Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#1 von Sinaris , 03.03.2012 03:47

Ich war mir nicht sicher, wie weit oder Eng ich das Thema spannen soll.

Geschichten werden ja in vielen Formen erzählt... ich denke wir sollten uns hier auf lesen, erzählen und ansehen beschränken. Ich bin auf die Frage gekommen, weil ich einige Freunde des Horrorgenre in meinem Umfeld habe... und ich mich frage, was die Faszination an diesen Geschichten ist. Das hier soll sich aber nicht auf ein Genre beziehen!

Da ist es dann schon schwer adequate Fragen zu stellen... also ich versuche es mal...

Warum seht oder hört Ihr Euch Geschichten an?

Wählt Ihr auch mal Geschichten ausserhalb des Tellerrandes?

Tut Ihr Euch auch mal Geschichten an? Wenn ja, warum?

Habt Ihr Euch einer Geschichte mal verweigert? Abgebrochen?

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RE: Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#2 von Siat-Jahtneferet , 03.03.2012 09:38

Hallo Sinaris,

Zitat
Warum seht oder hört Ihr Euch Geschichten an?


Ich finde die Frage "warum" immer recht schwer zu beantworten. :p
Mein Opa pflegte immer zu sagen, das es auf "Warum-Fragen" nie eine adäquate Antwort geben kann, weil man damit irgendwann an einen Punkt kommt, an dem man "Warum" einfach nicht (mehr) beantworten kann.

Aber ich probier´s trotzdem mal.

Ich lese, höre oder sehe Geschichten oder Märchen eigentlich sehr gern. Vor allen Dingen aus dem Horror-, Fantasy-, SF-, Komödien-, Martial Arts- und Zeichentrick-Bereich.
Und natürlich dürfen die guten alten Volksmärchen und Sagen nicht fehlen . Meine SchwieMa hat da eine wundervolle Sammlung *seufz*. Aus sämtlichen Ecken der Welt.

Ich liebe es einfach, meine Phantasie mitspielen (und beim Lesen oder hören Bilder entstehen) zu lassen und dabei einfach mal abzuschalten.
Da ich als Teen auch sehr viel selbst Geschichten geschrieben habe (*lach* "Fan"-Fiktion ) haben mir andere Geschichten vom Schreibstil her auch immer etwas "Input" und Inspiration geschenkt.

Inspiration ist auch heute noch eines DER Dinge, die ich in Märchen, egal welcher Form finde.

Zitat
Wählt Ihr auch mal Geschichten ausserhalb des Tellerrandes?


Hm. Hier wäre jetzt die Frage, was Du unter Tellerrand verstehst. In Bezug z.B. auf das Genre oder dem "Ursprungsland"?
Ich denke, sich auch mal über den eigenen Tellerrand hinweg zu wagen ist sehr wichtig. Daher tu ich das natürlich hin und wieder auch. Sowohl in Bezug auf das Genre als auch in Bezug auf den Ursprung.
Dabei habe ich natürlich schon sowohl "gute" als auch "schlechte" Erfahrungen gemacht. Aber probieren geht ja immer über studieren .


Zitat
Tut Ihr Euch auch mal Geschichten an? Wenn ja, warum?


Ja, auch das *schmunzel*.
In der Regel dann, wenn jemand aus meinem Freundeskreis extrem begeistert ist und mit mir darüber sprechen möchte.
Dann versuch ich mir solche anzusehen, um mir eine Meinung überhaupt bilden zu können.

Zitat
Habt Ihr Euch einer Geschichte mal verweigert? Abgebrochen?


