigeschossen zu haben. Aber ich hoffe, dass ihr irgendwie versteht, was ich damit sagen möchte.

Für mich ist Spiritualität etwas, was man durchaus erlernen kann, sofern man denn möchte. Das hat nichts mit einer Eigenschaft zu tun - denn jeder Mensch glaubt an irgendetwas. Und wenn er nur an sich selbst glaubt.

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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#5 von elHakim , 13.03.2013 23:30

Du hast da einen schweren Weg hinter dir, und niemand wird den Freund ersetzen können. Aber gerade das ist das Wesen der Spiritualität: Ich kann Dinge, wie den Tod eines lieben Menschen nicht begreifen. Aber er hat stattgefunden. Warum? Warum ausgerechnet er? Da spielt immer ein gewisses Maß an Schuldgefühl mit. Vielleicht ist es gut loszulassen. Das Druidentum lehrt, dass niemand ganz verschwindet, sondern imer einTeil irgendwo ansprechbar bleibt. Das geht aber nur durch den Einsatz meditativer Techniken. Dieses Vermögen, sich selbst durch den Schleier zur Anderswelt zu bewegen, ist Spiritualität. Die Technik kann man lernen, den grundsätzlichen Glauben an eine andere Macht nicht. Letzteres ist aber dem Menschen immanent. Insofern halte ich Spiritualität für "nicht verlierbar".

 
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#6 von Dimturien , 13.03.2013 23:35

Stimmt, den grundsätzlichen Glauben an eine höhere Macht kann man nicht lernen, da gebe ich dir Recht. Hm. Nun verstehe ich deine Argumentation voll und ganz. ich glaube, ich muss da nochmal drüber nachdenken...

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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#7 von greenman , 14.03.2013 16:04

Zitat von elHakim
Spiritualität ist für mich eine menschliche Eigenschaft, die wie eine künstlerische oder handwerkliche Fähigkeit mehr oder minder weit entwickelt sein kann, aber - wenn jemals vorhanden - nicht mehr abhanden kommen kann. Anderseits kann ich manche Fertigkeit bei Nichtgebrauch auch verlernen. Vielleicht ist Spiritualität aber auch ein Merkmal, das die menschliche Spezies prägt. Dann kann sie nicht untergehen, ohne die gesamte Gattung untergehen zu lassen. Wie seht ihr das?



Al Hakim,

Ich sehe es ehr so, wie du es zuletzt formlierst: "ein Merkmal, das die menschliche Spezies prägt."

Ich würde sogar sagen, dass die Spiritualität analog zur Körperlichkeit ist.
Jeder hat einen Körper, den er pflegen oder auch vernachlässigen kann. Wir können unseren Körper gesund erhähren und dessen Kraft, Geschicklichkeit oder Schönheit fördern - uns also der Körperlichkeit widmen.
Oder wir können zuviel, zu wenig oder das Falsche essen und trinken, bewegungsarm leben, schwierigen Tätigkeiten aus dem Wege gehen und unser Äußeres vernachlässigen. Das heißt, die Körperlichkeit verweigern. Trotzdem haben wir noch einen Körper!

Den Geist können wir genauso pflegen und aufbauen, indem wir z.B. meditieren oder beten, religiöse und philosophische Schriften lesen, an Rituale teilnehmen, geistliche Musik machen und den Umgang mit anderen spirituellen Menschen suchen - uns also der Spiritualität widmen.
Oder wir können alles bis auf das Materielle ausblenden und uns selbst isoliert betrachten. Das heißt, die Spiritualität verweigern. Trotzdem haben wir noch einen Geist (Lat.: spiritus)!

Ein übergewichtiger, untranierter und leistungsschwacher Körper macht keinen Spaß. Aber es besteht die Möglichkeit, durch eine Hinwendung zur Körperlichkeit aus diesem Kloß eine "Lustempfangsanlage" zu machen. Das Potential ist da. Ebenso ist es, denke ich, beim vernachlässigten Geist. Das Potential für eine interessante und Freude machende Spiritualität ist immer noch vornhanden.
In beiden Fällen steht am Anfang eine Motivation zur Umkehr, eine Bekehrung. Der Rest ist Fleißarbeit, aber in beiden Fällen gibt es viele Helfer.

