Gedankenbild: Stadtgeflüster

#1 von Sinaris , 21.06.2012 02:00

Es ist wieder soweit. Ich stehe in der Strasse und jeder Gedanke der an mir vorbeifliegt, ist mir zu viel. Es ist nichtmal das rücksichtlose anrempeln, es ist das unbewusste durchfahren. Meine Gedanken fangen an zu schwimmen, zu vibrieren und es ist als quetschen sich fremde silben in meine gedachten Worte. Meine eindrückte beginnen sich fremd zu verschrenken.

Einatmen jetzt. Hier. Was rieche ich? Der wilde Mischmasch von Bratwurst, billigem Deo und der verbrauchten Luft des Kaufhauses neben mir. Raus damit und wieder einatmen. Na Klasse... wieder der... NEIN. Ich spüre noch einmal nach. was ich wirklich rieche ist der Duft von frischem Moos und wilden Weiden. Ich öffne meine Augen und das erste was ich erspähe ist eine kleine Fee, mit Strohhut und einem Grashalm im Mund. Sie sitzt auf dem Schild des Photogeschäfts und baumelt mit einem Bein gelangweilt. Ich drehe meinen Kopf zu dem Kaufhaus und sehe zwei pummelige Trollkinder die gerade angefangen haben den Schaufensterpuppen wilde Grimassen ins Gesicht zu malen. Da wuselt ein Haufen Heinzelmännchen durch meine Beine, die hektisch ein Brillengeschäft suchen, in dem sie heute aushelfen wollten. Ich folge den Zipfelmützen eine Weile, bis sie sich an die Wand pressen, weil ein Rauhschuppendrache über die Dächer hüpft. Ich knie mich herunter und versichere den verängstigten Gestalten, das sie sicher nichts zu befürchten haben.

Ein paar Passanten sehen mich irritiert an, kurz überlege ich ob ich mich schämen sollte, aber dann fängt ein Schneewolf meinen Blick. Er sitzt vor einem Laden für Geschenkartikel und blickt mich aus fiedlich ruhigen Augen an. Wie gerne würde ich durch die dichte Mähne fahren aber ich will nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Ich gehe zu der Passage und betrachte das wilde Treiben einer Horde Pixies, die um den Fahnenschmuck der italienischen Woche stürmen. Wie die kleinen Wesen dort oben drehe ich mich einmal im Kreis, gut getarnt mit einem prüfenden Blick in alle Richtungen, als würde ich jemanden suchen. Das hat gut getan. Schade. Eine zweite drehung würde wohl auffallen. Durch den Glashimmel kann ich wieder den Drachen sehen, der immernoch seine Runden über den Dächern zieht. Ich gehe zum Eisstand und bestelle eine gemischte Eistüte mit extra viel Sahne. Nachdem ich das Einkaufscenter verlassen habe, stecke ich die Eistüte in ein Zierbeet und wünsche einen guten Appetit ins nichts, bevor ich weitergehe.

Ein kleines Dankeschön, dafür das ich endlich wieder meine Stimme höre.

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RE: Gedankenbild: Stadtgeflüster

#2 von WaldSeele , 21.06.2012 02:18

gefällt mir SEHR gut
.. Danke.. macht mir Freude!.. ich seh sie richtig vor mir.. die magische Bande..

lieber Gruß an Dich

 
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RE: Gedankenbild: Stadtgeflüster

#3 von Serpentia , 21.06.2012 10:44

Wunderschön, danke Sinaris, dass du uns den Zauber des Alltags wieder einmal nähergebracht hast!

 
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RE: Gedankenbild: Stadtgeflüster

#4 von Tatjana , 21.06.2012 13:38

Wie zauberhaft im wahrsten Sinne des Wortes... danke!

 
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