Alte Druiden-Neue Druiden

#1 von elHakim , 25.06.2011 23:11

Hallo, liebe Gemeinde im Geiste,
ich habe das Problem, modernes Druidentum mit der bekannten Historie begründen zu können. Während Wicca eindeutig neu-heidnischen Ursprungs ist und auch nichts anderes behauptet, werden für das Druidentum immer wieder prähistorisch-keltische oder insulare (irisch-schottländische) mittelalterliche Grundlagen herangezogen. Diese passen aber nicht mehr in unsere Zeit. So sind z.B. keltische Menschenopfer heutzutage etwas aus der Mode gekommen. Religionen wie der 1500 Jahre alte Islam oder das 2000 Jahre alte Christentum sind trotz ihrer antiken Bücher immer noch aktuell. Warum? Wie lässt sich eine vergleichbare Brücke von den (prä)historischen Druiden ab der Latènezeit bis heute finden?

Es grüßt ein etwas ratloser
Al Hakim

 
elHakim
Beiträge: 647
Registriert am: 09.08.2010


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#2 von Urs , 28.06.2011 15:46

Hallo Al Hakim,

zu Deiner Frage nimmt Philip Carr-Gomm in diversen Veröffentlichungen Stellung.
Detailreiche Informationen bekommst Du z.B. in seinem Buch "Die Weisheit der Druiden (org. Druid Mysteries)".

Und ist nicht genau das auch Teil der Bardischen Ausbildung? -> "Der Bardische Kurs führt, orientiert an den Jahreszeitenfesten, in die Grundbegriffe von Druidry ein und repräsentiert einen Lebensweg, der in der modernen Welt praktiziert werden kann. Dies bewirkt eine Sensibilisierung der Naturverbundenheit, aufbauend auf das Erbe der Druidentraditionen."

Ich gebe zu, ich bin ein bisschen verwirrt - hattest Du in deiner Vorstellung nicht geschrieben, Du seist OBOD-Barde?

Gruß aus der Mitte
Urs

 
Urs
Besucher
Beiträge: 199
Registriert am: 05.06.2011


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#3 von Sinnion , 28.06.2011 22:48

Kurze Vorgedanke, dann versuche ich auf das Thema einzugehen:
Vielleicht hilft der Gedanke, dass die Suche nach einer ununterbrochenen Überlieferungslinie einem für spirituelle Strömungen nicht adäquaten Geschichtsverständnis entspringt. Ich weiß nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber das Argument geht in die Richtung, dass für die Strömungen in den okkulten Philosophien Überlieferung so etwas wie eine Verwandschft des Gedankenguts darstellt. Im übrigen scheint es religionshistorisch ohnehin in der Praxis keine reinen Lehren gegeben zu haben. Unsere Vorfahren könnten sich bei einer Zeitreise als knallharte Pragmatisten erweisen, die diejenigen Praktiken annehmen, die für sie Wirkungen hervorbringen und andere verwerfen. Eine Haltung die zu Ekklektiszismus führt.

Meine Frage an Dich, Al Hakim wäre demnach, ob du etwas mit dem Gedanken anfangen könntest, dass wir keine ununterbrochene physische Überlieferungslinie haben (obwohl Rekonsruktionisten an einer Wiederherstellung zu arbeiten versuchen), sondern uns pragmatisch an historischen wie modernen Quellen orientieren (dürfen?)...

Philip Carr-Gomm scheint Druidry gemeinsam mit Schamanismus, Hermetik, etc. in einer Überlieferungslinie zu sehen, und viele Praktiken entspringen ja im westlichen Okkultismus, der keine physisch-historischen Verbindungen zu den alten Druiden zu haben scheint. Ein Beispiel dafür könnte z.B. der Tarot sein, der eindeutig zuerst von hermetisch-kabbalistischen Strömungen adaptiert wurde - und trotzdem haben wir einen Druidcraft-Tarot.

hier noch ein Link von einem Wicca-Blogger und Ritualmagier zum Thema unterschiedliche Umgangsformen mit Hostorie im Neo-Paganism: http://fraterbarrabbas.blogspot.com/2011...rspectives.html
Ich weiß nicht, ob die Einteilung von ihm ist, fands aber ganz interessant.