Das ist mal mal plakativ dargestellt - was meint ihr, könnte man den Gedanken im Detail durchziehen?

Blessings,
Greenman

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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#8 von Ishtar , 14.03.2013 19:52

Hallo

@Dimturien
Das so eine Geschichte einen umhaut ist nur zu gut verständlich. Die Selbstvorwürfe sind menschlich. Neuorientierung während einer Depression ist verdammt schwer weil es ja auch Teil der Depression ist, dass man sich schwer konzentrieren kann, nicht entscheiden kann etc.. ..

Borderline und Depression müssen sich nicht ausschließen. Depression ist bei sehr vielen psych. Erkrankungen eine Zusatzerscheinung. Was die Therapeuten dir gesagt haben finde ich viel mehr ungeheuerlich. Die meisten psychischen Erkrankungen sind multifaktoriell – unterschiedliche Gründe wie Genetik, Lerngeschichte, langanhaltende Stressoren, Lebensereignisse führen in ihrer unterschiedlichen Kombination zu einer psychischen Erkrankungen. Ich finde es auch hoch unprofessionell einem Menschen seinen Glauben absprechen zu wollen! Deine Therapeuten sollten dich ernstnehmen.

Auf jeden Fall Gratulationen, dass du dich ein Stück weit wiedergefunden hast!

Ich weiß nicht, was du dir unter Ritualen vorstellst, aber es gibt wenig was du „falsch“ machen kannst wenn du auf dich achtest. Du kannst vielleicht Dinge „nicht so gut“ oder „unpassend“ machen, aber direkt falsch ist schwer. Wenn ein Ritual für dich passt und im Herzen stimmig ist, dann ist es gut. Wenn du die Übung des Sicheren Ortes kennst (oder Wohlfühlort) dann mach sie und zünd dabei eine Kerze und eine Räucherung an – schon hast du ein Ritual. Die gleiche Übung nennt sich in „unseren“ Kreisen häufiger Innerer Garten, Innerer Tempel, Innerer Hain, Innere USS Enterprise

Wenn ich dir was vorschlagen darf…… vielleicht wäre Achtsamkeit ein guter praktischer Wiedereinstieg für dich? Es wird sowohl bei Depressionen als auch bei Borderline eingesetzt und ist ursprünglich eine sehr wertvolle spirituelle Technik. (An der PFI Konferenz in Witten am 28.09.13 gibt es einen Workshop dazu….. )

@Thema: Die erste Frage ist natürlich „was ist Spirituatlität?“ überhaupt. Persönlich habe ich immer mehr das Gefühl, das Spiritualität heute für einige „Religion“ ersetzt, für andere eine Form von „Frömmigkeit“ (im Sinne von Übungen tun, Andachten, häufig beten - und natürlich mit der entsprechenden inneren Haltung und keine lippenbekenntnisse), für andere ein Weg ist ein bewussteres Leben zu führen.

Für mich persönlich arbeite ich immer noch an einer Unterscheidung zwischen Religion und Spiritualität. Dieser Unterschied ist mehr ein Gefühl, obwohl ich schon lange weiß, dass ich beides im Leben brauche. Religion drückt sich durch gemeinsame Rituale, gemeinsame Praxis, persönliche Beziehung zu den Göttern, Ahnen, Naturgeistern aus – religare = wiederverbinden - und natürlich Organisation aus. Spiritualität ist mehr meditative, geistige Praxis, Achtsamkeit, Andachten,Übungen zur Persönlichkeitsentwicklung, teilweise in die Mystik reichend, weil Verbindung mit dem transzendenten (Geistigen - spiritus). Ja, viele Gemeinsamkeiten, überschneidungen.