Auch das. Sowohl verweigert als auch abgebrochen. Wobei das Abbrechen doch häufiger vorkommt , besonders im Horror-Bereich.
Ich denke nicht, dass ich zart besaitet bin, aber es gibt Dinge, die kann ich selbst nicht ansehen. Das ist meist dann, wenn der Film derartig Menschenverachtend und voller Folter und Qual ist, dass mir das Ansehen des Filmes fast schon körperliche Schmerzen bereitet.
Dann kann es aber auch mal sein, dass mich schlicht eine Geschichte derartig anödet, dass ich es gar nicht bis zum Ende schaffe. Die "Nebel von Avalon" z.B. ... Die habe ich sogar ein paar Mal angefangen zu lesen...
Aber nie wirklich bis zum Ende geschafft. Ich liebe die Geschichten, die davor spielen... Aber diesen...

Verweigern... Verweigern tu ich mich eigentlich nur den "Daily-Soaps" .

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RE: Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#3 von Tatjana , 03.03.2012 09:48

Guten Morgen an den Philosophen in Oldenburg!

Das ist mal eine spannende Frage... ich bin schon immer von Geschichten umgeben, aber nach dem Warum meiner Aufmerksamkeit dafür habe ich mich nie gefragt. Sie sind eben da, oder?

Nun, weil so viele Geschichten schon da sind, erzähle ich selbst eigentlich keine sondern lerne lieber die Vorhandenen kennen. Das meistens lesend, seit ich vor langer Zeit einmal fünf Jahre alt war. Den Moment der Erkenntnis, dass das Zusammensetzen von Buchstaben Wörter ergibt und das Zusammensetzen dieser dann Sätze... den werde ich niemals vergessen, bin seitdem dem Lesen verfallen. Diesen Moment hatte ich übrigens beim Durchblättern eines Micky Mouse-Heftes. Die Lustigen Taschenbücher sammle ich bis heute, gestern lag Band 426 in der Post.

Gelesen habe dann alles, was mir in die Hände geriet. Serien, Romane, Mythologien, Sachbücher und selbst Lexika. Auch die enthalten Geschichten, in jedem Wort steckt eine. Bis heute sehe ich eher wenig Filme in Kino und Fernsehen. Und wenn, dann unabhängig von meinen Büchern. Weder lese ich "das Buch zum Film" noch schaue ich mir gerne Buchverfilmungen an, denn ich empfinde es jedes Mal als enttäuschend.

Nun, auch wenn die Geschichten zunächst einmal nur gedruckte Worte sind, so sind sie zugleich irgendwie real. Das geschriebene Wort ist machtvoll und erschafft ein morphogenes Feld, so ist es für mich jedenfalls. Und so habe ich im Verlauf der letzten Jahre festgestellt, dass ich immer weniger die Geschichten vertrage, die die Abgründe der menschlichen Seele allzu bildhaft darstellen. Habe ich vor Jahren z.B. noch Stephen King leidenschaftlich gerne gelesen, so geht das heute gar nicht mehr. Macht nichts, es gibt weiterhin mehr als genug Geschichten für mich. Einen Tellerrand gibt es für mich nicht wirklich, die ganze Welt ist mein Teller. Ein tiefer Suppenteller...

Abgebrochen habe ich nur einmal eine Geschichte, "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco. Es war mir dann doch irgendwann zu kompliziert und ich habe es seufzend weggelegt. Das war, hmm... 1996. Im Gegensatz zu anderen Geschichten habe ich diese allerdings nie aussortiert und weggegeben, sondern sie wartet immer noch in meinem Bücherregal.

Bücherwurmgrüße aus Worpswede,
Tatjana

 
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RE: Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#4 von Sinaris , 04.03.2012 07:23

OK... es ist 6:30 und ich hab nicht geschlafen und tippe mal wieder, wo ich eigendlich pennen sollte... Rechtschreibfehler dürfen wie üblich behalten werden...

Also mal ehrlich direkt von der Seele.

