Helikopter-Eltern

#1 von angelikaherchenbach , 14.05.2012 20:43

Vorsicht, jetzt kommt Gejammer meinerseits!

Heute stand es sogar auf Seite 1 unseres regionalen Monopol-Käseblättchens:
Helikopter-Eltern - das heißt Eltern, die ständig mit Suchgerät über ihren Kindern kreisen, sie niemals aus den Augen lassen, jede nur denkliche Sicherheitsmaßnahme ergreifen, damit dem hoffnungsvollen (????) Nachwuchs nur ja nix passiert.
Ergreifen oder in Auftrag geben - nach Möglichkeit kostenneutral...

Seit einigen Monaten habe ich das Vergnügen, aushilfsweise in einer sog. Freiwilligen Ganztagsschule für Ordnung zu sorgen, da Angestellte von uns dort für Zustände gesorgt hatten, die wir konzeptionell nicht vertreten.

Den Verdacht hege ich schon länger, doch seit heute weiß ich, daß die Eltern das , was wir abschaffen wollten, genau WOLLEN:
Lückenlose Überwachung, null Freiraum, zwangsweise "sinnvolle" Beschäftigung, dabei aber "individuelle Interessen aufgreifen" und "Bildung vermitteln"...

Grrr!

Der Fußball macht Abdrücke an der Hauswand, die Sprunggrube darf nicht zerbuddelt werden, die Wiese macht nasse Schuhe und grüne Flecken, Stöcke können verletzen, von Bäumen kann man runterfallen - und überhaupt gibt es doch so tolle neue Spielgeräte aus Edelstahl...

Vermutlich die gleichen Eltern, die dem Lehrer in der 10. Klasse Vorhaltungen machen, dass er seinen Chemie-Unterricht falsch aufzieht (Frage meinerseits: Haben die dieses Jahr überhaupt Chemie?), die am liebsten die Kinder mit dem Auto bis ins Klassenzimmer fahren würden und beim Aufenthalt im Schullandheim auf Handies bestehen - und die beim Schulfest die tollsten Kuchen backen.


Ich weiß, wir hatten das alles schon mal in anderen Unterforen.
Und ich weiß auch, ich werde alt und nostalgisch.

Aber ich frage mich:
Was für eine unselbständige, naturfremde, ängstliche Generation ziehen wir da heran?
Und wie kann ich in solchen Zusammenhängen noch glaubwürdig pädagogisch arbeiten - glaubwürdig v.a. für mich selbst.

Ich frage Euch.

Angelika

angelikaherchenbach  
angelikaherchenbach
Besucher
Beiträge: 3.560
Registriert am: 04.01.2009


RE: Helikopter-Eltern

#2 von Anna , 15.05.2012 23:21

Zitat von angelikaherchenbach

Aber ich frage mich:
Was für eine unselbständige, naturfremde, ängstliche Generation ziehen wir da heran?
Und wie kann ich in solchen Zusammenhängen noch glaubwürdig pädagogisch arbeiten - glaubwürdig v.a. für mich selbst.




Ja ich weiß, Mühlsteine sind grauenhaft. und höhlen einen aus.

Im Fernsehen lief Club der toten Dichter und ich bin beim zappen in die Schlußszene geraten, wie die Jungs auf dem Tisch stehen und rufen" Captain mein Captain"
Und geht es nicht darum? Egal was die Eltern sagen, oder der Rektor der Schule, der Lehrer ist seinen Weg gegangen, kann sich morgens noch im Spiegel begegnen, und ein Teil seiner SChützlinge geben ihm deutlich zu verstehen, "hey, du hast bei mir was positives bewirkt."

Klar ist deine Altersgruppe noch nicht so weit, dass sie so reflektieren können, wie die Jungs vom letzten Schuljahr, (frage ob man das da schon kann, oder es wirklich erst ein paar Jahre später) aber geht es um die ELtern? um die schule? oder darum dass da mal irgendwann eine in einem Forum schreiben kann...ja die Lehrerin/BEtreuerin damals...wegen der war die Schule auch voller Lichtblicke und ich habe mehr mitgenommen wie Grammatik und grundrechnen...