Kann man das verlieren? Ich kann mein Vertrauen in eine Beziehung, eine Verbindung verlieren, von einer Beziehung enttäuscht sein. Oder am Sinn oder Glauben an Gottheit X anfangen zu zweifeln. Natürlich beeinträchtigt das meine Verbindung.
Und es ist auch möglich, dass ich aus unterschiedlichen Gründen die Fähigkeiten, die ich für meine Spiritualität brauche grad nicht auf die Reihe kriege wie sonst (z.B. Konzentration zur Meditation)

@Greenman
Sehr schön formuliert! Ich stimme vielem was du geschrieben hast zu, was das training angeht!

/I
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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#9 von Fingayin , 14.03.2013 22:36

@Dimturien, erst einmal Hut ab vor Dir...da heraus gekommen zu sein ist an sich schon eine beachtliche Leistung.
An alle anderen,danke für Eure tollen Beiträge.
Spiritualiät...ich wußte bis vor vier Jahren garnicht das es so etwas überhaupt gibt.
Aber ist es nicht so,das man immer erst durch extreme auf den Weg geschupst wird?
Mir wurde vor vier Jahren der Teppich unter den Füßen weggezogen und ich hing völlig in der Luft.
Im Vergleich zu Deinem erlebten,Dimturien,würde ich mein Erleben bald als harmlos einstufen.
Aber ich fühlte mich damals auch ganz unten.
Es gibt dann eigentlich zwei Möglichkeiten.
Der absolute Absturz oder der Instinkt irgend wie weiter zu machen.
Ich hab es ohne Ärzte und Psychologen geschafft,was mich aber auch einiges gekostet hat.
Worauf ich hinaus will ist, das in dem Moment wo man sich für "weitermachen" entscheidet einen Weg sucht.
Und es ist nicht der den man gegangen ist,sondern ein völlig neuer.
Man sucht Alternativen,Möglichkeiten,Hilfe für sich und geht neue Wege...
Vieleicht auch Sachen über die man schon einmal nachgedacht und vieleicht vorher belächelt hat.
Und auf einmal ist es genau das was jetzt hilft.
Glaube an irgend etwas,jemanden.
Und beim "gehen lernen" stellt man auf einmal fest das man ja garnicht allein ist,das es viele andere gibt die genau wie Du "glauben"...
Das sind tolle Erfahrungen und man lernt wieder allein zu gehen.
Und mehr noch...man macht sich wieder "gerade" und sieht vorn.
Ich habe davor auch "geglaubt" nur wußte ich dem an sich keinen Namen zu geben und in meinem Umfeld,Freunde Bekannte war das kein Thema.
Da waren die materiellen Dinge wichtig.
Das hat sich alles grundlegend verändert.
Den alten Freundes-Bekanntenkreis gibt es nicht mehr.
Ich habe mich völlig neu orientiert und fühle mich sehr gut damit.
Ich weiß nicht ob man seinen Glauben,seine Spiritualität verlieren kann.
Ich für meinen Teil kann von mir als Beispiel sagen das man sie findet,oder sie Dich,je nachdem wie man es betrachtet.

 
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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#10 von Jonathan , 17.03.2013 21:09

