Unmenschlich?

#1 von Esme , 17.02.2011 20:13

Diese Gedanken gehen mir schon sehr lang durch den Kopf und will sie nun mit euch teilen und gerne hören wie ihr darüber denkt, wie es euch geht dabei, wenn ihr euch äußern wollt.

Mir geht es so, ging schon immer so, das ich beim Tod eines tierischen Gefährten mehr trauere als bei einem Menschen, bis auf wenige Ausnahmen.
Habe ich ein Herz aus Stein?, bin ich unmenschlich? Da ich aber glaube das auch Steine beseelt sind, kann es ja eigentlich nicht so verkehrt sein, wie ich empfinde.
Natürlich glaube ich an Wiedergeburt, aber der Verlust eines Wesens, das einem nahe steht, muß ja auch erstmal verarbeitet werden.

Wie denkt ihr darüber?

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RE: Unmenschlich?

#2 von Nachtfalke , 17.02.2011 20:41

Hm..zweischneidiges Schwert. Ich hab bislang auch bei jedem Tier, dass ich verloren habe Rotz und Wasser geheult (und schäme mich auch nicht es wieder zu tun). Auf der anderen Seite habe ich bislang auch erst einen menschlichen Gefährten -meinen Großvater- verloren. Damals war ich 8 oder 9 Jahre alt. Ich habe mir gesagt, er ist nicht mehr da. Hab nicht geweint oder so. Auch nicht beim Begräbnis. Mir war es damals einfach nicht so stark bewusst. Zudem hatte ich immer irgendwie das Gefühl er sei manchmal um mich.

Allerdings habe ich in den letzten Wochen sehr oft geweint, als mir langsam bewusst wurde, dass ich meinen "besten" Freund verloren habe. Nicht, weil er gestorben wäre, sondern viel mehr, weil er keine Zeit mehr für mich hat und bei mir immer mehr und mehr der Gedanke aufkeimt, dass ich ihm egal bin.
Ich weiß auch nicht wie ich reagieren würde, wenn jetzt jemand stirbt, der mir viel bedeutet...

Unmenschlich.. nein. zutiefst menschlich, wenn man um einen tierischen Gefährten trauert. Ich kann dich verstehen...
Die Frage ist eher: trauerst du um deine menschlichen Gefährten gar nicht oder eher weniger, weil du eher damit klar kommst, dass er/ sie wieder geboren wird?

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RE: Unmenschlich?

#3 von Esme , 17.02.2011 20:46

Für mich ist auch klar das meine tierischen Gefährten wieder geboren werden, vielleicht trauere ich mehr um sie, weil sie mich nie enttäuscht haben.

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RE: Unmenschlich?

#4 von Nachtfalke , 17.02.2011 21:06

Zitat von Esme
Für mich ist auch klar das meine tierischen Gefährten wieder geboren werden, vielleicht trauere ich mehr um sie, weil sie mich nie enttäuscht haben.


Hm ja... das wäre eine Möglichkeit. Und vielleicht weil sie irgendwie wie Kinder sind (aber ich weiß (zum Glück) nicht wie stark die Trauer einer Mutter sein muss, die ihr Kind verliert...).

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RE: Unmenschlich?

#5 von Fingayin , 17.02.2011 22:05

Hm,wer sagt Euch denn das die Wiedergeburt "wieder" in der selben,sagen wir Gattung, stattfindet.
Ich mußte vor knapp zwei Jahren meine Stute wegen Darmverschluß einschläfern lassen.
Sie hat es trotz OP nicht geschafft.
17 Jahre war Sie bei mir.
Es war schrecklich.
In der Familie sind schon Omas und Opas gegangen,aber das tat nicht so weh...
Also bin ich jetzt auch unmenschlich?
Ich sage einfach mal nein.

 
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RE: Unmenschlich?

#6 von angelikaherchenbach , 17.02.2011 22:36

Nein, es ist menschlich, zutiefst menschlich.

