Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#1 von Sinaris , 09.03.2012 23:42

Wiedermal kommt alles zusammen...

Vorgestern haben wir in einer Schulung das Stadtmuseum Oldenburg und damit auch das Horst Janssen Museum besucht. Unter anderem wurde auch Zeitgenössisches gezeigt. Wieder einmal musste ich merken, das nicht jede Kunst für mich erfassbar ist und anderes mich trotz aller Zweifel irgendwie anregt.

Daher beschäftigt mich das Thema gerade auch wieder, gerade weil Malerei eines der Dinge ist, die sich mir leider aus Unfähigkeit verschliesst. Vielleicht gehe ich gerade deshalb mit anderen Malern oftmals so hart ins Gericht. Aber ich schweife ab. Gerade sah ich bei Aspekte einen Bericht über den Kunstfälscher Beltracchi gegen den gerade ein Verfahren läuft und der nun versucht aus der Welle der Popularität mit Hilfe seines Anwalts Kapital für die Zukunft zu schlagen.

Zu Wort kamen genarrte Sachkundige, Aussteller und Käufer. Jetzt frage ich mich,... wo ist das Problem? Wenn eine Fälschung so gut ist, dass Sachkundige und Käufer glücklich sind, ist das dann nicht ausreichend? Ich persönlich betrachte den Kunstmarkt und die damit verbundenen Instanzen ohnehin mit einem Bild das, wenn ich es hier darstellen würde sowohl dem Jugendschutz als dem guten Geschmack wiederstreben würde. Kunst als Wertobjekt... Sowas löst bei mir Zuckungen aus. Aber es ist ja ein nötiges Übel. Wie sonst soll ein Künstler leben. Nebenher erwähnt der Grund, warum ich das Internet liebe. Eine andere Kunst... meist grotesker und sicher auch oberflächlicher... aber ich denke auch viel viel ehrlicher, als diese manifestierten Götter der Kunstwelt.

Was das Bild für mich rettet... ich denke die meisten Künstler würden im Grabe rotieren, wenn sie erfahren würden, wie ihre Werke heute gehandhabt würden. Vielen wärs sicher auch .... egal.

Aber zum eigendlichen Thema. Wenn ein Fälscher, den Aspekt eines Künstlers so gut aufgreift, dass Liebhaber dessen Kunst glückliche Käufer werden, sollte so ein Mann geächtet werden? Gefäscht, ja... aber falsch? In solchen Fällen habe ich dann nurnoch Klugschnacker und Investmentmenschen vor mir.

Ich kann selbst ein gutes Beispiel geben. Als ich auf den Mittelaltermärkten angefangen habe, wollte ich unter allen Umständen ein eigenes Schwert... Junge halt. Und ich wollte nicht irgend eins. Also hab ich gesucht und einen der angeblich besten Schmiede Deutschlands ausgemacht. ich habe 1800 € für ein Bastardschwert nach meinen Vorstellungen und auf meine Person geschmiedet erhalten. Schon kurze Zeit später hab ich erfahren, das ich über den berühmten Löffel barbiert wurde. Für 400 hätte ich eine gleichwertige Klinge locker erhalten. Ich war milde gesagt... verstimmt. Und wie ich da im Geiste gerade die Haut vom Körper des Schmiedes schäle fragt mich eine gute Freundin... Na und? Das Schwert war es Dir doch wert, oder? Willst Du ein Schwert, das quasi vom Grabbeltisch ist oder magst Du den Gedanken, dieses Schwert von einem tollen Schmied auf Dich angepasst zu haben... Heute weis ich er war nicht toll... das Ding issn Stück Prügelstahl aber irgendwie meins. Und wenn ich gerade wieder sauer werde muss ich dringend an den Moment denken, wo ch die Klinge das erste mal hielt.

Was ist jetzt mit diesem Fälscher...? Ich sollte dazu sagen... er hat keine alten Bilder nachgemalt... er hat angebliche weitere Werke geschaffen. Worum geht es denn? Die Striche oder den Mann der die Striche zog? Das einzige was ich darin als falsch sehen mag, ist das solche Künstler mehr auf die Technick als die Aussage achten musste... aber so oder so... eine Fälschung dieser Art ist für mich auch Kunst und die Leute die sie bewerteten und für Milionen kauften, sind evtl. sogar ein Bestandteil dessen.