Kann man Spiritualität verlieren? fragt elHakim

Spiritualiät hängt wie "Greenman" schrieb, mit dem Geist zusammen. Der Geist ist von meiner Warte aus gesehen - sterblich -. So wie unserer Körper kann er Höhen und Tiefen in unserem Leben haben.
Es brauch Erfahrung* dazu, wenn man sich verlassen fühlt, Hoffnung zu haben. Die Angst wird zum Begleiter und ist eine Katze die sich in den Schwanz beißt, eine Art Teufelskreis. Ausgerechnet wenn man meint es kommt keine Hilfe; ich eß' nichts mehr, dann kommt sie an. Sie kommt deshalb an, weil der Körper, wenn er wenig Nahrung bekommt, den Geist aus dem Sumpf ziehen kann. Der Mangel schafft den Antrieb.
Wenn der Körper eines Tages seine letzte Kraft verliert, dann verliert auch der Geist seine Kraft bzw. Spiritualität. Die Seele, die schon vorher da war, bleibt nach meiner Meinung. Die Seele ist auf der Erde mit dem Körper verheiratet und nicht mit dem Geist (sie steht dem Körper näher).
*Erfahrung wiegt schwer wenn sie Eigne ist. Man kann aus religiöser Erfahrung von Anderen oder unseren Vorgängern auch lernen. Man hat sie aber selbst nicht erlebt ("Was du ererbt hast von deinen Vätern - erwirb es um es zu besitzen" Goethe). Durch die eigene Erfahrung stabilisiert sich die Spiritualität. Irgend wann merkt man, dass es etwas gibt, was Gutes für uns gemacht hat (aus welchem Grund wissen wir nicht). Man muß auch dankbar sein können. Nach dem Sinn zu fragen ist zwecklos. Ein vom Konstrukteur gemachtes Ding kann auch nicht sich fragen "Wozu". Das weiß nur der Konstrukteur. Wir gehören uns nicht. Und schon garnicht gehört uns unserer Nächster. Also laßt die Finger vom Besitzen. Der Geist bzw. die Spiritualität ist besitzsüchtig. Gruß Jonathan

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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#11 von elHakim , 17.03.2013 21:56

Hallo Jonathan,

Dein Einwand geht allein von der Annahme aus, dass der Geist sterblich ist. Was, wenn nicht?

 
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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#12 von Gwion , 19.03.2013 21:24

Nachdem ich meine Gedanken inzwischen geordnet habe, möchte ich meine Sichtweise kundtun. Die Erlebnisse von Dimturien haben mich sehr aufgewühlt und beschäftigt. Ich wünsche Dir, Dimturien dass Du das Licht wieder entdeckst und in Dir vermehren kannst. Zum Glück weißt Du ja wie es sich anfühlt wenn es leuchtet.

In euren Beiträgen finde ich viele gedankliche Anregungen. Einiges das ich auch so sehe, aber auch manches dem ich für mich nicht zustimme. Nun, das Unterthema heißt "Club der Philosophen" - also sind kontroverse Sichtweisen durchaus förderlich, um den eigenen Standpunkt zu festigen.

Ich kenne meine Spiritulität noch nicht so lange und kann mich noch sehr deutlich daran erinnern, wie ich zu ihr fand oder umgekehrt. Dies ist der Gegenpol zum "Verlust der Spiritualität". Vor Kurzem hatte mich ein heftiger grippaler Infekt erwischt, unter dessen Einwirkung meine Spiritualität auch vorübergehend litt. So habe ich beides noch sehr deutlich in Erinnerung.

Meine Meinung ist die, dass jeder Mensch Spiritualität in sich trägt; sie ist an die Seele gebunden, die ihrerseits einen reichen Erfahrungsschatz haben kann. Es bedarf allerdings eines ausgeglichenen Lebenswandels, der inneren Ruhe, um die Spiritualität überhaupt zu bemerken. Sie ist am Anfang eine zarte Pflanze, die schnell übersehen wird und im Alltag einfach platt getreten werden kann. Wendet man sich ihr mit Aufmerksamkeit zu und pflegt sie, so kann sie gedeihen und stark werden. Es gilt herauszufinden, was einem selbst und der eigenen Spiritualität gut tut und dies regelmäßig zu tun. Für mich sind dies derzeit Meditation, ausgedehnte Spaziergänge in der Natur (am liebsten am späten Abend, wenn die anderen schon schlafen und nicht stören), Räuchern und Steine. Bisher war ich ein sehr unruhiger Mensch mit "Hummeln im Mors", wie man in meiner Heimat zu sagen pflegt. Innere Ruhe zu erlernen ist mein vorrangiges Ziel, das aus meinem Bauchgefühl entspringt und das wiederum ordne ich der Seele zu. Aus ihr beziehe ich meine Lebensenergie.
Vernachlässigt man seine Spiritualität, so verkümmert sie - wie eine Pflanze eben. Um eine verkümmerte Pflanze wieder aufzupeppeln, bedarf es viel mehr Pflege als für den kontinuierlichen Erhalt nötig ist. Darum sage auch ich, Spiritualität kann man nicht verlieren, man kann sie aber verdrängen oder missachten und damit die Verbindung zur Energiequelle unterbrechen. Das fühlt sich dann wie ein Verlust an: Der Verlust an Energie und möglicherweise auch Lebensmut.