Mist, jetzt ist der Beitrag viel länger geworden, als ich wollte. Hoffe, er ist trotzdem hilfreich

Grüße
Johannes

 
Sinnion
Besucher
Beiträge: 62
Registriert am: 01.06.2011


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#4 von elHakim , 29.06.2011 23:44

Vielen Dank für die Rückmeldungen.
Meine Blockade liegt tatsächlich darin, denke ich, den historischen Faden nicht nahtlos weiterspinnen zu können. Als Historiker fühle ich mich unwohl, die alten Zeiten in die Moderne zu übertragen, wobei hier auch einige Diskrepanzen auftauchen. Die keltische Geschichte hatte ihre Blütezeit in den letzten Jahrhunderten BC. Leider ist darüber kaum etwas bekannt. Heutzutage wird viel mit Caesars Überlieferungen gearbeitet und ein allzu kühner Bogen über 600-800 Jahre ins Frühmittelalter auf die britischen Inseln geschlagen.
Die OBOD-Ausbildung nimmt wesentlich Bezug auf die frühmittelalterliche Phase auf den britischen Inseln. Das ist insofern akzeptabel, als es erst aus jener Zeit Dokumente in Form von Sagen usw. gibt. Ich möchte glauben, dass es auch erst aus jener Zeit die Lehren und Weisheiten gibt, die wir heute kennen. Ich muss dabei unterstellen, dass sich diese Lehren deutlich von denen unterscheiden, welche die Latène-Menschen (unbekannterweise)vor zweieinhalb tausend Jahren pflegten. Ich muss weiter feststellen, dass der druidische Jahreskreis und die moderne ökologische Ausrichtung sich ebenfalls deutlich vom Mittelalter unterscheiden (ist ja auch gut so). Fraglich bleibt für mich, ob es dann überhaupt sinnvoll ist, sich auf uralte Traditionen berufen zu wollen, wenn wir inzwischen ein zeitgemäßes - und berechtigtes - Philosophiegebäude zurückgreifen könnten. Hier war der Link auf fraterbarrabas und dessen Ansichten über den Umgang mit der Geschichte recht informativ.
Möglich ist, dass es sich nur um akademische Befindlichkeitsstörungen handelt. In der Praxis, also bei Ritualen, Meditationen und Festen, habe ich nie Probleme gehabt, die Dinge zu sehen, die ich sehen wollte.

Al Hakim

 
elHakim
Beiträge: 647
Registriert am: 09.08.2010


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#5 von Gelöschtes Mitglied , 30.06.2011 16:35

Hallo elHakim,

frag doch mal direkt im OBOD-Forum nach. Denke könnte für Dich interessant sein.
The Philosophers' Roundhouse:
http://www.druidry.org/board/dhp...m.php?f=226
oder im deutschen Unterforum:
http://www.druidry.org/board/dhp...b30141af6e995bf


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#6 von Maienfalke , 30.06.2011 18:44

...mal ganz abgesehen davon heißt ja das Berufen auf Traditionen nicht - erst recht nicht auf unserem Weg - dass dabei keine Veränderungen auftreten können. Die frühmittelalterlichen Quellen haben die um's Jahr Null unsrer Zeitrechnung tradierten Stoffe aufgenommen, die mittelalterlichen Schreiber die tradierten Quellen des Frühmittelalters und haben sie für sich übersetzt (bestes Beispiel ist hierfür die Heldenepik um 1200) ... und wir nehmen schlicht die an uns tradierten Stoffe auf.

Maienfalke  
Maienfalke
Beiträge: 234
Registriert am: 31.10.2010


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#7 von matodemi , 30.06.2011 23:14

Ich bin der Überzeugung, dass es selbst bei einer ununterbrochenen Fortführung des Druidentums zu Veränderungen gekommen wäre. Zumindest dass hier angesprochene Christentum hat sich ja auch gewandelt - wenn auch nur langsam und nach meinem Dafürhalten auch zu wenig, aber immerhin.

In Geschichten, Sagen etc. hat ja auch etwa vom alten Glauben und der Lebensweise überlebt.

