moderne Fruchtbarkeitskulte

#1 von Sinnion , 16.09.2011 19:54

Hallo, ihr Lieben,

nur mal kurz ein paar Gedanken, die hoffentlich eine Diskussion anregen.

Bei dem ganzen Brimborium um die Wirtschaftskrise kam mir folgende Idee:
antike Ackerbaukulturen haben hochdifferenzierte Rituale gehabt, um gewissermaßen das Land fruchtbar zu halten. Fruchtbarkeit war, schätze ich, so ziemlich das Wichtigste, da das unmittelbare überleben der kleinen Gemeinschaften davon abhing. Fruchtbar musste das Vieh sein, der Acker und nicht zuletzt die Menschen. Fruchtbarkeit beinhaltete auch das Wissen um Zyklen: Vorbereitung -Aussaat - Reifung - Ernte - Brache usw. usf.
Nicht zuletzt sind ja vier der druidischen Jahreskreisfeste unmittelbar mit der Fruchtbarkeit der Erde und den Mondzyklen verbunden...

Haben wir uns wirklich so weit davon entfernt? Jede Partei hat sich "Wirtschaftswachstum" auf die Fahnen geschrieben. Zentral ist uns das BIP, das Bruttoinlandsprodukt. Aber uns reicht das nicht mehr - noch wichtiger sind mittlerweile die noch abstrakteren Finanzmärkte, die ganze Realwirtschaften und Wirtschaftsräume mit sich in den Abgrund reißen können (unter Umständen jedenfalls).
Meine Frage: Sind das nicht auch moderne Fruchtbarkeitskulte? Wenn ja: Was ist der Unterschied zu den geerdeten antiken Fruchtbarkeitskulten? Ist unser Wirtschaftskult (nicht selten wird ja im Zusammenhang von Finanz- und Wirtschaftsexperten von "Hohepriestern" gesprochen) vielleicht ein vereinseitigter Fruchtbarkeitskult? Ein Verkopfter?

So mal ein paar Fragen dazu. Ich hoffe auf anregende Ideen

Herzliche Grüße

Johannes

 
Sinnion
Besucher
Beiträge: 62
Registriert am: 01.06.2011


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#2 von Fingayin , 17.09.2011 09:39

Ganz ehrlich?
Ich kann mit dem ganzen Wertpapier,und Börsenkram nichts anfangen.
Es ist in meinen Augen fiktives Geld (Kapital ) was nichr real ist.
Diese ganzen Milliarden Hilfspackete...das ist doch alles nicht echt.
Nein,in meinen Augen hat das überhaupt nichts mit Riten zu tun.
Wie du selber schon schreibst...die ganze Realwelten und Wirtschaftsräume in den Abgrund reißen können...
Früher oder später wird dieses System zusammenbrechen weil es einfach nicht mehr im Gleichgewicht ist.
In ländlichen Bereichen gibt es das noch.
Vieleicht nicht bewußt,aber in dem Moment wo Kinder und Erwachsene von den Feldern und Feldrändern Mohnblumen,Kornblumen,Schafgarbe und ähnliches
sammeln und sich diese Sträuße zu Hause auf den Tisch stellen ist es eine Art von Dank und Danksagung.
Und das sollte man beobachten und wieder vermehrt fördern.

 
Fingayin
Besucher
Beiträge: 2.737
Registriert am: 14.08.2009


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#3 von Esme , 17.09.2011 19:07

"Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt...."
ein altes Lied das sicher viele kennen...
auf jeder Fahne steht, wir machen das, wir retten die Welt...usw., als Ritual kann ich das auch nicht sehen, denn es tut nicht wirklich jemand etwas, außer in seine Tasche zu ernten...
da machen unsere Rituale, unsere Lebensansicht, unser Leben ausleben und wenn es nur im Kleinen ist, wirklich mehr Sinn und mehr Erfolg.

Esme  
Esme
Besucher
Beiträge: 3.833
Registriert am: 07.09.2008


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#4 von elHakim , 17.09.2011 21:52

Zu Beten half immer,wenn die eigene Vorstellung versagte. Wir haben heute die Situation, dass die meisten die Wirtschaft nicht mehr verstehen. Es fehlt die Möglichkeit zur Kontrolle. Ich selber habe auch Schwierigkeiten nachzuvollziehen, wieso private Pippifaxunternehmen wie Ratinggesellschaften in der Lage sind, Volkswirtschaften zu beeinflussen. Hier wünsche ich mir "Thors Hammer", um kräftig auf die Pappnasen draufzuhauen.
Al Hakim

 
elHakim
Beiträge: 647
Registriert am: 09.08.2010


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#5 von Sinnion , 20.09.2011 09:24

Vielen Dank erstmal für die Beiträge!