Bei der Zuordnung von Seele und Geist vertrete ich die Sichtweise von Greenman, sofern ich ihn richtig verstanden habe. Die Seele ordne ich meiner Gefühlswelt zu, dem Un- und Unterbewussten, der Geist (Ratio) ist da eher kühl, sachlich orientiert. Z.B. im technischen Gespräch mit Arbeitskollegen "wirkt" mein Geist, die Seele tritt bei persönlichen (Herzens-)Angelegenheiten in den Vordergrund. Die Begrifflichkeiten sind im Deutschen auch etwas vermengt: Geist ist gleich Spiritus, aber spirituell ist das Wirken der Seele. Wie kommuniziert der Geist mit der Seele? Steht er ihr manchmal im Weg? Damit komme ich aber vom Thema ab - das wäre ein eigener Thread. Vielleicht zusammen mit der Frage nach der Sterblichkeit des Geistes.

Liebe Grüße
Gwion

 
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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#13 von elHakim , 19.03.2013 21:34

Hallo Gwion,

du hast mir aus der Seele gesprochen. Dein Bild von dem Pflänzchen, das der Pflege bedarf, finde ich sehr passend. So ist die Saat zur Spiritualität in uns, bedarf aber der Entwicklung und danach der steten Pflege.

Es besteht optimalerweise ein Gleichgewicht zwischen spirituellem Verhalten und nüchterner Ratio. Wahrscheinlich kontrollieren sie einander. Ist eines davon unter- oder extrem überentwickelt, wirst du "schräg". Wobei oft erst die anderen die Schieflage bemerken.

 
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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#14 von Jonathan , 20.03.2013 20:21

elHakim schreibt:

Zitat
Dein Einwand geht allein von der Annahme aus, dass der Geist sterblich ist. Was, wenn nicht?


Der Begriff "Geist" wird unterschiedlich ausgelegt. Zum Beispiel als Bewußtsein, Intelligenz, Spiritualität, Grips oder auch als Seele, Wesen, Sinn oder auch als Gespenst. Deshalb ist Deine Frage berechtigt. Ich meine mit Spiritualität das Bewußtsein und seine Tätigkeit. Wenn der Körper stirbt, gibt es auch kein irdisches Bewußtsein mehr. Die Tätigkeit hat aufgehört. Es gibt also keine Totengeister.
Wenn Du aber den Begriff "Seele" meinst, dann ist sie für mich ein Teil Gottes und damit meiner Meinung unsterblich. Die Seele macht meiner Ansicht eine Geschichte durch, bzw. sie ist informiert. Die Zeit und der Aufenthalt im Raum haben sie beeinflusst.
Über unseren CHEF, dem die Seelen gehören, kann es - nach meiner Auffassung - eine Verbindung mit den Seelen der Lebenden und Verstorbenen geben. Die Seele reflektiert die Reize in das Bewußtsein, je nachdem in welchem Zustand sie ist. Also wird die Spiritualität (meiner Ansicht) dort beeinflußt. Ohne diese Eingebung könnten die Menschen wenig Neues erfinden. Die Spiritualität kann genutzt werden für gute und böse Absichten. Damit kann die Sünde an ihr kleben. Die Spiritualität ist eine Eigenschaft der menschlichen Tätigkeit.
Gruß Jonathan

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RE: Kann man Spiritualität verlieren?

