Worte sind Fenster

#1 von Pali , 28.11.2012 12:29

Im Zusammenhang mit gewaltfreier Kommunikation las ich eben folgendes Gedicht von Ruth Bebermeyer, das ich gerne mit euch teilen möchte.

Worte sind Fenster
(oder sie sind Mauern)

Ich fühle mich so verurteilt von deinen Worten,
Ich fühle mich so abgewertet und weggeschickt,
Bevor ich gehe, muß ich noch wissen,
Hast du das wirklich so gemeint?
Bevor ich meine Selbstverteidigung errichte,
Bevor ich aus Verletzung und Angst heraus spreche,
Bevor ich diese Mauer aus Worten baue,
Sage mir, habe ich richtig gehört?
Worte sind Fenster oder sie sind Mauern,
Sie veruteilen uns oder sprechen uns frei.
Wenn ich spreche und wenn ich zuhöre,
Licht der Liebe, scheine durch mich hindurch.
Es gibt Dinge, die ich sagen muß,
Dinge, die mir so viel bedeuten.
Wenn sie durch meine Worte nicht klar werden,
Hilfst du mir, mich freizusprechen?
Wenn es so schien, als würde ich dich niedermachen,
Wenn du den Eindruck hattest, du wärst mir egal,
Versuch' doch bitte, durch meine Worte hindurch zu hören
Bis zu den Gefühlen, die wir gemeinsam haben.

 
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RE: Worte sind Fenster

#2 von Lizandra , 28.11.2012 17:23

Dazu fällt mir Paracelsa ( bei einer Untersuchung der Gebeine des Paracelsus wurde eindeutig weibliche Merkmale festgestellt, das bedeutet: er war entweder eine Frau oder ein Hermaphrodit) ein, die sagte:
"Was krank macht kann auch heilen!" und so ist es auch mit Worten, mit Kommunikation überhaupt - sie können verletzten oder heilen. Und darüber entscheidet der Hörer, der Empfänger der Botschaft.

Liebe Grüße Lizandra, die Keltin

... und Danke mal für die vielen erfrischenden Beiträge von Dir hier im Forum!

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RE: Worte sind Fenster

#3 von Ceridwen , 29.11.2012 07:34

Seit gut einem Jahr hinterfrage ich meine Worte. ich habe einen Jugendlichen kennen gelernt, der ganz normale Wörter falsch versteht. Das ist oft nicht einfach für mich. Oft auch langwierig, weil viel auf einfacher Stufe erklärt werden muss. Aber auch von meiner Seite aus verstanden werden muss. Eine wirkliche Hrausforderung und macht mir immer wieder bewusst, was Worte sind.

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RE: Worte sind Fenster

#4 von Pali , 29.11.2012 08:22

@Lizandra: herzlichen Dank für deinen Kommentar.

@Ceridwen: gibt es falsch verstehen? Versteht er vielleicht einfach anders als das was du gemeint hast zu senden?
Mein Sohn schrieb eine Projektarbeit zum Thema "neuronale Vernetzungen durch Musizieren bei Jugendlichen". Seither weiss ich, dass Myelin die Nervenzellen umgibt. Myelin hat eine kristalline Struktur. In der Pubertät kommt es zu erhöhter Myelin Produktion, was dazu führt, dass die Informationen anders gebrochen und weitergeleitet werden als bei geringerem Myelin Vorkommen. Das hat zur Folge, dass Jugendliche Worte, Töne, Verhalten häufig anders interpretieren als das, was der Sender zum Ausdruck bringen wollte.
Wir (mein Sohn und ich) unterhielten uns häufiger über das Thema, die Unterschiede in seiner und meiner Wahrnehmung. Das ist durchaus eine sehr herausfordernde Zeit für die Jugendlichen und ihr gesamtes Umfeld. Wir kamen zu dem Gedanken, dass die Jugendlichen vielleicht diese besondere Zeit benötigen um sich abzugrenzen, eigene Wege zu finden, sich abzunabeln und der Mutter die Abnabelung leichter zu machen. Das Traurige bei der Sache ist, dass sie sich in der Zeit alleine fühlen. Niemand scheint sie zu verstehen, sie suchen Anschluss bei anderen nicht-verstandenen, da deren Erfahrungswelt ähnlich ist. Ich dachte damals häufig, wenn der Grundstein der Erziehung gut ist, dann überstehen die Kinder das ohne grössere Blessuren.
... das liest sich zwar als hätten wir immer gut miteinander kommunizieren können, dem war leider nicht so. Mein Sohn führte mich in der Zeit durchaus an meine Grenzen und ich ihn an seine

 
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RE: Worte sind Fenster

#5 von Pali , 30.11.2012 07:05

Kennt ihr das auch? Ich meine, wenn Worte Fenster sind und das was gesehen wird anders verstanden wird, als das was der Sender bewirken wollte?

