Wahrheit und Lüge

#1 von greenman , 26.01.2012 08:50

Merry Meet!
Hier eine ältere Kurzgeschichte von mir, die in etwa den spirituellen Weg vorahnt, den ich jetzt gehe. Schauplatz ist Irland zu der Zeit, als es schon Mönche, noch Druiden und wie immer Feen gab.
Blessings,
Greenman
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Zwillingsbrüder


Der Weg stieg steil an, und Flan konnte auf die Wipfel der Bäume, die zu beiden Seiten in den Tälern standen, hinabblicken. Halb links und halb rechts vor ihm erstreckte sich eine kahle Gebirgslandschaft. Geradeaus, auf dem noch grasigen Felsvorsprung, stand das kreisrunde Gemäuer aus mörtellosen Feldsteinen. Nur noch wenige Hundert Schritte trennten Flan von dem unverhofften Ziel seiner Suche.

Er drehte sich ein letztes Mal um und schaute zurück nach Osten. Dort, irgendwo im Dunst, standen die kleinen, runden Steinhütten, in denen er und seine Brüder wohnten und studierten und die kleine Kirche, in der der Abt sie unterrichtete.

„Lehre mich die Wahrheit, die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit!“ hatte Flan ihn gebeten; aber er hatte gesagt, dass kein Lehrer der Welt die ganze Wahrheit lehren könnte.
„Dann lehre mich das Lesen, damit ich aus der Schrift die Wahrheit herauslese!“ hatte Flan gebeten. Aber der Abt hatte gesagt, dass kein Lehrer der Welt das Verstehen lehren könnte.
Flan war enttäuscht.
„Wie kann ich dann verstehen lernen?“ hatte er gefragt.
Der Abt hatte ihn lange und prüfend angesehen.
„Lerne auch, die Lüge zu erkennen, und du wirst der Wahrheit näher sein. Vertiefe dein Wissen, Flan! Es gibt andere, denen unser Glaube nichts bedeutet, die aber über die Welt mehr Wissen gesammelt haben als wir ...“

So hatte der Abt Flan nach Westen geschickt, um einen Druiden zu finden, der bereit wäre, einen jungen Mönch zu unterrichten.


Am Fuße des Gebirges konnte Flan noch den Hof ausmachen, in dessen Mauer die steinernen Bilder der alten Götter eingebaut waren; wo er drei Tage und drei Nächte lang mit dem greisen Druiden über die Wahrheit und über das Wissen gesprochen hatte.

„Unser Erkenntnis der Wahrheit wächst aus dem Wissen“, hatte der Druide gesagt, „euer Erkenntnis aus dem Glauben. Wir müssen Wissen von Scheinwissen trennen, wie Weizen vom Spreu, um die Wahrheit zu erkennen; ihr müsst Glaube von Aberglaube trennen. Wahrheit und Lüge sehen für uns beide wie Zwillingsbrüder aus. Aber es gibt andere, die sie einfach erkennen ... Die Alten ... Die, die vor uns da waren...“

An dem Morgen war Flan früh aufgebrochen, um eine von diesen „Alten“, eine Frau namens Dana, aufzusuchen.


Er setzte seinen Weg fort. Vor der dachlosen, kreisrunden Mauer, die den Zugang zur unterirdischen Wohnung der Alten beschützte, stand allerdings eine stattliche, junge Frau mit glatter, weißer Haut, langem, schwarzem Haar und Augen, die die gleiche Farbe hatten, wie der wolkenlose Himmel, gegen den sich ihr Kopf abhob.
Als Flan sie nach der alten Frau fragte, lachte sie glockenklar: „Du kommst vom Druiden Osgar, nicht wahr? Ich bin Dana – er nennt mich immer ‚die Alte’, bloß weil ich vor ihm auf der Welt war!“
Flan musterte die festen Brüste und die schmale Taille im langen, blassgrünen Kleid aus Leinen und erwiderte, der Druide meine wohl, dass ihr Volk vor seinem Volk da gewesen sei.
„Oh nein!“ sagte sie. „Ich war lange vor ihm auf der Welt; von mir hat er viel von seinem Wissen bekommen. Du weißt, was ich bin.“
„Es gibt euch wirklich?“
„Das siehst du doch!“

Flan verstummte von diesem Wesen, das schöner war, als jede Braut, eine Stimme wie ein fröhliches Mädchen hatte und ihn wie eine weise Großmutter ansprach.
„Du bist einer von der neuen Bruderschaft“, meinte sie, „einer, der an den Gott glaubt, der vor uns da war, der getötet wurde, und der uns überdauern wird?“
„Ja, und mit dem ich in Ewigkeit leben werde!“ antwortete Flan.
„Das ist Gut!“ Danas Blick schien seinen dunklen Wollmantel und das einfache Leinenhemd zu durchdringen, und sie schnurrte: „Denn in hundert Jahren könntest du einer sein, der mir gefiele, Flan!“

Flan überlegte kurz, was die Schrift über Sex im Jenseits sagen mochte. Er meinte, sich an ein Wort des Herrn zu erinnern, das implizierte, dass es so etwas nicht gäbe. Schade!