Es gibt diese Konventionen, wie (sehr) man wann taruern sollte....

Aber sind wir da nicht schon längst drüber hinausgewachsen?

Der Schmerz, die Trauer, ist umso größer, je näher einem ein Lebewesen gstanden hat.
Da gibt es sicherlich bei jedem/r eine Hierarchie.
Und da ist es gleich, welcher "Gattung" es angehört hat.

Es ist vielleicht erschreckend, traurig, schade, ..., dass (bislang) kein menschliches Wesen einem so nahe gestanden hat wie ein Haustier.
Aber "unmenschlich" sind allenfalls die Umstände, die eine/n so empfinden lassen, nicht die Gefühle!

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RE: Unmenschlich?

#7 von Tatjana , 17.02.2011 22:56

Und ich habe vor drei Jahren unseren fast 18-jährigen Kater gehen lassen müssen, war diejenige die ihn in seinen letzten Tagen und dann auch Minuten begleitet hat. Kaum einer hat verstanden damals, was in mir vorging bis auf einen lieben Freund...

Tja, das Leben geht weiter aber bis heute stelle ich unserem Nermal immer wieder mal eine Kerze an seinem Grab auf. Bei den vorausgegangenen Angehörigen... sorry, ich komme nicht einmal auf die Idee. Deswegen bin ich kein Misanthrop, ganz im Gegenteil... für mich steht nicht im Vordergrund ob ich um Mensch oder Tier trauere, sondern die Wesenheit die Teil meines Lebens war und mich auf seine Weise begleitet hat. Bei Tieren ist es eben so, dass sie stets authentisch sind... in ihren Befindlichkeitsäusserungen und auch im Zeigen ihrer Zuneigung, ihrer Empathie und oft auch Liebe. Da gibt es nicht die Enttäuschungen, wie wir sie immer wieder mit Menschen erleben denen wir Zugang in unser Herz gegeben haben...

Ich kann nicht grundsätzlich sagen, dass ich um ein Tier mehr trauere als um einen Menschen oder umgekehrt. Ganz aktuell: meine liebe Oma ist vor einer Woche gestorben und ich bin deswegen sehr traurig... aber tatsächlich nimmt das in etwa den gleichen Stellenwert ein wie damals mit unserem Kater. Vermutlich kann man das ausser hier in dieser Runde nirgends ungestraft aussprechen ohne als lieblos abgestempelt zu werden... naja, beide Seelen waren wichtige und langjährige Begleiter für mich... wer will beurteilen, ob mir der Mensch mehr bedeutet hat als das Tier. Entscheidend ist doch meine eigene Wahrnehmung und die Zeit, die ich mit dem einen oder der anderen verbringen durfte.

Liebe , mach´ Dir da keine Gedanken ob Du "richtig" empfindest. Denn egal, was Du fühlst und wahrnimmst beim Abschied von einem Gefährten, sei er nun Mensch oder Tier. Es spiegelt Deine Beziehung zu diesem Wesen wieder und was ihr miteinander für eine Verbindung hattest. Das ist richtig so, das ist authentisch und darf einfach so angenommen werden ohne Urteil. Ansonsten schliesse ich mich angelika an und wünsche uns allen, wenigstens einmal im Leben mit unseren eigenen Artgenossen die Erfahrungen zu machen, die wir vielleicht bisher nur mit Gefährten aus der Tierwelt haben durften...

 
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RE: Unmenschlich?

#8 von Oak King , 18.02.2011 00:14

Ich glaube was unseren Kreis von den 'Normalbuergern' unterscheidet ist das wir uns als Menschen nicht als Herrenrasse und all den anderen Kreaturen dieser Erde nicht ueberlegen fuehlen sondern alles Leben als gleichwertig und voneiander abhaenging betrachten. Somit ist jeder Einzelfall anders und die Tiefe der Trauer eher von der Intimitaet der Beziehung gepraegt die wir zu einem andern Menschen, Tier oder gar Planze/Baum hatten. Das Sprichwort 'Seit ich die Menschen kenne liebe ich die Tiere' kommt ja auch nicht von ungefaehr, oder?
Holger

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RE: Unmenschlich?