Wieder mal ein lachendes und ein weinendes Auge...

Sinaris

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RE: Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#2 von teroon , 10.03.2012 17:50

Ich denke, dass es hiebei eher darum geht, dass er nicht ehrlich gesagt hat, dass es sich um von ihm erschaffene Kunst im alten Stil handelt, sondern den Leuten vorgespiegelt hat, es wäre echte Sammlerstücke.
Wichtig hierbei ist eben der "Sammler"-Aspekt, denn für Sammler ist die Geschichte eines Objektes in der Regel ebenso wichtig (teilweise noch wichtiger) als der grundsätzliche Nutzungsaspekt des Stückes. Daher macht es für das Gefühl eines Sammlers schon einen wesentlichen Unterschied ob er ein Original in Händen hat oder eine gute Neuschopfung im alten Stil. Somit handelt es sich in jedem Fall um eine Form des Betruges am Kunden.
Ich persönlich sehe das auch nicht so eng, da ich glaube, dass man auch neuen Objekten einiges abgewinnen kann, denn bei diesen kann man selbst noch ein wichtiger Teil der Geschichte des Objektes werden. Das ist dann aber ein anderer Ansatz als bei "traditionellen" Sammlern.

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RE: Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#3 von greenman , 10.03.2012 20:45

Zitat von Sinaris
.
Aber zum eigendlichen Thema. Wenn ein Fälscher, den Aspekt eines Künstlers so gut aufgreift, dass Liebhaber dessen Kunst glückliche Käufer werden, sollte so ein Mann geächtet werden? Gefäscht, ja... aber falsch? In solchen Fällen habe ich dann nurnoch Klugschnacker und Investmentmenschen vor mir.
...
Was ist jetzt mit diesem Fälscher...? Ich sollte dazu sagen... er hat keine alten Bilder nachgemalt... er hat angebliche weitere Werke geschaffen. Worum geht es denn? Die Striche oder den Mann der die Striche zog? Das einzige was ich darin als falsch sehen mag, ist das solche Künstler mehr auf die Technick als die Aussage achten musste... aber so oder so... eine Fälschung dieser Art ist für mich auch Kunst und die Leute die sie bewerteten und für Milionen kauften, sind evtl. sogar ein Bestandteil dessen.



Merry Meet, Sinaris!
Zu genau diesem Thema habe ich ein schönes Buch im Regal. Titel: "Meister oder Fälscher". Es geht um einen niederländischen Maler namens van Megeren, der in den 1940er Jahren eine Reihe "neue" Vermeers auf den Markt brachte - Käufer waren deutsche Besatzungsoffiziere, die alte niederländischen Meister mit nach Hause nehmen wollten. Megeren kopierte keine echten Vermeers sondern malte neue Bilder in dessen Stil. Er malte teils auf alten Leinwände, die er von wertlosen oder stark beschädigten Vormalereien befreit hatte. Es hat nach Kriegsende eine Weile gedauert, bis die Koryphäen unter den Kunsthistorikern Megerens Bilder von den echten Vermeers aussortiert bekamen. Das heißt: seine Gemälde waren praktisch genau so gut wie die von Vermeer, auch für das geübte Auge.

Moralisch neigt man dazu, den Fälscher van Megeren gnädig zu urteilen, weil er quasi "kulturellen Widerstand" gegen eine Besatzungsmacht leistete. Und anders als andere Widerständler hat er dabei keine Menschen umgebracht. Aber objektiv erfüllte er die Merkmale der Fälscherei - es war seine Absicht, zu täuschen.

Täuschen? Bei Gemälde, die genauso schön ausgeführt waren, wie echte alte Meister, und die sogar kreativ originell waren, und keine Kopien?