Geschichten bedeuten mir mehr als das reale hier und jetzt. Ohne mein Kopfkino wäre ich schon lange den Bach runter gegangen. Dazu kommt, das Geschichten einen enormen und "dummerweise" prägenden Einfluss auf mich hatten. Ja, Ihr dürft lachen... Aber der Codex der Jedis aus Star Wars hatte mehr Einfluss auf mein Moralisches ich, als jede Religionsstunde. Ich bin gestiegen und gefallen mit meinen Helden aus Film und Fernsehn. Der grosse Codex meines Verhaltens ist zu einem enormen Teil dur Zelloloid geschmiedet.

Gerade jetzt... volltrunken um sieben Uhr Morgens haben mich zwei meiner Helden aus der Jugend gerettet. Ich hab gerade RL Blues. Ich strauchel und stolpere gerade, aber solche Geschichten wie die von Plunkett and MacLeane helfen mir das anders zu sehen. Im Dreck liegen und trotzdem den Kopf hoch halten.

Da frage ich mich dann. Die Geschichte ist Politisch und wohl erst recht Rechtlich inkorrekt. Falsch in allen Facetten. Aber sie hilft mir nicht in die Knie zu gehen und morgen wenn ich einen wirklich miesen termin habe mein Haupt zu heben und evtl. Eingeständnisse zu machen, aber mich nicht zu verraten.

Mir bedeuten Geschichten ALLES. Sie helfen mir mehr zu sein als ich bin. Meinen Traum erlogen zu leben... ohne die Lüge zu sehr zu spüren.

Und um den Druidischen bezug... oder eher den zwei Gerade tieferen bardischen Gedanken... Who the FUCK (Grossgeschriebeninbuntenlettern) cares for reality when the soul goes on.

Es gab von Anna die Frage was Druidentum bedeutet... Wenn mein Wahnsinn heute ein Herz weiter schlagen lässt ist das alles was Bardentum für mich bedeutet.

Ich tausche Deine Realität gegen meine Lüge. Jedes meiner Worte wirst Du in die Waagschale legen müssen. Denn ich trete Deiner realität auch gern ins Gesicht, wenn meine Lüge Dich noch nen Tag aufatmen lässt.

Jaja... Wir sollen lernen. Lektionen. BLAH! Keine Ahnung was am Ende kommt... Aber ich bin so bedient mit Wirlichkeit... Gerade jetzt.

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RE: Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#5 von Siat-Jahtneferet , 04.03.2012 09:20

Hallo Sinaris,

Zitat
Ohne mein Kopfkino wäre ich schon lange den Bach runter gegangen. Dazu kommt, das Geschichten einen enormen und "dummerweise" prägenden Einfluss auf mich hatten. Ja, Ihr dürft lachen... Aber der Codex der Jedis aus Star Wars hatte mehr Einfluss auf mein Moralisches ich, als jede Religionsstunde. Ich bin gestiegen und gefallen mit meinen Helden aus Film und Fernsehn. Der grosse Codex meines Verhaltens ist zu einem enormen Teil dur Zelloloid geschmiedet.


Damit rennst Du bei mir offene Türen ein.
Das ist ein Aspekt, den ich noch gar nicht mit bedacht habe.
Die Jedis waren zwar für mich weniger Ausschlag gebend.
Geprägt haben mich vor allem sehr stark *bitte lachen * die Turtles, Saber Rider, Robin Hood, He-Man, She-Ra und das A-Team
Ohne da jetzt im Moment tiefer drauf einzugehen... sie haben mir im wahrsten Sinne des Wortes das Leben gerettet.
Mich in mir selbst eine Kraft finden lassen, die ich sonst vermutlich nicht mehr aufgebracht hätte...

Wie gesagt, danke für diesen Aspekt. Ich halte den für recht wichtig.
In dem Zusammenhang fällt mir ein, dass auf meinem Board derzeit eine Diskussion läuft über das Thema "Phantasie in der Realität".
Aufhänger war, das es Menschen gibt, die z.B. glauben, sie hätten wie z.B. Wolverin von den X-Men Metall Klauen unter der Haut, oder sie glauben, Flammen mit ihrem Willen bewegen zu können etc. pp.
Die Überlegung ging dann in die Richtung, Warnhinweise z.B. vor Filmen einzublenden, das die Handlungen, Personen und Fähigkeiten frei erfunden sind, um Menschen vor einer irrgeleiteten Realität und dem "Versinken" in Phantasie-Welten zu bewahren.

