Cymortha - eine walisische Lebensweise

#1 von Oak King , 13.08.2010 23:14

Bis in die gar nicht zu ferne Vergangenheit lebten die laendlichen Kommunen in Wales mit nur wenig Kontakten zur Aussenwelt. Besonders im westwalisischen Huegelland gab es praktisch keine Strassen im heutigen Sinn, man blieb an Ort und Stelle und lebte so wie die Eltern und Grosseltern schon immer gelebt hatten. Der Boden war oft karg, das Klima nicht immer hilfreich und dennoch waren die Gemeinden praktisch vollstaendig selbstversorgend. Vor diesem Hintergrund war es lebensnotwenig sich gegenseitig zu unterstuezen und nirgenwann war dies dringender notwendig als zur Zeit der Ernte. Das System der cymortha (dt. Hilfe/Unterstuetzung) bedeutete dass die Bauern eines bestimmten Gebietes ihr Getreide nicht alle am gleichen Tag einbrachten sondern soviel wie moeglich helfende Haende sich an einem bestimmten Bauernhof versammelten und dort versuchten die Ernte wenn moeglich in einem Tag unter Dach und Fach zu bringen. Nach einem langen Tag harter manueller Arbeit kam man dann am Abend am Hof des gastgebenden Bauern zusammen um gemeinsam zu essen, trinken, tanzen, Geschichten erzaehlen usw. um am naechsten Tag zur naechsten Farm zu ziehen. Dies aenderte sich erst im 19. Jahrhundert mit dem allmaehlichen Uebergang zur mechanisierten Landwirtschaft und dem Beginn systematischen Strassenbaus sowie der Ankunft der Eisenbahn.
Und was mich darauf gebracht hat dies hier zu posten? Das Gefuehl das cymortha auch heute noch, wenngleich auch in anderer Form, noch zu finden ist. Um es zu erklaeren, als eine meiner Kolleginnen kuerzlich Aerger mit ihrem PC hatte, hat mein Sohn - als einer dieser selbstgelehrten Computer-Whizzkids - das Problem beinahe im Handumdrehen geloest. Und die Bezahlung? Da ihr Mann Klempner ist und Anfang des Jahres seinen Job verloren hat sie ihn am naechsten Tag gleich losgeschickt um uns endlich einen Wasserhahn an der Aussenwand zu installieren den wir uns schon lange ersehnt hatten. Das waessern des Gartens wird von nun an viel einfacher sein.
Worauf ich hinaus wollt ist dass es auch heute noch moeglich ist sich das Leben gegenseitig leichter zu machen durch den Austausch von echten Dienstlesitungen anstelle gieriger Geldabzocke. In einer Welt in der Wettbewerb gegeneinander als hoechstes Ideal angepriesen zeigen diese Beispiele des miteinander und fuereinander das es auch anders geht. Unsere Ahnen haben es vorglebt!
Auif eine ertragreich Erntezeit,
Holger

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RE: Cymortha - eine walisische Lebensweise

#2 von Inge , 14.08.2010 10:56

... so soll es sein

LG

 
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RE: Cymortha - eine walisische Lebensweise

#3 von npaul , 14.08.2010 11:24

Hallo Oak King,

das hört sich gut an und das gibt es auch hier in Deutschland, hier heißt es Tauschring, zu fnden unter http://www.tauschringadressen.de/
Hier werden Leistungen und Produkte bargeldlos getauscht, ist interessant, funktioniert so wie du es im kleinen erlebt hast.

Herzliche Grüße, Norbert

 
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RE: Cymortha - eine walisische Lebensweise

#4 von angelikaherchenbach , 14.08.2010 12:00

Da, wo es noch gewachsene dörfliche Strukturen gibt, läuft das auch heute noch so bei uns.
Gerade für die Ernte gilt das, wenn auch nicht immer ganz ohne Geldleistungen:
Meist hat nur ein Bauer einen Mähdrescher - es wird dann rundum gemäht, ein Feld nach dem anderen; die Benutzung des Mähdreschers wird jedoch bezahlt.

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RE: Cymortha - eine walisische Lebensweise

#5 von Oak King , 14.08.2010 23:05

Es scheint also dass die Welt doch nicht ganz so schlecht ist wie manche sie malen und die Klatschspalten der Medien oftmals den Eindruck zu erwecken versuchen. Offensichtlich ist im tiefsten innern Mensch immer noch menschlich.
Auf eine helle und hilfreiche Zukunft denn!
Holger

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RE: Cymortha - eine walisische Lebensweise