Die Täuschung lag nicht darin, das Megeren schlechte Bilder als gute verkaufte, sondern darin, dass er seine Bilder verkaufte, als wären sie Vermeers. Kein Nazi-Bonze hätte wissentlich Geld für ein Werk eines namenlosen zeitgenössischen Künstlers ausgegeben, und wäre es noch so schön. Den in der Kunst ist der Name alles.
Meine Theorie dazu: die meisten, die reich genug sind, kunsthistorisch wertvolle Gemälde zu kaufen, sind nicht in der Lage, gute von schlechte neue Kunst zu unterscheiden. Darum lassen sie ihr Investitionsverhalten durch arrivierte Namen leiten. Vermeer ist bekanntlich (künstlerisch) wertvoll, Ingres auch, Monet auch, Picasso auch, Warhol auch ... da weiß man, was man (gekauft) hat!

Es ist wie bei den Banknoten. Und wenn die noch so schön und auf noch so gutem Papier gedruckt sind, sind sie wertlos, wenn der Urheber nicht die jeweilige Notenbank ist. Fälschungen sind nichts Wert.
Für die, die Gemälde Kaufen bzw. darin investieren, kommt es genauso auf den Urheber an. Arriviert muss er sein, sonst lohnt's sich nicht. Man hat ja keine Ahnung, ob es wertvoll ist, wenn kein bekannter Name drunter steht.

'tschuldigung, ich werde im Alter etwas zynisch.

Blessings,
Greenman

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RE: Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#4 von Sinaris , 11.03.2012 11:15

Hm...

ich muss gestehen, den Gesichtspunkt der Geldanlage hatte ich nnichtmal ansatzweise auf dem Schirm. Mir erschein Kunst nicht wirklich als ein guter Bereich sein Geld sicher anzulegen. Bislang dachte ich das es den meisten um die Kunst selbst und evtl. auch das Prestige geht. Hmm... aber gerade dieses Prestige ist dann natürlich auch dahin.

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RE: Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#5 von greenman , 13.03.2012 12:37

Sinaris,

Bedenke, Kunst ist nicht gleich Kunst. Ein Roman, eine Symphonie und ein Gemälde sind alle Kunst. Viel Handwerk und etwas Inspiration.
ABER ...
Die Wege vom Urheber zum Rezipient sind grundsätzlich anders.
Der Schriftsteller erstellt seinen Text, lässt ihn drucken, und jeder kann den Roman lesen.
Der Komponist erstellt seine Partitur, viele Orchester kaufen es und spielen die Symphonie dem Publikum vor (ob live oder auf CD).
Der Maler erstellt sein Gemälde und verkauft es an einen Kunden.

So gesehen kann ich mit Fug und Recht behaupten, ich hätte Goethe gelesen, wenn ich mit dem Reklamheft von "Wilhelm Meister" durch bin - es muss keine Originalausgabe sein. Und dass ich Bach gehört habe, wenn ich eine CD von den Brandenburgischen Konzerte angehört habe.
Vermeer gesehen zu haben kann allerdings nur der behaupten, der in einem Museum ein Artefakt aus der Hand des Meisters gesehen hat. Oder ein paar Millionen zusammengekratzt und sich ein Vermeer gekauft hat.
Bücher und CDs von arrivierten Klassikern kosten nicht wesentlich mehr, als Trivialliteratur bzw. -musik. Arrivierte Schriftsteller und Komponisten verdienen nur deshalb mehr, weil sie mehr Exemplare verkaufen. Romane und Symphonien sind keine Unikate. Kaufmännisch gesehen: die Masse macht's.

Theaterstücke liegen irgendwo zwischen Literatur und Musik. Eigentlich ist ein Schauspieltext nicht anders als eine Partitur - er soll als Vorlage für wiederholte Aufführungen dienen. Allerdings können heutzutage (noch!) die meisten von uns lesen, also können wir über die Bibliothek an die Gedanken von Shakespeare und Schiller gelangen. Allerdings soll es auch welche geben, die die Ideen eines Bach oder eines Mendelssohn direkt aus der Partitur lesen können - alles nur eine Frage der Bildung! Aber vom Ansatz her basieren Musik und Theater auf die wiederholte Aufführung durch Fachkräfte. Der Urheber allein kann seine Ideen nicht realisieren!