Zitat von Esme
auf jeder Fahne steht, wir machen das, wir retten die Welt...usw., als Ritual kann ich das auch nicht sehen, denn es tut nicht wirklich jemand etwas, außer in seine Tasche zu ernten...



Ich auch nicht. Aber ich meinte nicht unbedingt Rituale, sondern einen Kult, also eine Gesamtheit religiöser Handlungen, die sich um ein Objekt dreht und der von einer bestimmten Gruppe ausgeführt wird. Spannend der kurze Beitrag dazu bei WIkipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Kult. Welche Rituale sich damit verbinden - das wäre mal interessant zu überlegen.
Vielleicht Matra-artig zu wiederholen: "Regulation schadet der Wirtschaft, jaaaaaa - die Märkte regulieren sich selbst, ahaaaaa."

Im übrigen habe ich nichts gegen eine funktionierende Wirtschaft. Ich bin meinem Zahnarzt sehr dankbar, der mit high-tech letzte Woche meinen Zahn wieder flicken konnte.

BIP, BSP, Wirtschaftswachstum... das scheinen mir doch zumindest pseudoreligiöse Strömungen zu sein. Wir sprechen ja auch von "wirtschaftsweisen", also eine religiös angehauchte Sprache.

Aber die Probleme könnten genau damit zusammenhängen, was ihr über Börse etc. geschrieben habt: Die Finanzströme sind mittlerweile völlig von der Fruchtbarkeit von Mutter Erde abgekoppelt. Vielleicht bräuchte es in unserer Weltwirtschaftkonzepption genau wieder das - eine geerdete Fruchtbarkeit (nicht nur Akcerbau), die das Zyklische akzeptiert. Schon die Idee von einem immerwährenden Wirtschaftswachstum scheint mir da weit ab von der Erde zu sein. Das würde beinhalten in guten Jahren für schlechtere vorzusorgen, sich gewissermaßen auf den Winter vorzubereiten, bis man den nächsten Frühluing erreicht hat - also Wachstum und Schrumpfung einzubeziehen.

Da kann man vom Druidentum was lernen, denke ich.

Liebe Grüße

Johannes

 
Sinnion
Besucher
Beiträge: 62
Registriert am: 01.06.2011


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#6 von elHakim , 20.09.2011 23:04

Hi Sinnion,
Die Idee, die Welt der Finanzströme an die Jahreszeiten zu binden, ist lustig. Dann hätte man verläßlich um Samhain seine Baisse und könnte die Dollars entsprechend zwischenparken, um an Beltane satt abzuräumen.
LG
Al Hakim

 
elHakim
Beiträge: 647
Registriert am: 09.08.2010


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#7 von Sinaris , 21.09.2011 02:24

Die moderne Wirtschaft und besonders die Börsen- und Fondorientierte Wirtschaft hat nichts mit Fruchtbarkeit zu tun. Es sind Systeme um die Früchte fremden wirkens unter geringst möglichem Einsatz, maximal zu vermarkten.

Hier geht es nicht ums Schaffen. Hier geht es um den Wandel. Wandel Deines Wirkens in meinen Vorteil. Jeder, der in diesen Mechanismen etwas positives sieht ist ein leichtes Opfer moderner Propagandamechanismen. Aktionäre tun ABSOLUT NICHTS ausser die Früchte fremden wirkens abzukassieren. Traumstab der ersten Jahre dieses wirkens war die Möglichkeit über Aktien "freies" Kapital in eine Unternehmung zu bringen. Dummerweise haben so ziehmlich alle Unternehmer das Maß der Abhängigkeit unterschätzt, das aus diesem Schritt erwächst.

Aktionäre sind Menschen die viel Geld nutzlos rumliegen haben und es auf diese Weise vermehren wollen. Keine Samariter, kein Segen. Nur Gier! Ich hab viel und will mehr.

Früher war Geld ein Wechselkurs für leistung... aber heute wo ein Kanalarbeiter in Köln nur ein zehntausenstel eines Aktionärs verdient ist das System gestürzt und nur aus ABSOLUT KRANKEN SICHERHEITSBEDÜFNISSES gestehen sich die Menschen das nicht ein. Alle unsere Lebensbestimmenden Systeme haben längst ausgedient... aber wir halten trotz Ineffektivität daran fest. Ihr dürft gerne selber darüber nachdenken warum das so ist.