Anna

Anna  
Anna
Besucher
Beiträge: 3.277
Registriert am: 09.01.2009


RE: Helikopter-Eltern

#3 von Solitaire , 16.05.2012 08:45

Vllt ist es gewollt, dass künftige Generationen naturfern und ängstlich sein sollen?

Ich kann mir vorstellen, dass nun gerade diese "Helikopter-Eltern" (schöner Ausdruck, sehr passend), den tragischen Unfall vor ein paar Tagen in Großostheim, bei dem eine Fünfjährige durch herabstürzende Lehmbrocken aus einer Steilwand zu Tode kam, als Anlass nehmen werden, noch mehr "Überwachung" zu fordern.

 
Solitaire
Besucher
Beiträge: 1.823
Registriert am: 26.09.2009


RE: Helikopter-Eltern

#4 von Anna , 16.05.2012 09:13

Ich denke, dass wir allgemein in diesese Überwachen, bzw beobachten als Gesellchaft hineingeraten sind.

Big brother is watching you, Dokusoaps über das Leben von anderen...wir überwachen permanent überall. Und es scheint auch die gesellschaftliche Lösung für alles zu sein.
"Da muss mehr Überwachung her." "das müssen wir besser kontrollieren können...."

Frage ist auch ob diese lange Friedenszeit nich die Angst vor dem Tod begüngstigt hat, und wir nicht nur weil wir die Möglichkeiten zur Überwachung haben (Handy, webcam etc) sondern weil wir auch Angst haben, ein Kind zu verlieren oder den Partner oder was auch immer...

und vielleicht ist es auch eine Erzhiehungsfrage...da den Kinder die Erziehung schnuppe ist, und ich mich nicht drauf verlassen kann, das das was ich ihnen beibringe auch draußen umgesetzt wird, muss ich es ja kontrollieren...
oder...
noch ein Stück vom Kuchen...
Ich als Eltern denke mein Kind ist perfekt so wie es ist (auch ein Phänomen unserer Zeit, und die Ichperson ist in diesem Fall allgmein zu sehen) und der Lehrer macht alles falsch. Er geht nicht richtig mit meinem Kind um, wenn er nur das wunderabre an meinem kind sehen würde, dann würde er begreifen, dass es super klug ist, obwohl es gerade mal den normalen Anspruch an diese Altersgruppe erfüllt. Und trotzdem gehen Eltern davon aus, dass das Kind ein Superkind ist.

Und wenn es nicht draußen i mmatsch spielt sondern für die Schule übt kann es auch beim G8 mithalten und einen guten Job kriegen udn später mal besser haben als wir... Und da bist du als Erzieherin schuld, wenn es schlechte Noten heimbringt.

So genug auf den Eltern rumgetreten...was willst du als Erzieherin erreichen? willst du für die Kinder da sein? für die Eltern? für die Schulbehörde? Wo ist dein Weg? und wo sind die Ablenkungen von außen? trotz der Bedingungen von außen den Kindern den Raum zu bieten den sie brauchen?

Anna

Anna  
Anna
Besucher
Beiträge: 3.277
Registriert am: 09.01.2009


RE: Helikopter-Eltern

#5 von Tatjana , 16.05.2012 09:58

Zitat von Anna
Im Fernsehen lief Club der toten Dichter und ich bin beim zappen in die Schlußszene geraten, wie die Jungs auf dem Tisch stehen und rufen "Captain mein Captain"

Und geht es nicht darum? Egal was die Eltern sagen, oder der Rektor der Schule, der Lehrer ist seinen Weg gegangen, kann sich morgens noch im Spiegel begegnen, und ein Teil seiner SChützlinge geben ihm deutlich zu verstehen, "hey, du hast bei mir was positives bewirkt."



Die Schlussszene ist wunderbar... schade nur, dass sie zugleich der Moment ist, an dem der Lehrer die Schule verlassen muss, weil diese ihn für nicht mehr tragbar hält aufgrund seiner Ansichten und Lehrmethoden...