Dann gibt es bei den bildenden Künstlern auch den Begriff "ars multiplicata" ... aber das führt hier zu weit!

Blessings,
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RE: Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#6 von teroon , 13.03.2012 16:32

Zitat
Vermeer gesehen zu haben kann allerdings nur der behaupten, der in einem Museum ein Artefakt aus der Hand des Meisters gesehen hat. Oder ein paar Millionen zusammengekratzt und sich ein Vermeer gekauft hat.


Das ist ein weiterer interessanter Punkt, wobei ich hier argumentieren würde, dass es auch bei Kunst nicht darauf ankommt, das Original gesehen zu haben, sondern das für die Aussage Vermeer gesehen zu haben auch eine Hinreichend gute Kopie (digital oder analog) völlig ausreichend sein sollte. Zumal man auch im Museum selten die Möglichkeit hat, das visuelle Erleben durch habtische Eindrücke zu ergänzen.
Auf der anderen Seite wirkt ein Bild natürlich im Original durchaus anders als ein Abdruck in einem Fotoband oder im Internet, auch was die Austrahlung eines solchen Bildes angeht, teilweise kann man die Geschichte eben auch spüren.
Allerdings würde ich auch sagen, dass das gleiche genauso für Musik gilt und in eigenschränktem Maße auch für Literator. Es ist ein durchaus fundamental anderes Erlebnis eine Band oder ein Orchester live zu hören und auch eine Authorenlesung oder ein Poesie-Vortrag hat einen eigenen Charakter, den man nicht so einfach übertragen kann.
Für Literatur gibt es zudem, analog zu Bildern, eine Sammlerszene, die sich dann um die Original- bzw. Erstausgaben und andere seltene Ausgaben dreht. Hier greifen dann die selben Argumente wie bei Bildern. Und auch diese besonderen Buch-Ausgaben haben einen eigene Austrahlung, die unter Umständen das Leseerlebnis verändern kann.
Von daher würde ich nicht unbedingt sagen, dass Kunst hier eine Ausnahme darstellt.

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RE: Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#7 von elHakim , 06.04.2012 21:19

Das eigentliche Problem bei der Malerei ist doch, dass weder Handwerk noch inhaltliche Aussage ein Bild zum Kunstwerk erheben, sondern Ruf des Herstellers und Werbefähigkeit eines Galeristen.
Eine Fälschung ist für mich ebenso ein Kunstwerk, wenn sie so gut gemacht ist, dass der Fachmann darauf hereinfällt. Moralisch müsste ich mich entrüsten, denn der Fälscher nutzt den Ruhm eines anderen zu seiner eigenen Bereicherung. Andererseits hält er einer närrischen Gesellschaft den Spiegel vor,die glaubt, ein Kunstwerk aufgrund seiner künstlerischen Merkmale erkennen zu können.
Ich wünschte, man würde Kunst nur als individuelles Gefallen definieren. Dann könnte ich mich auch an einer guten Fälschung erfreuen.

 
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RE: Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#8 von Dolben , 06.04.2012 21:27

Zitat von elHakim
Das eigentliche Problem bei der Malerei ist doch, dass weder Handwerk noch inhaltliche Aussage ein Bild zum Kunstwerk erheben, sondern Ruf des Herstellers und Werbefähigkeit eines Galeristen.
...



Da triffst du den Nagel auf sen Kopf!
Wie wahr das ist.

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RE: Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#9 von greenman , 06.04.2012 22:53

Zitat von elHakim
Das eigentliche Problem bei der Malerei ist doch, dass weder Handwerk noch inhaltliche Aussage ein Bild zum Kunstwerk erheben, sondern Ruf des Herstellers und Werbefähigkeit eines Galeristen.



ElHakim,

Wenn du das Wort "Kunstwerk" im oben zitierten Satz mit dem Wort "Anlageobjekt" ersetzt, stimme ich voll zu!

Blessings,
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RE: Fälscher am Werk: Worum gehts eigendlich?

#10 von elHakim , 08.04.2012 20:07

Greenman,

vielen Dank. "Anlageobjekt" hebt viel besser den ökonomischen Hintergedanken mancher "Kunst"liebhaber hervor.

 
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