„Ob Druide oder Mönch, Krieger oder Dichter: ihr sterblichen Männer wollt immer nur das eine von mir“, fuhr Dana mit einem heiteren, sprudelnden Mädchenlachen fort.
Flan errötete.
„Aber ihr bekommt es nicht einfach so!“
Flan biss sich auf die Lippe.
„Ihr sucht die Gabe, die Wahrheit so zu erkennen, wie wir es können. Das sehe ich auch dir an.“
Danas himmelblaue Augen bohrten sich in Flans Seele, und ihre mädchenhafte Stimme sagte, „Die Quelle der Wahrheit entspringt gerade hinter meiner Wohnung. Wer einmal daraus trinkt, erkennt fortan die Wahrheit oder die Falschheit jedes Wortes, das er hört oder liest. Und mehr noch: stellt man ihm eine Frage, wird er immer wahrhaftig antworten, auch wenn ihm die Antwort vorher nicht bewusst war. Willst du das, Flan?“

Flan zögerte nur einen Augenblick und sagte, „Ja, das will ich! Und um die Gabe zu erhalten muss ich nur trinken?“
Dana lächelte ihn an wie eine Großmutter ein Kleinkind: „Ja und nein, Flan! Denn neben der Quelle der Wahrheit entspringt die Quelle der Lüge. Wer einmal daraus trinkt wird fortan nie in der Lage sein, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden, und jede Frage wird er mit einer glatten Lüge beantworten müssen. Das Wasser der Quelle der Wahrheit wird keine Wirkung mehr auf ihn haben.“
„Und – welche Quelle ist welche?“ fragte Flan.
„Das weiß keiner, außer meiner beiden Brüder“, sagte Dana. „Brock hat von einer Quelle getrunken, Cu von der anderen. Sie wissen es, aber jetzt spricht einer von ihnen immer die Wahrheit, und der andere lügt immer.“
„Also musst du es auch wissen, Dana!“
Sie lächelte wieder: „Brock und Cu sind Zwillinge. Noch nicht einmal unsere Mutter kann sie auseinanderhalten. Wenn du zu den Quellen kommst, wird einer von ihnen dort sein. Er wird dir eine einzige Frage beantworten. Seine Antwort wird die absolute Wahrheit sein – oder eine glatte Lüge.“
„Also: entweder ich erschließe mir die volle Wahrheit – oder ich verschließe sie mir für immer?“
„So ist es, Flan! Gehe um die Mauer herum, laufe wenige Schritte den Hang hinunter, und du wirst meinen Bruder an den Quellen sehen.“

Schweren Schrittes folgte Flan ihrem Fingerzeig.

Um die Fähigkeit zu erlangen, Wahrheit und Lüge zu erkennen, müsste er eben diese Fähigkeit besitzen.

Wie wahr, was Osgar der Druide gesagt hatte: „Wahrheit und Lüge sehen für uns wie Zwillingsbrüder aus!“ Wahr, aber höhnisch!

Waren die Worte des Abtes besser? „Lerne auch, die Lüge zu erkennen, und du wirst der Wahrheit näher sein“.

Und Dana hatte nur gesagt, dass Flan entweder eine wahre oder eine falsche Antwort bekommen würde.

Drei wohlklingende Ratschläge, die Flan nicht weiterhalfen.

Der Mann an den Quellen sah genauso jung aus, wie Dana, und seine männliche Schönheit stand ihrer weiblichen Schönheit in nichts nach.

„Gott sei mit dir: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Ich heiße Flan“, sagte der junge Mönch.
„Die Geister der Erde, der Luft, des Feuers und des Wassers seien mit dir! Ich heiße Cu“, sagte der andere.

Wenn ich bloß wüsste, aus welcher Quelle Cu getrunken hat! dachte Flan.

Andererseits, dachte er weiter, woher weiß ich, ob er wirklich Cu ist, oder ein lügender Brock?

„Was willst du von mir, Flan?“ fragte Cu, wenn er es wirklich war.

Flan holte tief Luft: „Die Antwort auf eine Frage: Auf welche dieser beiden Quellen würde dein Zwillingsbruder zeigen, wenn ich ihn nach der Quelle der Wahrheit fragen würde?“

Die himmelblauen Augen des Zwillings blickten fest wie die eines aufrichtigen Mannes – oder eines gewissenlosen Lügners: „Auf diese Quelle, auf deren Rand ich sitze!“

Flan wandte sich der anderen Quelle zu, tauchte die Hände hinein, formte sie zu einem Kelch und trank.

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