Tatsächlich ist es auch mir so ergangen, dass mich gerade die unkonventionellen Lehrer am meisten geprägt haben. Eine Englisch-Lehrerin, die zu Apartheid-Zeiten in Südafrika gelebt hat... alle hat sie gegen sich aufgebracht, weil sie mit den einheimischen Hausbediensteten gesprochen und diese als gleichberechtigt behandelt hat. Die Nachbarn, die Schwiegerfamilie und auch den eigenen Partner... so kam sie also zurück nach Deutschland und an unsere Schule. Dort hat sie in den höheren Klassen im Rahmen des Lehrplans und mit entsprechender Literatur eindrücklich Werte wie Freiheit, Unabhängigkeit, Gleichberechtigung, Mitgefühl etc. gelehrt.

Ein Philosophie-Lehrer, der äußerlich ziemlich befremdlich war und stets kurz vor der Verwahrlosung stand. Seine Ansichten und Lehrmethoden ähnelten sehr denen von John Keating im "Club der toten Dichter", nur eben auf seinem Fachgebiet. Wer es wollte, konnte es leicht haben in seinem Unterricht, niemand war gezwungen sich seinen Sichtweisen anzuschließen. Wer sich aber darauf eingelassen hat, bekam Herausforderungen, Diskussionen, Unmengen von Literatur zu allen möglichen Themen und einen wunderbaren Coach auf dem Weg in die selbst-bewusste Volljährigkeit.

Beide Lehrkräfte wurden vom Kollegium in ihren Anliegen nicht wirklich ernst genommen und von Seiten der Eltern oft misstrauisch beäugt. Aber: sie haben ihren Auftrag als wirkliche Lehrer erfüllt, weit über ihren eigentlichen Fachbereich hinaus!

Angelika, vielleicht kannst Du Deine Arbeit für Dich ähnlich gestalten... im Rahmen der vorhandenen Regeln einfach das tun, was Du für richtig hältst. Die heranwachsende Generation und das Verhalten ihrer Eltern wirst Du nicht ändern können, allein am Versuch würdest Du Dich nur aufreiben. Aber wenn Du Deine Arbeit weiter im Sinne Deiner Überzeugungen machst (und das kann man manchmal ganz leise und unauffällig tun... was meinst Du, wie häufig ich Regeln in ihrem eigenen Rahmen unterwandere) gibst Du vielleicht dem einen oder anderen Kind die Gelegenheit, eben nicht zu einem unselbständigen, naturfremden und ängstlichen Menschen heranzuwachsen. Selbst wenn es nur ein paar junge Menschen sein mögen, denen Du auf diese Weise etwas mit auf den Weg gibst... ich bin ja selbst jemand, der bis heute dankbar ist für die Lehrer, die gegen den Strom, aber stets glaubwürdig in ihrer Authentizität gearbeitet haben.

liebe Grüße, Tatjana

Ach ja, die ganze Zeit schon habe ich den Text im Kopf, den Fingayin vor geraumer Zeit gepostet hat: Kinder der 70er und 80er. Das waren noch Zeiten...

 
Tatjana
Beiträge: 1.697
Registriert am: 14.03.2009


RE: Helikopter-Eltern

#6 von angelikaherchenbach , 16.05.2012 20:41

Danke, Ihr Lieben, für Eure aufmunternden Worte!

Es geht mir auch weniger um meine persönlichen Mühlsteine - die hat wohl jede/r mehr oder weniger in seinem/ihrem Job.

Aber ich sehe da wirklich einen Trend, eine Tendenz, einen Zeitgeist der Individualisierung, Entfremdung und Versicherungsmanie, die mit den Dingen aus dem Thema "Die momentane Welt" zusammenhängen:;
Da ist eine riesengroße Angst vor den riesengroßen Problemen und Gefahren, die reell sind - und verdrängt werden müssen, wenn mensch nicht irre werden will.
Und statt dessen sucht mensch Sicherheit im Kleinen und primär halt beim Liebsten, was wir haben: den Kindern:

Der Straßenverkehrt ist so gefährlich:
Also fahren wir nach Möglichkeit bis auf den Schulhof.
Dort entsteht dann natürlich Verkehrschaos - also bauen wir NOCH sicherere Kindersitze.
Die Ozon-Werte sind zu hoch?
Also bleiben die Kinder drin und kriegen Animation.
Das Kind findet keinen Anschluß in der Gruppe?
Dann kaufen wir dann halt noch eine Ladung Tauschkarten, dann kann es sich Freunde, Ansehen, Status kaufen...