Ihr wollt Moderne Fruchtbarkeitrituale? Nehmt Viagra. Er steht... ob er auch was zeugt ist was anderes und hauptsächlich dient es alteres länger zu "erstarken", was längst Geschichte sein sollte. NICHT sähen aber MASSIG ernten. DAS ist heutiges wirken.

DAMN! Hört bitte ENDLICH auf in diesen Strukturen auch nur einen HAUCH gutes erkennen zu wollen. Das ist als würdet Ihr dem Dämon das Ohr kraulen, während er Eure Füsse abnargt.

Ehre und Stärke
Sinaris

Sinaris  
Sinaris
Beiträge: 882
Registriert am: 15.06.2009


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#8 von Fingayin , 21.09.2011 07:42

Zitat von Sinaris


DAMN! Hört bitte ENDLICH auf in diesen Strukturen auch nur einen HAUCH gutes erkennen zu wollen. Das ist als würdet Ihr dem Dämon das Ohr kraulen, während er Eure Füsse abnargt.

Ehre und Stärke
Sinaris



Locker bleiben,Sinaris...
Ich gebe Dir Recht, es völlig krank was in dieser Welt passiert.
Nur ändern wir nichts daran wenn wir fluchend wie wild in die Tasten hämmern.
Positives Denken ist gefragt und ein Umdenken was ja schon passiert.
Nur auch das dauert seine Zeit und geht nicht von heute auf morgen.

Hier noch ein kleiner Beitrag,wobei das nur ein Ausschnitt aus der ganzen Talkshow ist.
Dieses ganze Interview ist hochinteressant.

http://www.youtube.com/watch?v=cZ-KdQRmj2I

 
Fingayin
Besucher
Beiträge: 2.737
Registriert am: 14.08.2009


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#9 von piwo , 21.09.2011 08:27

Hallo zusammen,

Zitat von Sinnion
Meine Frage: Sind das nicht auch moderne Fruchtbarkeitskulte?


Für mich ist das alles ein hilfloses herumgestochere in ein untergehendes System. Der Kapitalismus hat seine Grenzen erreicht.

 
piwo
Beiträge: 433
Registriert am: 28.10.2010


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#10 von Sinaris , 21.09.2011 13:10

Positiv Denken? Die Zeit ist lange vorbei. Ich könnte mich evtl. positiv selbst belügen. Aber mein Denken ist ein selbstläufer.

Ich bin unmässig wütend aber irgendeinen Antrieb braucht der Mensch nunmal. Ich halte umgekehrt, das hinnehmen falschen Denkens mit der gedult einer Hindukuh für falsch. Wenn ich mein Gegenüber nicht konfrontiere kann er nicht reflektieren, oder? Ich gebe gerne zu das ich das unproportional heftig tue. Aber ich denke die meisten hier wissen das meine Wut eher die letzten zuckungen sind.

Denen die positiv in die Welt blicken und etwas schaffen wollen gehört die Zukunft. Ich kann den Rest zerstörerische Kraft, die ich noch habe nur nutzen um möglichst viel alten Rost runterzukratzen, damit das wahre zum Vorschein kommt, was doch in vielen pocht.

Aber ein Verständisversuch für diese Ausbeuter kann ich nicht akzeptieren.

Sinaris  
Sinaris
Beiträge: 882
Registriert am: 15.06.2009


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#11 von Sinnion , 23.09.2011 19:22

Nanu, da bin ich doch einigermaßen verwundert über die Emotionsausbrüche in diesem Thread

Ich bitte darum, meine Beiträge genauer zu lesen, bevor Sie als Verteidigung der kapitalistischen Finanzmärkte interpretiert werden. Ich möchte nicht gerne in eine Schublade gesteckt werden, nur weil ich mir erlaube, die Dinge einfach mal locker zu betrachten und Ideen aufkommen zu lassen. Wenn es nur darum gehen soll, auf etwas draufzuhauen, muss ich passen. Es zeichnet sich wohl kollektiv ab, dass sich insbesondere die abgekoppelten Finanzmärkte nicht mehr ewig aufrechterhalten lassen werden. Die große Frage für alle ist nur: Was soll wie geändert werden und welcher Weg führt dahin?

Ich halte mich hier an die grundlegende Offenheit des Denkens, dass meiner Wahrnehmung nach im Druidentum so bedeutsam ist. Also keine Dualismen, sondern Triaden, das die Gegensätze überschreitende dritte Element.
Hier sollte es meines Erachtens eher heißen: Was ist am System brauchbar, was nicht, also statt schwarz/weiß-Malerei sich die Freiheit zu nehmen zu sortieren - das halte ich für einen Teil druidischer Philosophie.