#15 von Knegel , 20.03.2013 21:49

Hi,

wenn Spiritualität den Glauben an ein höheres Wesen, an eine Seele etc beschreibt, dann kann man Spiritualität verlieren, genauso wie man sie bekommen, bzw erlernen kann. Zumindestens gilt das für alle nicht absolut "Erleuchteten". Wenn sogenannte Sekten einen "normal Nichtspirituellen" zum ersten mal von dem vorhandensein von Spiritualität überzeugen, wird das ja oft als Gehirnwäsche abgetan. Diese "Neuspirituellen" geraten durch die neuen Überzeugungen bzw Erfahrungen ja oft genug so aus dem Häuschen, daß es dann für die anderen "Nichtspirituellen" sehr verrückt aussieht und Gehirnwäsche dann negativ verknüpft wird.
Letztlich ist es aber eine Gehirnwäsche, die Gegenmaßnahme wird dann "den Kopf waschen", was oft eine durch mehr oder wenig gute Argumente oder auch Polemik geführte "Gegengehirnwäsche" ist.
Je nach dem welche Argumente besser sind und wie extrem die spirituellen Erfahrungen des Einzelnen sind kann man dann auch wieder vom "Glauben" abfallen. Selbiges kann auch passieren, wenn man mit zu vielen unterschiedlichen Glaubensrichtungen konfrontiert wird, was die Spiritualität adabsurdum führen kann. Oder wenn der "erlernte" Glaube von scheinheiligen Organisationen agressiv vertreten wird kann man auch vom Glauben abfallen. Persöhnliche Schicksalsschläge können einem jeden Glauben an ein höheres Wesen oder an eine Seele nehmen.
Wir reden ja schließlich von Glauben und auch der Glaube an ein einmaliges Leben, ohne Seele, rein Materiel hat seine Berechtigung.
Wenn man Spiritualität allgemein als "Gläubig" beschreibt, dann kann diese nicht verlernt oder erlernt werden, weil jeder Mensch an etwas Glaubt, und wenn es die Deutsch Bank ist. Es gibt viele Religionen, manche Glauben an nur ein Höheres Wesen, andere an viele Götter, andere nur an Geister, manche glauben an Wiedergeburt, andere nicht, manche glauben nur an ein Leben mit oder ohne Seele, andere glauben, daß wir nur Reizreaktionsmechanismen sind, angetrieben von der Energie der Sonne. Die einzigen die vielleicht keinen Glauben haben sind die extrem Depressiven.

@Dimturien, Rituale sind kein Zauberwerk sondern normal in unserem Leben. Das Tägliche Zähneputzen ist schon ein Ritual, Hallo zur Begrüßung, Händeschütteln, Malzeiten zu geregelten Zeiten, der regelmäßige Mittagsschlaf, regelmäßig Feste feiern etc, das alles sind schon Rituale, um bestimmte Zustände erreichen. Auch Beerdigungen folgen meist einem Ritus, auch die Führerscheinprüfung oder Ausbildungsabschluß können als Initiationsrituale gelten, welche die oft viel zu frühe Konfirmation oder Kommunion abgelöst haben.
Einige der "normalen Rituale" sind eigentlich spiritueller Natur, wobei dieses in unserer Gesellschaft oft vergessen bzw ignoriert wird.
Meine Frau hat z.B. früher jeden Abend gebetet, hierbei sinnt sie über den Tag, bzw über Dinge die sie beschäftigen und sie bittet um Verzeihung wo sie meint, daß es richtig ist und manchmal bittet sie ihren Gott um etwas.
Ich habe ein Einschlafritual, ich versetzte mich geistig in eine mehr oder weniger reale Situation und lasse mich dort hineinfallen, dann schlafe ich ruck zuck ein. Manchmal weiß ich dann nicht ob ich noch wach bin oder schon schlafe. Durch dieses Ritual habe ich z.B. Motorad fahren, Modelflugzeug fliegen, Rechnen uvm quasie im Schlaf erlernt bzw geübt.
So lange Du positive Absichten und Gedanken hast, kannst Du mit Ritualen wohl nur positives erreichen, also keine Angst.

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