Und noch eine Zusatzversicherung mit Homöopathie zur Kranken-Zusatzversicherung...
Und noch eine Hygiene -Vorschrift, die jegliche Gemütlichkeit beim Essen zunichte macht...
Den Studienplatz sichern, bevor wir zur Zeugung schreiten....
Und noch ein ausgeklügeltes Bildungsprogramm mehr, denn es droht Arbeitslosigkeit...
Darin steht auch das Einüben demokratischer Grundregeln als Bildungsinhalt - und nicht etwa als Grundrecht, als Basis.
Und wenn alle Stricke reissen, dann gibts eine Runde extra-teure Abenteuer-Pädagogik, um ein bißchen Selbstwirksamkeit zu schmecken.

Ganz nebenbei profitiert die Wirtschaft (Versicherungskonzerne, kommerzielle Pädagogik-Anbieter, Auto-Hersteller undundund) auch noch von den Ängsten der Menschen.
Und die Muttis, deren Halbtagsjob beim Friseur echt nicht lohnt, haben die Chance, ein Quentchen Selbstwertgefühl und Anerkennung als Elternsprecherin zu kriegen.

Ja, es sind und waren immer die Mütter, die die Werte transportieren, ob gut/sinnvoll/tragfähig oder nicht, und auch wenn es krass ist, fällt mir da als Beispiel die Beschneidung der Mädchen in Afrika ein.

Sich der Lächerlichkeit preisgeben, Berufsverbot riskieren (denn mit jedem blauen Fleck am Knie und jedem grünen an den Marken-Jeans rückst Du einen Schritt näher zum Kadi!), im Rahmen der Möglichkeiten unorthodox handeln in der Hoffnung auf DAS eine Kind, das was Anderes lernt - klar, das machen wir alles, auch wenn wir keine Filmhelden sind.

Aber wo bleibt der Aufschrei?
Wann startet die Matschepampe-Baumkletter--Regenwurm-ess-Revolution?
Wie kann druidische Pädagogik in der heutigen Zeit aussehen?
Denn natürlich kann es auch keine Lösung sein, ins Exil zu gehen und unsere Fischstäbchen-Handy-WII-Kinder zu isolieren.

Angelika

angelikaherchenbach  
angelikaherchenbach
Besucher
Beiträge: 3.560
Registriert am: 04.01.2009


RE: Helikopter-Eltern

#7 von DinaLuna , 17.05.2012 10:42

Also, ich habe den Eindruck, das solche Eltern auf dem Land auch schon sind, am Anfang dachte ich das gibt es nur in der Stadt, doch ich habe das Gefühl, das es schlimmer wir. Das macht mir schon etwas angst, denn die Kinder sind oft sehr unselbständig und haben keine Gefühl für draußen. Das macht mir angst.

Liebe grüsse Martina

 
DinaLuna
Besucher
Beiträge: 7
Registriert am: 13.05.2012


RE: Helikopter-Eltern

#8 von Nachtfalke , 17.05.2012 11:24

Ich finde es insofern schlimm, weil Nebenwirkungen wie etwa ADHS, Legasthenie etc auftreten (können) und sich dann alle fragen woher das kommt usw. Noch schlimmer empfinde ich aber die Tatsache, dass manche Eltern dann auf diese "Krankheit" ihrer Kinder stolz sind (weil Legasthenie z.B. oft mit überdurchschnittlicher Intelligenz verbunden ist), stimmt mich bedenklich. Raus gehen und spielen, die Welt erkunden dürfen die Kinder nicht mehr. Lieber sicher im Wohnzimmer oder Zuhause verwahrt wo sie Computerspiele spielen und Chips und Cola in sich reinstopfen.
Und sich dann aufregen, wenn irgendwas nicht hinhaut... (und allen anderen die Schuld geben, nur sich selber nicht)
Ja, ich fühle mit dir :-/