Mir persönlich reicht es allerdings auch als Basis aus zu wissen, es gab etwas was in irgendeiner Form weitergeführt wurde und mein heutiges Druidentum beeinflusst, aber mir ist ein Druidentum im "Heute" lieber als eines, welches in unsere Zeit nicht mehr passen würde. Die Welt ist ja auch nicht stehen geblieben (in einigen Punkten zum Guten, in anderen vielleicht auch zum Schlechten).

matodemi  
matodemi
Besucher
Beiträge: 619
Registriert am: 09.10.2009


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#8 von Shade ( Gast ) , 30.06.2011 23:29

Zitat von elHakim
Religionen wie der 1500 Jahre alte Islam oder das 2000 Jahre alte Christentum sind trotz ihrer antiken Bücher immer noch aktuell.



Hallo El Hakim

Mich interessiert, woher du diesen Glauben hast?

Fragende Grüsse


Shade

Shade

RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#9 von elHakim , 07.07.2011 23:35

Vielen Dank für eure Antworten. Ich komme gerade von einer recht entspannenden Woche auf Sylt zurück. Dort fand ich einen Spruch von Ricarda Huch, die geschrieben hatte: "Tradition ist nicht das Aufheben von Asche, sondern die Weitergabe des Feuers". Das macht es mir erklärlich, die Essenz der "alten Druiden" aufzugreifen, der Moderne anzupassen und als Lehre weiterzugeben.
Al Hakim

 
elHakim
Beiträge: 647
Registriert am: 09.08.2010


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#10 von Nagaroon , 08.07.2011 13:17

Zitat
Mir persönlich reicht es allerdings auch als Basis aus zu wissen, es gab etwas was in irgendeiner Form weitergeführt wurde und mein heutiges Druidentum beeinflusst, aber mir ist ein Druidentum im "Heute" lieber als eines, welches in unsere Zeit nicht mehr passen würde. Die Welt ist ja auch nicht stehen geblieben (in einigen Punkten zum Guten, in anderen vielleicht auch zum Schlechten).



Dem kann ich auch zustimmen ...
Für mich ist das "Neo" Druidentum nichts anderes als eine religiös und spirituelle Art und Weise für
mich die keltische Religion zu leben ...
Ich glaube daran das sich das alte Druidentum in seine heutige bekannte Art und Richtung entwickelt hat/hätte wenn es durchlaufend fordgeführt worden wäre ...

 
Nagaroon
Besucher
Beiträge: 172
Registriert am: 10.05.2008


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#11 von teroon , 08.07.2011 14:01

Zitat
Ich glaube daran das sich das alte Druidentum in seine heutige bekannte Art und Richtung entwickelt hat/hätte wenn es durchlaufend fordgeführt worden wäre ...



Lässt sich so natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber wenn man sich die Entwicklung der meisten anderen Religionen ansieht, dann findet man natürlich das sich Religionen eher in Richtung friedliche Religionsausübung entwickeln.

Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass das Fehlen eines Traditionsüberbaus und die damit verbundene Freiheit und die Entwicklungsmöglichkeiten der große Vorteil des modernen Druidentums ist.

teroon  
teroon
Besucher
Beiträge: 82
Registriert am: 29.04.2011


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#12 von elHakim , 10.07.2011 01:02

Zitat von teroon

Zitat

Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass das Fehlen eines Traditionsüberbaus und die damit verbundene Freiheit und die Entwicklungsmöglichkeiten der große Vorteil des modernen Druidentums ist.




Ist es so, das Tradition einen Hemmschuh darstellt? Ich für meinen Teil greife gerne auf archaische Bilder zurück, so wie ich mir meinen Druiden vorstelle, und versuche, dieses - wahrscheinlich unrichtige Bild - in mein modernes Leben zu übertragen.

 
elHakim
Beiträge: 647
Registriert am: 09.08.2010


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#13 von teroon , 10.07.2011 01:38

Das war vielleicht etwas unglücklich ausgedrückt:
Ich würde zwischen einer lebendigen, sich wandelnden Tradition und einer starren, kristalinen Tradition unterscheiden. Erstere wirkt wie die Wurzeln eines Baumes und sorgt für Kraft und Nahrung, letztere verhindert Wachstum und kann maximal konservierend wirken, was aber nicht ausreicht um wirklich überlebensfähig zu sein (Ohne Wandel kein (Über)Leben).