#9 von matodemi , 18.02.2011 09:24

Unmenschlich? Nein. Schlimmstenfalls wäre es menschenunfreundlich. Aber selbst das sehe ich nicht.

Ich bin kein "Tiermensch", kann also nur spekulieren.
Aber es ist doch so, dass ihr mit den Tieren gelebt habt. Euer Leben mit diesen geteilt habt. So nah kommen einem doch auch nur wenige Menschen - und somit ist die entsprechende Trauer doch nur natürlich und verständlich.

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RE: Unmenschlich?

#10 von Serpentia , 18.02.2011 10:19

Was bedeutet denn "Trauer" überhaupt?

Ist es nicht viel mehr so, dass wir nicht um den Menschen/das Tier trauern, sondern um das, was er oder sie uns bedeutet hat? Um den Teil in unserem Leben, der jetzt fehlt?

Insofern ist Nachtfalke's Trauer um einen Freund, für den sie - wie man ja auch umgangssprachlich sagt - "gestorben ist" genauso eine Trauer.

Wie Eifersucht ist Trauer ein Gefühl, bei dem mir meine Familie schon lange vorwirft, dass ich es nicht hätte - und daher nicht "normal" bin. Stimmt nicht, ich empfinde es nur anders. Als meine Uroma starb, war ich dabei, da war ich 13. Und ich habe gespürt, wie ihre Seele plöztlich frei und .. ich kann es nur "erlöst" nennen, wie sich das anfühlte - davonschwebte, ohne einen einzigen Blick zurück. Und ich wusste, meiner alten Oma ging es jetzt besser als zuvor, als sie krank und alt (sie war Baujahr 1899) noch jeden Tag als Überwindung empfand. Das war für mich kein Grund zum weinen "um" Oma - ich habe höchstens um mich geweint, weil ich sie nicht mehr hatte. Eigentlich ein zutiefst egoistisches Gefühl, so gesehen....

Und so ging es mir über die Jahre immer wieder, ob mit Kolleginnen oder Meerschweinchen.

 
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RE: Unmenschlich?

#11 von Siebenstern , 18.02.2011 11:07

Ich denke es ist nicht unmenschlich sondern folgerichtig, wenn du mehr Trauer um ein Wesen verspürst, mit dem du dich mehr verbunden gefühlt hast...egal, ob nun Tier oder Mensch. Wenn z.B. mein Partner oder mein Sohn sterben würde, dann wäre die Trauer mit Sicherheit bei mir stärker und unaushaltbarer als wenn mein geliebtes Haustier stirbt...Aber wenn die Oma stirbt, die nicht meinen Alltag geteilt hat wie eben mein geliebtes Haustier, dann ist es evt. anders herum.

Als meine Oma starb, da war ich jugendlich, das hat mir nichts ausgemacht, ich hatte zu ihr einfach keine Beziehung, sie war weit weg und hatte für mich nie viel über.
Aber meine Haustiere, die verstarben oder anders wie verschwanden, die haben großen Schmerz bei mir ausgelöst.

Ich denke es ist die Stärke der Beziehung, die die Trauer und das Verlustgefühl ausmacht. Wenn ich mich mit einem Menschen wenig verbunden fühle, dann trauere ich nicht so sehr um ihn.

Gut, wenn es die Eltern sind, kommen nochmal viele unverarbeitete Dinge ans Licht und das kann vieles nochmal ändern....

Tiere sind unsere Brüder und Schwestern, genauso wie Bäume und Pflanzen und Steine.... gut, ich hab allgemein zu dem Reich fast mehr Beziehung als zum gängigen Menschenreich , hat aber auch was mit Schutzmechanismus zu tun, bis auf wenig Ausnahmen liegen mir diese Bereiche einfach mehr.