Nachtfalke  
Nachtfalke
Besucher
Beiträge: 340
Registriert am: 08.09.2010


RE: Helikopter-Eltern

#9 von kerstin , 01.11.2012 09:45

Hallo Angelika,
das Phänomen von "Helikoptern" (cooler Ausdruck übrigens) gibt es bei uns in der Erziehungshilfe schon immer: Z. B. aus Angst vor Kontrollverlust oder übersteigertem Verantwortungsgefühl werden die Schützlinge stark überwacht und kontrolliert. In den letzten Jahren aber wurde uns ein pädagogischer Ansatz vorgestellt, der im Grunde das Gegenteil verlangt, um Jugendliche letztendlich dazu zu "erziehen", SELBST Verantwortungs übernehmen zu können bzw. zu wollen: Positive Peer Culture, Respekt als Antwort und Prinzip (Larry Brentrow), beruhend auf einem Entwicklungsmodell, das angeblich von Indianern überliefert wurde: Dem "Circle of Courage" http://www.wegdervision.ch/inhalte-methoden/circle-of-courage/. Das ganze Modell vorzustellen führte hier zu weit, zumal es sehr speziell auf die Erziehungshilfe zugschnitten ist. In Punkto Verantwortungsübernahme sagt es folgendes:

- Sind die Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Respekt und Lernmöglichkeiten erfüllte, wird der Mensch in der Lage sein, verantwortungsvoll zu handeln (Circle of courage). Er wird die Normen der Gruppe übernehmen und sich innerhalb dieser persönlich weiterentwickeln

- (Selbst)verantwortung kann nur gelernt werden, wenn dem Menschen auch - alters- bzw. entwicklungsangepasste
- Verantwortung übergeben wird und dieser damit ein Stück weit seine Erfahrungen machen kann, d. h. auch Fehler machen darf. Den Kindern/Jugendlichen Verantwortung zuzutrauen und sie dabei zu unterstützen ist hilfreich, Überwachung und Kontrolle bewirken das Gegenteil.

- die Rolle des Erziehers ist eher die eines Beraters. Er berät den Jugendlichen - wenn er gefragt wird -, wie dieser zu seinen Zielen kommen kann und trotzdem verantwortlich handelt. Hierzu ist eine BEIDERSEITS vertrauensvolle Beziehung nötig.

- am besten können sich Gleichaltrige gegenseitig lösungsorientiert beraten, wenn dies ihnen beigebracht wird (PPC).

Ich finde diesen Ansatz sehr interessant und könnte ihn mir auch als Grundlage einer druidischen Pädagogik vorstellen.