teroon  
teroon
Besucher
Beiträge: 82
Registriert am: 29.04.2011


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#14 von Gelöschtes Mitglied , 10.07.2011 07:58

Traditionen sind ein Wissenschatz, der von Generation zu Generation übergeben wird.
Alte Traditionen können somit viele Wahrheiten und Erkenntnisse beinhalten.
Wie ein großer Genpool ermöglichen sie somit sich ans Jetzt anzuzpassen und stimmig zu bleiben.
Auch ist keine Gernation 100% identisch zur vorherigen.
Selbst der verstandene Inhalt vom Geschriebenen Wort unterliegt einem Wandel.

Deshalb gibt es mMn keine starren Traditionen.


RE: Alte Druiden-Neue Druiden

#15 von Rhiannon13 , 10.07.2011 09:36

Hallo,

als ich den ersten Post gelesen habe, dachte ich: "Hab ich irgendwas falsch verstanden?" Nun seh ich aber das ihr schon einiges auseinander genommen habt und ich möchte meinen Senf auch noch dazu geben

Ich glaube nicht, dass das Druidentum stecken geblieben ist oder starr ist, weil man sich bei Gewissen Dinge auf Traditionen beruft, die vor langer langer Zeit entstanden sind.
Auf die eine Art ist es sehr traurig, dass wir nicht mehr über die Druiden und Kelten wissen, auf die andere finde ich eben dieses Unwissen ungemein befreiend. Wir haben die Sagen und Legenden, wir haben einige Überlieferungen zu den Gesellschaftlichen Strukturen und das Leben damals.

Ich glaube die Sagen und Legenden sind das wichtigste. Der Inhalt, das Wissen und die Lehren, die jeder für sich daraus ziehen kann. Die Taliesin-Geschichte zum Beispiel, kann so viel lehren, wenn man sein Herz öffnet.
Und so ist der druidische (oder heidnische allgemein) Weg für mich eine Befreiung. Es gibt keine starren Strukturen, keine heilige Schrift an die man sich halten muss, es gibt selten ein richtig oder falsch und Regeln sind auch ganz wenige.

Für mich der ideale Nährboden um meine Fantasie, meine Seele und meine inneren Augen zu öffnen. Ich kann ein Ritual ausführen, so wie es sich für mich richtig anfühlt und nicht so wie es irgendwo geschrieben steht. Ich kann zu den Göttern beten, wie ich möchte. Ich kann mit Mutter Erde meinen, unseren Tanz tanzen ohne Angst zu haben, dass es die falschen Schritte sind. Das ist doch wunderbar!

Jede Legende, jede Geschichte lebt von und mit ihrem Erzähler, jedes Mal hört sie sich wieder etwas anders an. So viele Menschen wie die Geschichte erzählen, so viele Versionen gibt es und keine ist richtiger als die andere, alle haben ihre Berechtigung.

Ich finde das Druidentum und das Heidentum allgemein eine der lebendigsten und aktuellsten "Religionen" überhaubt! (Ich setzte Religion in Gänsefüsschen, weil es für mich eher ein Lebensweg, den ne Religion ist)
Hingegen das Christentum und alle "Welt"Religion für mich sehr starr sind und in Traditionen verhaftet sind, die definitiv veraltet sind. Man denke nur an die Haltung der katholischen Kirche was Verhütung angeht...

Ich lese sehr viel und sehr gerne über die Kelten und Druiden, versuche alles rauszukriegen,was man über dieses Volk und ihre Geistigenführer noch weiss, wenn ich Weisheiten entdecke, versuche ich nicht, sie im Kontext der damaligen Zeit zu sehen und zu verstehen (das ist mir nicht möglich), sondern ich übertrage sie ins Hier und Heute. Und wenn man sich mal diese Triaden, Geschichten und Sagen durchgelesen hat, merkt man das die Inhalte aktueller den je sind.

So, genug der flammenden Rede
Liebe Grüsse
Rhiannon

 
Rhiannon13
Besucher
Beiträge: 409
Registriert am: 03.05.2010


   


Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de
Datenschutz