Ich versinke ebenfalls sehr gern in Phantasie-Welten. Warum auch nicht.
Zum einen inspirieren sie mich sehr stark, zum anderen kann ich da gut abschalten.
Der andere Aspekt, der mit dem "Inspirieren" sehr stark zusammenhängt, ist der, dass ich glaube, dass Phantasie eines der Dinge im menschlichen Sein ist, die uns Menschen überhaupt dazu befähigen, unser Leben zu gestalten. Sowohl im negativen als auch im posiven Sinn.
Angefangen von Forschung und Erfindungen, bis hin zu Planung in Betrieben oder des eigenen Lebens.
Kreativität ist, wie ich finde, Phantasie pur.
Und grade im magisch-spirituellen Bereich ... *g* Da geht ohne Imagination und Kreativität, und damit einer großen Portion Phantasie eigentlich gar nix

Ehm... Ich weiss jetzt nicht, ob zu arg offTopic bin.

Liebe Grüße!

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RE: Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#6 von Tatjana , 04.03.2012 09:51

Zum Schlagwort "Phantasie in der Realität" kommt mir Jules Verne mit seinen Geschichten in den Sinn. Die habe ich als Jugendliche verschlungen, damals als geliehene Bücher und später als Erwachsene noch einmal mit der angeschafften vollständigen Sammlung. Was hat dieser Mann nicht alles phantasiert, imaginiert in seinen Geschichten... und wie viele seiner Ideen haben sich später manifestiert, sind heute ganz normal für uns.

Nur mal als Gedanken zwischendurch, bei mir steht gleich Familienbesuch vor der Tür...
Tatjana

 
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RE: Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#7 von angelikaherchenbach , 04.03.2012 10:34

Ich sehe da 2 Aspekte:

"Gute" Geschichten sind immer solche, die mit ihrer Fiktion irgendwo und irgendwie an Deiner Realität anknüpfen - und insofern sehr individuell.

Zum Zweiten kommt für mich als sehr wesentlicher Punkt die Sprache dazu: Je besser, schöner die Sprache ist (wobei das durchaus auch die Bildsprache sein kann), desto "besser" ist für mich eine Geschichte. Ich hasse diese unzähligen, unsäglichen Bücher, die vielleicht von der Thematik her interessant sind, aber schlecht geschrieben bzw. wie sehr häufig miserabel aus dem Amerikanischen übersetzt. Die lese ich dann tatsächlich meist nicht zu Ende.

Kommt beides zusammen - ein Thema, das viele Menschen anspricht oder gar universell ist plus eine schöne Sprache - entsteht Kunst, Bardentum.

Beides alleine kann bereichern.
Beides Zusammen hilft, das Handeln der "Helden" in Dein reelles Leben zu transferieren.
Und insofern kann Literatur durchaus gesellschaftspolitisch wirksam sein.

Gute Literatur ist meistens geboren aus irgend einem Zeitgeist heraus, greift Strömungen auf - und setzt sie in Gang und verbreitet sie.
Echte Kunst ist zeitlos (in Thematik und Sprache) - Beispiele, die mir gerade einfallen aus "meinem" Bereich Kinderliteratur sind Kästner oder Lindgren.

Und genau da liegen m.E. auch Gefahren:
Reine Fiktion, die Dich in eine Parallelwelt katapultiert, aus der Du keine Energie für Dein real life ziehen kannst, KANN ästhetisch schön sein.
Aber mehr nicht.
Wird es zur Droge, zum Ersatz, hat es für mich mit Bardentum nichts mehr zu tun.