Viele Grüße
kerstin

kerstin  
kerstin
Besucher
Beiträge: 288
Registriert am: 02.12.2009


RE: Helikopter-Eltern

#10 von Titania , 01.11.2012 12:16

Ich glaube solche Helikopter Eltern gibt es schon immer. Die sind kein Phänomen unserer Zeit, nur haben wir jetzt dafür einen Namen, wie für so vieles. Früher hatte das Kind "Hummeln im Hintern" jetzt hat es ADHS und diese Diagnose wird wohl auch häufiger gestellt, jetzt wo dieses Verhalten einen Namen hat, dabei muß das Kind nicht mal ADHS haben, sondern wirklich nur etwas lebhafter sein.
Ich teile zwar nicht die Bedenken dieser Eltern, aber ich kann sie verstehen.
Die Eltern sollten alle eine gesundes Verantwortungsbewußtsein haben und sich ja auch um ihre Kinder kümmern. Wenn den Kindern mal irgendwas zustößt, wird ja auch gleich geguckt, ob sie ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt haben. Dann bekommt man alle naselang wieder einen Bericht in den Nachrichten vorgesetzt, wo wieder ein Kinder verschwunden ist und/oder vergewaltigt/mißhandelt oder sonstwas schreckliches. Meist passiert auf dem Schulweg hin oder zurück. Manchmal auf den Wegen zu Freunden. Da es so häufig vorkommt, macht man sich als Eltern so seine Gedanken und will natürlich diese Gefahren minimieren und bringt lieber die Kinder überall hin als das sie irgendwann jemand klaut.
Dazu kommt, dass vom Gesetzgeber nun dieses vermaledeite G8 eingeführt wurde. D.h. wenn aus dem Kind was werden soll, dann muß es sich ranhalten, denn Zeit für Spielen oder dergleichen, so wie wir früher hatten, haben sie nicht mehr... allein schon vom Gesetzgeber aus. Und wenn man nicht als Hilfsarbeiter enden will, muß es schon Gymnasium sein, denn Ausbildungsplätze wo man später auch genug Geld zum Leben verdient werden nicht an HAuptschüler und mittlerweile auch schon weniger an Realschüler vergeben. Das war früher bei uns auch anders.
Da stehen die Eltern also echt in der Klemme. Selbst wenn sie ihren Kindern eine ungezwungene Kindheit und Jugend (vorallem ja Jugend, im Kindergarten und Grundschule gehts ja noch) ermöglichen wollten,... ihnen wird von allen Seiten Steine in den Weg gelegt oder ihre Ängeste geschürt.
Ich denke aber auch, dass es diese sogenannten Helikopter-Eltern nicht so häufig gibt, wie uns alle weismachen wollen. In jedem Jahrgang gibt es davon ein oder zwei krasse Exemplare und die anderen liegen mehr oder weniger dazwischen.
Meine Tochter geht in den Waldkindergarten und dort lernen sie mit der Natur und in der Natur zu leben. Ich glaube, sie wird schon früh genug in der Schule drinne sitzen müssen. Und selbst in dieser Gruppe gibt es eine Mutter, die rumzickt und für die die ganzen Regeln nicht gelten, im guten wie im schlechten Sinne. Aber ich kann mich erinnern, auch zu meinen Schulzeiten gab es solche Eltern.

Ich glaube, als Lehrer bekommt man von der Schule gewisse Vorgaben (wahrscheinlich). Solange die eingehalten werden (man kann sie ja auch etwas dehnen... ) kann man sich als Lehrer in dem Rahmen mehr oder weniger "ausleben" und sein Ding machen, von dem man meint, dass es den Schülern positives bringt. Dabei kommt es vorallem auf die Authenzität des Lehrers an und nicht unbedingt darauf, dass er andauernd Regeln überschreitet, die vorgegeben sind. Man kann als Lehrer auch innerhalb der Vorgaben/Regeln ein Unikat sein an das sich die Schüler ein Leben lang erinnern werden.

Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird... auch wenn man diesen Spruch nicht mehr hören mag,.. es steckt viel wahres drin... manchmal hilft nur ein Problem aussitzen...

 
Titania
Beiträge: 224
Registriert am: 29.08.2012


RE: Helikopter-Eltern

#11 von Thaddaeus , 09.11.2012 14:22

Zitat von Titania
Ich glaube, als Lehrer bekommt man von der Schule gewisse Vorgaben (wahrscheinlich). Solange die eingehalten werden (man kann sie ja auch etwas dehnen... ) kann man sich als Lehrer in dem Rahmen mehr oder weniger "ausleben" und sein Ding machen, von dem man meint, dass es den Schülern positives bringt. Dabei kommt es vorallem auf die Authenzität des Lehrers an und nicht unbedingt darauf, dass er andauernd Regeln überschreitet, die vorgegeben sind. Man kann als Lehrer auch innerhalb der Vorgaben/Regeln ein Unikat sein an das sich die Schüler ein Leben lang erinnern werden.