 
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RE: Worte sind Fenster

#6 von Taran , 02.12.2012 22:41

Zitat von Pali
Kennt ihr das auch? Ich meine, wenn Worte Fenster sind und das was gesehen wird anders verstanden wird, als das was der Sender bewirken wollte?



Ich denke dies ist in unserer Diskussion in meinem Willkommens Thread passiert.

Der Gebrauch von Wörtern ( Fenstern) wird von jedem anders interpretiert. Genau dies sind auch die tieferen Ursachen von Missverständnissen.

Ich wäge daher in direkten Diskussionen nicht nur die Worte ab, sondern auch die Gesten und den Gesichts/Augenausdruck desjenigen in Kombination von allem.
Bei reiner Schriftform fehlen diese "Hilfsmittel". Man sollte auch bedenken das Gespräche nur zu 20% über das Gesprochenen ausgewertet werden... die visuelle Unterstützung durch gestik und Mimik gibt uns erst die Hinweise, wie unser Gegenüber diesgemeint haben könnte.

Dies schlüsselt der Mensch dan aufgrund seiner Erfahrungen aus, was natürlich auch in die falsche Richtung gehen kann, aber bei einem "kompletten"Meinungsauastausch, der nicht nur über das Wort wahrgenommen wird ist hier die Fehlerquote sehr gering.
Natürlich muss hier beachtet werden, dass es durchaus Menschen gibt die dies absichtlich irreführend einsetzen.

Gruss Taran

 
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RE: Worte sind Fenster

#7 von Pali , 03.12.2012 07:29

Zitat von Taran

Der Gebrauch von Wörtern ( Fenstern) wird von jedem anders interpretiert. Genau dies sind auch die tieferen Ursachen von Missverständnissen. ...
(....) Bei reiner Schriftform fehlen diese "Hilfsmittel". Man sollte auch bedenken das Gespräche nur zu 20% über das Gesprochenen ausgewertet werden... die visuelle Unterstützung durch gestik und Mimik gibt uns erst die Hinweise, wie unser Gegenüber diesgemeint haben könnte.

Dies schlüsselt der Mensch dan aufgrund seiner Erfahrungen aus, was natürlich auch in die falsche Richtung gehen kann, aber bei einem "kompletten"Meinungsauastausch, der nicht nur über das Wort wahrgenommen wird ist hier die Fehlerquote sehr gering.
Natürlich muss hier beachtet werden, dass es durchaus Menschen gibt die dies absichtlich irreführend einsetzen.



@Taran: Habe ich dich richtig verstanden, meinst du, dass die reine Schriftform schwieriger zu verstehen ist als die Komplixität im direkten Meinungsaustausch?

 
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RE: Worte sind Fenster

#8 von Sinaris , 05.12.2012 01:56

Worte = Fenster?

Ich fand es immer wichtig Worte zu definieren. Es ist erschreckend, was aus der Sprache geworden ist. Die definition von Worten ist so fürchterlich schwammig und bei einigen menschen gar willkürlich. Oft kann man aber so auch erkennen, was ein Mensch verstehen möchte oder in welcher Verfassung der Verfasser ist.

Mimik, Gestik und Aura sind natürlich viel tiefer gehend, um das Gegenüber direkt deuten zu können. Ist doch ganz klar... wenn ich nur ein Signal (Text) sende, ist das viel leichter falsch zu interpretieren als das zusammenspiel diverser Sender. Eine Beleidigung kann mit einem Lächeln und geöffneten Armen (ich glaub nur unter Männern, oder?) zu einem Rückentätscheln werden.

Ich selbst zum Beispiel springe enorm in Emotionen. Ich kann heute liebkosen, was ich morgen niederreisse. Mir mangelt es oft sehr an der menschlichen Komponente. Ich diskutiere das Thema, selten den Menschen dahinter. Heute mit roten Rosen komme ich morgen als Derwisch mit Klingen. Aber gerade beim Philosophieren veruch ich immer in erster Linie das Thmea und so gut wie garnicht die Menschen dahinter zu sehen.

Gemeingültigkeit. Denn hier geht es um "Generelles", auch wenn es immer irgendwo persönlich bleibt. Da werden meine Worte auch schnell mal nicht zum Fenstern, sondern zu den Brettern, die es vernageln.

Für mich bleibt es simpel Kommunikation und Austausch. Der kann ein seichter Kuss auf der Wange wie der zerfetzende Sturm im Wasserglas sein.

Gruss
Sinaris

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RE: Worte sind Fenster

#9 von Ceridwen , 06.12.2012 15:52

Aus meiner Sicht kann man von den Worten auf die Gednaken schließen. Und die werden immer einfacher.