Grüße
Siebenstern

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RE: Unmenschlich?

#12 von wanderbenny , 18.02.2011 16:07

Bei mir ist das auch ähnlich: Trauer empfinde ich, wenn mich ein Wesen, dass ich geliebt habe - egal ob Mensch, Tier oder Pflanze - verlässt! Und verlassen heißt dabei nicht nur sterben, sondern auch weggehen, aus mir nicht verständlichen Gründen. Ja manchmal sogar aus verständlichen Gründen, dann sagt mein Kopf z.B.: Hey, Du mußt nicht traurig sein, XYZ ist doch nur weggezogen und wir werden ihn/sie wiedersehen, aber mein Herz lässt mich trotzdem eine Weile trauern!

So ist das Leben!

LG Wanderbenny

 
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RE: Unmenschlich?

#13 von Ceridwen , 18.02.2011 16:26

Finde es sehr menschlich.
es gibt zu den Tieren eine starke Verbindung.
Als unser Hund eigeschläfert wurde, waren alle Kinder dabei, er war ja fast wie ein Bruder für sie, mit dem sie alles geteilt haben, er hat bedingungslos geliebt, ihnen zugehört und sie getröstet
Mein Sohn verzeiht uns heute noch nicht, das wir unseren ersten Hund haben einschläfern müssen, und das ist schon viele Jahre her.

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RE: Unmenschlich?

#14 von Esme , 18.02.2011 22:44

@all

wißt ihr was? diese Bestätigung von euch, das ihr auch nicht "normal" seid, bestärkt mich in meinem Denken, Danke

Esme  
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RE: Unmenschlich?

#15 von Belbara , 19.02.2011 00:06

Hei,

noch so'n paar (sehr persönliche) Nachgedanken von mir...

Ob und wie man trauert, hängt sicher von der Art der Beziehung ab; aber andererseits sind sowohl Beziehungen als auch Trauer in hohem Maß von den Vorstellungen geprägt, die wir von ihnen haben; wenn ich beispielsweise davon ausgehe, daß jemandem das Sterben lieber war als das Leben, dann trauere ich sicher anders als im umgekehrten Fall. Um ein Beispiel zu nennen: um meinen Vater habe ich zwar getrauert, aber in Maßen - denn Knochenkrebs ist sehr schmerzhaft, und er hat mehrfach geäußert, daß er sich wünscht, bald zu sterben. Und ich hatte zwar beileibe keine ungetrübte Beziehung zu ihm, aber "enttäuscht" hat er mich nicht. Insgesamt hat mich noch kein Mensch dieser Welt enttäuscht - ich habe mir bloß öfters falsche Vorstellungen von manchen Menschen gemacht. Von daher denke ich, daß "Enttäuschung(en)" eigentlich gar keine so große Rolle spielen, denn das ist etwas, wo man im Lauf des Lebens definitiv dazulernt; je weniger man von anderen (bewußt oder unbewußt) erwartet, desto seltener tritt das Gefühl auf, getäuscht worden zu sein (bzw. enttäuscht zu sein).

Um mein Kätzchen habe ich sehr getrauert; allerdings würde ich aus "mehr Tränen" nicht zwangsläufig auf eine Höherwertigkeit der Beziehung schließen, im Sinne von "wenig um Papa geheult = ich liebte ihn weniger; sehr um die Katze geheult = ich liebte sie mehr". Alles geschieht zu seiner Zeit und auf seine Weise, und da letzten Endes keiner von uns damit rechnen darf, "mit dem Leben davon zu kommen" (wie man so schön sagt), wäre es klug, jegliche Art von Trauer in ihrer Eigenart zu erleben - denn die kommt nämlich, wie auch alle genossenen Freuden, nie wieder und ist daher auch ein Teil des (endlichen) Lebendigseins, aus dem wir doch möglichst umfassend schöpfen möchten, ehe es vorbei ist.

Gruß,
Belbara

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