Angelika

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RE: Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#8 von Sinaris , 04.03.2012 13:16

Jetzt wieder ausgeschlafen und nüchtern...

Vielleicht sollte ich mal zum selbstschutz nen Timer an meinen Router heften.

OK... Allerdings muss ich zugeben der Kram den mein angeheitertes Ego da von sich gelassen hat ist eigendlich richtig. Nur halt... naja Worte.

Ich finde es schön, dass so viele Menschen es schaffen mit dem hier und jetzt zu leben. Aus dem Jetzt auch etwas ziehen zu können und in dieser Welt was zu finden. Ich finde grösstenteils Banalität und darüber hinaus oft schreckliches, dass ich Idiot auch noch versucht habe zu verstehen. Wenn man lange genug in der Realität gräbt bekommt man antworten was wann wie die Welt und einige Menschen darin bewegt.

Dumm nur das solche erkenntniss dann ins Kopfkino einfliessen. Aber ich greife schon wieder vor... dieser Thread soll erstmal ein paar Tage stehen.

Zurück zum IST-Thema... Das was mich darauf gebracht hat, war ja eigendlicht der Gedanke der angetanen Geschichten, Warum lesen oder sehen wir Geschichten, die eigendlich nur schreckliches bereit halten. Ich denke das machen nicht alle Menschen. Ich selbst nur recht selten. Aber ich muss zugeben, das es auch schon vorgekommen ist. In meiner Jugend habe ich einen Streifen bei Freunden zu Gesicht bekommen, der mir noch heute unter die Haut geht. Der Film hatte sogar eine spannende Ideologie und einen interessanten Hintergrund aber die Bilder mit denen er es rübergebracht hat, sind mit abstossend und Menschenverachtend milde beschrieben. Nichts hat mich aber abgehalten einfach aufzustehen und zu gehen. Oder doch.

Sind das einfach Grenzerfahrungen, die wir sammeln "wollen"?

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RE: Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#9 von Kysara , 06.03.2012 15:57

Zu den Grenzerfahrungen... gerade Jugendliche müssen die glaube ich machen. Um sich selber ein Bild ihrer Realität zu bilden und um sich im Nachhinein sagen zu können "Zum Glück ist das nur ein Film/Buch"...

Ansonsten kann ich mich in einigen Punkten nur anschließen; auch ich habe meine Moralvorstellungen und viele innere Werte aus Büchern. Der Herr der Ringe ist das Buch, das mich ganz stark geprägt hat...
Ich lese gerne und zeitweise recht viel, teilweise bis zur Realitätsflucht. Weil in den Geschichten alles irgendwie zum Guten geht, was ich in der realen Welt leider seltenst vorfinde.

Dann ist da noch ein anderer Aspekt: Ich habe die letzten fast drei Jahre als Märchenerzählerin gearbeitet, Kindern und Erwachsenen Geschichten von Rittern, Drachen und noch mehr erzählt. Und häufig wurde ich belohnt, weil die Kinder eine Zeit in einer anderen Welt sein konnten, sich einfach über die Geschichten freuen konnten.
Sicher, jedem war bewusst, es sind nur Geschichten, aber diese Geschichten können lebendig werden, und das nicht nur für meine kleinen Zuhörer

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RE: Warum seht/hört Ihr Euch Geschichten an?

#10 von greenman , 07.03.2012 17:27

Ich habe eine vielleicht ungewöhnliche Definition vom englischen Wort "fiction" - ein Wort, dass es komischerweise im Deutschen nicht zu geben scheint, oder gibt es eine deutsche Bezeichnung für "science fiction" oder "fantasy fiction"? So negativ geladen wie das deutsche "Fiktion" ist das englische "fiction" nicht. Eigentlich bedeutet es einfach das Gegenteil von "Sachbücher".
Wie auch immer: ich rede von Geschichten, die sich einer ausgedacht hat, die keinen Anspruch auf historische Wahrheit erheben.