Pali, das ist interessant.Meine Schwester ist Anthroposophische Musiktherapeutin, ein sehr interessantes Feld. Aus meiner Sicht ist der junge Mann als kInd sehr vernachlässigt worden. Es geht hier um Alltagwörter, um allgemeine, ganz normale Begriffe, die ich ihm mühsam erklären muss. Darum, was man zum Beispiel mit einem Mädel anfängt, wenn es zu Besuch ist. Usw. Für mich erschreckend.
Da ich drei Kinder habe, kann ich von der Pupertät ein Lied singen. Meine Cousine hat gerade zwei drin. Bei der 13jahre alten Tochter darf nicht einmal mehr chai latte gesagt werden, weil sie dann einen Lachanfall bekommt. Mal vom Zicken abgesehen.
Aber mit allen ist eine eingermaßen normale Unterhaltung möglich.

Für ein Arbeitsbuch mit Runen ,das mit viel Glück meine Schwester zu Weuhnachten von mit bekommt, geht es auch um Worte. Und es war das Wort mutter, das die größten und unterschiedlichsten Gefühle ausgelöst hat.

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RE: Worte sind Fenster

#10 von Pali , 06.12.2012 16:17

Ja, das Wort "Mutter" ist schon sehr eigen und sagt gleichzeitig vieles aus. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass es große Emotionen mit sich bringt. In meiner Arbeit als Systemcoach habe ich schon sehr häufig beobachtet, dass das Wort "Mama" noch mehr Emotionen aufkommen lässt.

 
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RE: Worte sind Fenster

#11 von elHakim , 07.12.2012 20:36

Es ist eine triviale Erkenntnis, dass das, was einer ausdrückt, anders interpretiert werden kann, weil es unglücklich ausgedrückt oder anders aufgefasst wurde.
Das Eingangsgedicht wirkt auf mich wie eine Anklage, wobei sich der Kläger keine Gedanken darüber macht, ob er nicht selber Teil des Problems ist.

 
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RE: Worte sind Fenster

#12 von Pali , 08.12.2012 07:57

"Worte sind Fenster" ist eine triviale Erkenntnis. Das stimmt. Bei ungeübten Nutzern zeigen sie den aktuellen Gefühlszustand und die Grundeinstellung im Leben. Bei geübten Wort-Nutzern (wie z.B. ausgebildeten Trainern und ausgebildeten Moderatoren) zeigt sich die Nutzung in der Art ihrer Ausbildung z.B. gewaltfreie Kommunikation.

Du hast Recht, es ist trivial. Wie vieles essenzielles im Leben. Die Bedeutung der Worte erhalten diese durch das, was von uns in sie hineininterpretiert wird. Was für dich wie ein Angriff klang, das kam bei mir beim ersten Mal lesen wie eine Entschuldigung und Bitte um Verständnis an. Nach den Kommentaren lese ich es wieder und je häufiger dies vorkommt, um so mehr Facetten sind im Text auffindbar.

 
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RE: Worte sind Fenster

#13 von elHakim , 08.12.2012 23:07

Ja, man kann auch Töne der Entschuldigung heraushören. Dazu scheint mir der Handelnde seine Aggressivität gegenüber anderen zu bereuen.
Ich denke, es wäre vielen schon geholfen, wenn sie wüssten, dass Worte sowohl Brücken wie auch Mauern formen können.

 
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RE: Worte sind Fenster

#14 von Pali , 09.12.2012 08:37

Zitat von elHakim
Ja, man kann auch Töne der Entschuldigung heraushören. Dazu scheint mir der Handelnde seine Aggressivität gegenüber anderen zu bereuen.



Ist es so, dass der Handelnde seine Aggressivität anderen gegenüber bereut? oder könnte es sein, dass das eine Interpretation ist? Für mich liest es sich so, dass "falls" der andere Worte als aggressiv empfinden sollte, um Verständnis und Entschuldigung gebeten wird.

Zitat von elHakim
Ich denke, es wäre vielen schon geholfen, wenn sie wüssten, dass Worte sowohl Brücken wie auch Mauern formen können.


Ja, das denke ich auch. Wobei die Worte eines sind und was beim Empfänger ankommt, das kann etwas ganz anderes sein. Ich glaube, wenn wir uns und unsere Worte selbst beobachten, wie eigene Worte auf andere wirken, dann können wir zum Architekten im eigenen Haus werden. Es innen wie außen nach individuellem Bedürfnis gestalten.

 
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RE: Worte sind Fenster

#15 von elHakim , 09.12.2012 12:27

[quote="PaliIch glaube, wenn wir uns und unsere Worte selbst beobachten, wie eigene Worte auf andere wirken, dann können wir zum Architekten im eigenen Haus werden. Es innen wie außen nach individuellem Bedürfnis gestalten.[/quote]

Das, was du schreibst, klingt richtig, auch die Mahnung, mit dem Gebrauch der Sprache bedacht umzugehen. Es soll nur nicht soweit gehen, dass ich in "vorauseilendem Gehorsam" Dinge nicht mehr äußere, wie ich sie sehe, sondern so, wie ich glaube, dass der andere sie sehen möchte. Verführe ich so, degradierte ich mich zum Politiker.

 
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