Als Lehrer...
... bekommt man viele Vorgaben den Stoff betreffend, aber wenig die Menschen betreffend; das Problem ist zwar endlich ins Bewusstsein der Verantwortlichen gedrungen, aber noch immer treffen Lehramtstudenten erst nach ihren Fachstudium zum ersten mal auf Schüler - und sind nicht selten entsetzt ob der ANdersartigkeit zu ihrer Vorstellung.
... wird man einer Gleichschaltung unterworfen, bewusst wie auch, viel schlimmer, unbewusst; auf so vielen Ebenen, daß man sich überhaupt nicht wehren kann.
... empfinden sich einige alleine gelassen mit ihren Problemen gegenüber einer Ansammlung von mißgünstigen Pubertierenden, die die Welt bereits in- und auswendig kennen.
... kämpft man nach gewisser Zeit mit der Gleichgültigkeit; anfangs weniger der eigenen als die der Kollegen. Kooperation, erst recht fächerübergreifend ist noch immer Mangelware, ein Großteil der Lehrer sind Einzelkämpfer.
... ist man der Feind der Schüler, der Eltern, der Medien, der Politiker und wer sonst gerade etwas an der Kultur auszusetzen hat; nur wenigen Lehrern gelingt es, nach zwanzig Jahren Ausgebranttsein und/oder Gleichgültigkeit vermieden zu haben.

Und doch ist das alles eine Zeit lang nichts gegen...
... das Leuchten in den Augen eines Kindes, wenn es einen schwierigen Sachverhalt durchdrungen hat und Wissen und Fähigkeiten rein an der Freude daran, es zu können, einsetzt.
... die pure Freude, die Kinder alleine damit, Spaß zu haben, vermitteln können.
... die Verantwortung, die einem übertragen wurde und die man gerne auf sich nimmt, weil man in seinem kleinen Universum von Geistern pro Jahr den Samen legen kann für Weisheit und Größe.

Thaddaeus  
Thaddaeus
Beiträge: 62
Registriert am: 16.01.2012


RE: Helikopter-Eltern

#12 von Thaddaeus , 09.11.2012 14:24

Ich sehe gerade, daß ich etwas über das Ziel hinausgeschossen bin - ich musste wohl etwas loswerden. Aber ich würde es gerne stehen lassen, wenn's das Thema nicht zu sehr stört.

Thaddaeus  
Thaddaeus
Beiträge: 62
Registriert am: 16.01.2012


RE: Helikopter-Eltern

#13 von Titania , 09.11.2012 19:23

Mich störts nicht. Und ich glaub auch nicht, dass alle Eltern die Lehrer als Feinde ansehen Jedenfalls zähl ich mich nicht dazu, solange ich mit dem Lehrer reden kann. Sowas beruht , zumindest bei mir, immer auf Gegenseitigkeit. Wenn mein Gegenüber mich ernst nimmt, dann kann ich auch ihn ernst nehmen.

Dein Beitrag hatte zwar nicht sooo viel mit Helikopter Eltern zu tun,... aber ich fand ihn sehr rührend
Alle Berufe haben ihre negativen Seiten,... man muß wohl nur wissen, wie man sich immer wieder die positiven Seiten ins Gedächtnis ruft.... da sind Lehrer kein Einzelfall,...

 
Titania
Beiträge: 224
Registriert am: 29.08.2012


RE: Helikopter-Eltern

#14 von angelikaherchenbach , 09.11.2012 19:46

Da mische ich mich als Mod mal wieder ein und sage:
So schlimm finde ich den Schlenker nun nicht.
Und wenn die Duskussion weiter in diese Richtung geht, können wir ja abtrennen und ein neues Thema eröffnen.
Letztlich geht es um die gleiche Fragestellung, nämlich:

Was ist für uns glaubwürdige Pädagogik angesichts des Zeitgeistes?
Und wie kriegen wir da divergierende Wertvorstellungen zusammen (und zwar eben OHNE Ausbrennen und Resignation)?

Und ich freue mich, dass diese Fragen offensichtlich noch mehr Leute interessiert.

Angelika

angelikaherchenbach  
angelikaherchenbach
Besucher
Beiträge: 3.560
Registriert am: 04.01.2009


RE: Helikopter-Eltern

#15 von h.anna , 01.03.2013 13:24

Unfälle passieren man kann sich nicht verhindern, und wenn die Eltern das mal kapieren würden ... auch Überwachung schütz nicht vor Unfällen, den ich sehe eine miese Kindheit und daraus resultierenden psychischen Schäden durchaus als großen Unfall an.

h.anna  
h.anna
Besucher
Beiträge: 6
Registriert am: 01.03.2013


   

Die Namen eurer Kinder
Kobold im Reißverschluß

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de
Datenschutz