Es geht mir in diesem Thread um ein symbolisches Verständnis von Prozessen, die sich möglicherweise als pervertierte spirituelle Impulse herausstellen - und da liegt für mich der Gedanke nahe, dass es möglicherweise um einen entwurzelten/pervertierten spirituellen Impuls der Fruchtbarkeit geht. Also (und da wiederhole ich mich gerne): Statt Fruchtbarkeit der Erde eine in den abstrakten Raum katapultierte Fruchtbarkeit der Wirtschaft - nur nicht mehr zyklisch, sondern linear als ewig fortgesetztes Wachstum phantasiert, mit allen sichtbaren und unsichtbaren schädlichen Folgen.

Woher kommt mir die Idee? Ich habe den Eindruck, dass in unserer säkularisierten Gesellschaft eben spirituelle Impulse unterdrückt werden und sich dann an bestimmte Lebensbereiche, wie bei uns die Wirtschaft anheften und sie über die Gebühr aufblähen - mit allem drum und dran: Von Wirtschaftsweisen, über Hohepriester der Finanzmärkte bis hin zu den Tempeln der Börsen.

 
Sinnion
Besucher
Beiträge: 62
Registriert am: 01.06.2011


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#12 von elHakim , 26.09.2011 20:45

Hallo,
wir sollten nicht in die alte Sozialismusdebatte einsteigen.
Moderne Fruchtbarkeitskulte? Ja, zu einem gewissen Teil. Viele beten an: Den heiligen Dax, oder den großen Dow-Jones. Dahinter steckt genausoviel/genausowenig wie dem Glauben an Baal oder Wotan. Schlimm ist nur, dass dieser Irrglaube auf den Realmarkt durchschlagen kann und dir dein Geld wegnimmt. Ich fürchte, wir müssen da durch, denn das Rad um 100 Jahre zurückzudrehen, würde auch nicht glücklich machen.
Al Hakim

 
elHakim
Beiträge: 647
Registriert am: 09.08.2010


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#13 von Esme , 08.10.2011 19:06

Danke elHakim
eine Sozial-is-mus-debatte brauchen wir hier wirklich nicht und das Rad um 100 Jahre zurück drehen würde nicht nur nicht glücklich machen, es würde auch nichts ändern...

Esme  
Esme
Besucher
Beiträge: 3.833
Registriert am: 07.09.2008


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#14 von Al-vom-Isental , 13.10.2011 11:40

Vorab, ich bin kein Fachmann, aber ich sehe das momentan so:

In unserem Universum läuft alles im Kreis. Nur unser Finanzsystem soll geradlinig bergauf gehen. So etwas kann auf Dauer nicht funktionieren und hat in der Vergangenheit auch nicht funktioniert. Der Vergleich mit dem Kreis der Jahreszeiten oder dem Kreis des Lebens ist nicht so verkehrt.
Früher war der "Winter (Tod)" meist ein Krieg. Danach musste alles neu Aufblühen, aufgebaut werden, und der Kreis begann von Neu.
Das wollen wir aber bestimmt Heute nicht mehr. Aber ein gewisser "Winter" muss wohl kommen um alles am Laufen zu halten. Es kann nicht immer nur bergauf gehen, jedes Jahr (meist sogar Quartal) mehr Gewinne, wie soll das funktionieren. Irgend wann geht halt nicht mehr.
Früher war ein Firmenchef zufrieden wenn er etwas Rücklage hatte und alle Rechnungen und Angestellte Bezahlen konnte. Bei unseren AGs langt das lange nicht mehr. Da muss jedes Quartal mehr Ertrag erbracht werden, damit die Herren und Damen Aktionäre zufrieden sind.

 
Al-vom-Isental
Besucher
Beiträge: 41
Registriert am: 13.10.2010


RE: moderne Fruchtbarkeitskulte

#15 von Sinnion , 14.10.2011 10:16

Ich glaube auch nicht, dass eine Sozialismusdebatte weiterführen würde, auch wenn das Versagen des Realsozialismus als Feind- bzw. Gegenmodell des Kapitalismus für letzteren zunehmend als Problem erweist.

Ich stimmte aber dem vorangegangenen Statement voll zu!
Alleredings fällt mir ein: Vielleicht gibt es ja doch unbegrenztes Wachstum, jetzt wo sich das Universum auch unbegrenzt ausdehnt... Dann passt ja alles bestens


Herzliche Grüße

Johannes

 
Sinnion
Besucher
Beiträge: 62
Registriert am: 01.06.2011


   


Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de
Datenschutz