#6 von WaldSeele , 14.08.2010 23:31

klasse! Oak King Vielen Dank für diese Geschichte.
Das haben wir in dieser Gesellschaft dringend nötig. In einer Zeit, in der so viele negative Dinge durch die Klatschspalten und die Medien geht und die mit dieser Aufmerksamkeit auf Negatives die Ent-Fremd-ung unter den Menschen und die Isolierung voneinander noch weiter schürt, ist es er-leuchten-d & herz-er-wärmend, zu erkennen, dass es eben auch ganz Andere gibt -- über die, m.E., leider zu wenig bis gar nicht berichtet wird -- die das Leben anders angehen, die Wert auf Gemeinschaft legen, die kreativ und konstruktiv mit-ein-ander leben. Lasst uns davon ein Beispiel nehmen.

mir fällt dazu gerade ein kleiner Film ein, der auch auf die Umgehensweise miteinander eingeht und uns auffordert, achtsamer und freund-licher mit unseren Mit-Menschen umzugehen und damit die Welt grundlegend zu verändern
http://www.youtube.com/watch?v=Cbk980jV7Ao

Ganz liebe Grüße

 
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RE: Cymortha - eine walisische Lebensweise

#7 von Siebenstern , 15.08.2010 11:00

Um das mit den Tauschringen noch zu ergänzen:

Meine Mediationslehrerin ist Mitglied eines Sozialen Netzwerks. Also es gibt ja diese Wohnprojekte, wo sich Menschen zusammenschließen um gemeinsam zu wohnen und sich zu unterstützen, das ist das eine.
Aber in diesem Fall finden sich Menschen in einem gewissen Umkreis und kommen zusammen um sich gegenseitig zu unterstützen ähnlich wie in Form des Tauschringes. Die wohnen eben nicht zusammen. Für mich ist es ein wenig außerhalb, aber hab auch schon mit meinem Mann überlegt, ob wir soetwas nicht irgendwann bei uns in der Nähe gründen sollten.

Ich denke auch, solche Netzwerke werden immer wichtiger und gefragter und es können ja wirkliche Gemeinschaften daraus wachsen. Gemeinschaft ist das was wir mehr brauchen.

Grüßle
Siebenstern

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RE: Cymortha - eine walisische Lebensweise

#8 von Weisser Schatten , 17.08.2010 17:50

mein freund werner müller aus stadtilm hat ein sogenannte "gib und Nimm-Haus auf seinem grundstück eingereichtet, welches nun schon 5 jahrte besteht und einige andere orte in thüringen arbeiten daran,
man gibt hin was man/frau nicht mehr braucht (in ordnung und gute sachen - versteht sich - keinen schund) und nimmt sich, was man/frau dort findet und braucht,
die schränke meiner freunde und verwandten leeren sich und vieles, was auf dem dachboden schon hunderte jahre (es könnte ja noch einmal gebraucht werden!!!???) steht, findet seinen nutzer,
und es ist schon ergreifend, wenn "wirklich" arme leut' mit ihren kindern dorthin ziehen, etwas bringen und dann mit guten dingen nach hause gehen,
dasgleiche (auf kleinerer flamme) geschiet auch mit arbeitsleistungen im örtlichen umfeld,

auf diese weise habe ich am WE einem metallhändler geholfen, seine ausstellung auf einer verkaufsmesse in sankt pölten/Österreich kräftemäßig mit zu gestalten, wer weiß, was ich einmal dafür bekomme - aber etwas kommt sicher dafür zurück, dann wenn ich ihn brauche,

keltische grüße aus dem immer noch verregneten wald

ian-jonathan der weiße schatten

 
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RE: Cymortha - eine walisische Lebensweise

#9 von WaldSeele , 19.08.2010 01:59

Was Du beschreibst, ... sehr gute Sache, find ich.
erinnert mich an das Konzept des Umsonstladens, wer mag, hier gibt's mehr Infos dazu:
Lokale Ökonomie HH - Umsonstladen - da gibt's auch ne freie Uni, ne Fahrradwerkstatt und weitere Projekte..
Selbstkritik - Rückblick u. Ausblick

Schöne Grüße

 
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RE: Cymortha - eine walisische Lebensweise

#10 von Oak King , 19.08.2010 23:30

Um nochmal auf meinen urspruenglichen post zuruecksukommen, eine andere traditionelle Art der Hilfeleistung bis ins 19 Jh. hinein war bekannt als cwrw bach (sprichw. kleines Bier), im englischen auch 'bid ale' genannt. Wie der Titel suggestiert, Familien in akuter Geldnot brauten Bier das dann von Freunden und Nachbarn im Haus des gastgebers getrunken wurde. Um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, wurde fuer das Bier direkt zwar kein Geld verlangt, wohl aber fuer ein kleines Stueckchen Kuchen das mitgeliefert wurde. Keine Frage dass alle Freunde und Nachbarn sehr hilfreich waren und derjenige der das meiste Bier getrunken hatte wurde als der ehrenhafteste angesehen.
Falls jemand von euch also mal auf harte Zeiten fallen sollte, lasst es mich wissen, bin immer fuer ein oder zwei oder ...... Bierchen zu haben!
Lustige Gute Nacht!
Holger

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