Meine Definition lautet: "Fiction ist das, was hätte wahr sein können."
Oder "was wahr werden könnte."

Ich sehe es so: wir sind alle hier - in diesem Forum und auf der Welt - um zu lernen. Je älter wir werden, desto mehr steigen die Anforderungen. Sind wir mal ausgereift und ausgebildet - steigen die Anforderungen weiter. Das Lernen - sei es Deutsch, Mathe, ein Musikinstrument oder eine Sportart - hat 2 Seiten: Theorie und Praxis. Im Umgang mit den Göttern und den Menschen ist es auch nicht anders. Wir bekommen Benimmregeln eingetrichtert, lernen, dass wir alle Menschen zu respektieren haben, hören, dass es gut sei, unseren Nächsten zu lieben und die Schöpfung zu achten. Theoretisch!
Vieles davon können wir auch in der Praxis ausprobieren; dann verstehen wir auch die Theorie. Aus jeder Interaktion mit Menschen oder der Natur lernen wir etwas dazu, und die nächsten Interaktionen werden dadurch leichter.

Aber was ist mit Ausnahmesituationen? In solchen Fällen ist es besonders wichtig, richtig zu reagieren - aber naturgemäß fehlt uns dabei die Praxis. Man denke an die erste Liebe, den ersten Verlust eines nahen verwandten, die erste Konfrontation mit Gewalt.

Dafür haben wir die Erzählkunst, einschließlich Theater und Kino. Jeder Roman, jede Erzählung, jeder Film stellt irgendeine Grenzsituation dar. Wäre ja sonst langweilig! In einem guten Werk sind gewisse Figuren so gezeichnet, dass wir mit ihnen sympathisieren. Wir freuen uns mit ihnen, wir bangen um sie, wir zerbrechen uns den Kopf darüber, wie sie aus diesem Schlamassel heil herauskommen. Fast, als wären wir selber dabei.
Und siehe da: wir haben etwas Praktisches dazugelernt, sei es über die Liebe, den Krieg, die Eifersucht, die belastete Freundschaft oder was auch immer.

Das ist zwar keine live-Erfahrung - aber zumindest, sagen wir mal, eine praktische Übung an einem Simulator. Wie viel belastbatre Erfahrung wir daraus ziehen, hängt natürlich von der Qualität der Simulation ab - d.h. von der Arbeit des Autors.
Wir müssen auch im Hinterkopf behalten, dass die Autoren jeweils eine bestimmte der verschiedenen richtigen Lösungen im Sinn hatte, als sie sich die Szenarios ausdachten.

Die "normale" Fiction sehe ich also als Vorbereitung auf Grenzsituationen, in die wir jeder Zeit geraten könnten.
Science fiction dagegen hat die Aufgabe, uns moralisch-ethisch auf Situationen vorzubereiten, die noch nicht aber vielleicht bald auftauchen könnten. Jules Verne ist erwähnt worden (den mag ich auch!); er zwang uns z.B. dazu, über die Ethik des Versenkens von Schiffen mit einem unsichtbaren, unangreifbaren U-Boot nachzudenken, gut 40 Jahren vor der Versenkung der Lusitania. Auch das Retortenbaby und das genetische Design von Kindern war mal Science Fiction!

Übrigens, ich finde das Schreiben mindestens so spannend wie das Lesen! Es tut manchmal gut, eine Figur zu kreieren, die einem selbst in gewisser Weise ähnlich ist, und sie in eine Grenzsituation "hineinzuschreiben" - um dann zu versuchen, sie glaubhaft (d.h. ohne deus ex machina o.ä.) wieder aus der Sache "herauszuschreiben".
Meine Lieblingsform der Meditation sieht ähnlich aus: ich versuche, meine Gedanken und Gefühle zusammenhängend aufzuschreiben. So merke ich am ehesten, ob es bei mir innere Widersprüche gibt.

Blessings,
Greenman

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