Geschichte vom Holunder ...

#1 von Elrued , 13.05.2010 20:58

... oder besser: „Meine Geschichte mit Holunder“

Meine Eltern hatten einen großen Garten. Ich weiß nicht mehr, wieviel Holunder es dort gab. Das heißt, damals wusste ich gar nichts von Holunder. Jetzt weiß ich, dass ich als Kind - keine Ahnung wie alt ich damals war - darin gesessen und gespielt habe. Es müssen mächtige Büsche gewesen sein. Ich habe geschaukelt und gewippt, bin „geflogen“ damit, habe Flugzeug gespielt, habe Bomben abgeworfen und in luftiger Höhe deren einschlagende Wirkung betrachtet, habe gerade gewachsene Äste abgepflückt und sie als Indianer-Pfeile verschossen. Jetzt weiß ich, dass es Holunder war, denn an das weiße Mark in den hohlen Ästen kann ich mich gut erinnern.

Holunder ... für mich ein Prozeß des „sich bewusst werdens“. In Schleswig Holstein - da komme ich her - da heißt der Holunder „Flieder“. Wenn ich später vom Flieder sprach, dann meinte ich den Holunder. Das gab manche Mißverständinisse. Kein Mensch verstand mich mehr, in der Fremde angekommen. Und ich verstand mich selbst nicht mehr. Wieso hat mein Flieder plötzlich keine Beeren mehr? Hat sich mein Leben so verändert? Kein Kind mehr – keine Früchte mehr?

Ich wurde älter und hatte ein Haus gekauft, mit einem Grundstück. Die Vor-Eigentümerin gab meiner damaligen Frau und mir noch gutgemeinte Tipps, wie mit dem Garten und seinen Pflanzen umzugehen sei. „Diesen Busch dort, den müsst ihr jeden Herbst komplett runterschneiden. Nichts davon stehenlassen!“. Das habe ich gehorsam zwei Herbste lang befolgt. Und den Teich gereinigt, der lag daneben. Dann kam die Trennung von meiner Frau. Viele Dinge haben sich dadurch verändert. Auch mein Verhältnis zum Garten. Mein Gehorsam schwand und ich ließ „diesen Strauch dort“ wachsen, habe ihn nicht mehr zurückgeschnitten. Im nächsten Jahr war er schon sehr groß. Und er hat geblüht. Und die Blüten fielen in den Teich. Es war ein weißer Teppich auf dem Wasser. Wunderschön!

Es verging noch ein Jahr. Ich bekam Besuch. Diese Frau war mir nicht ganz geheuer. Habe mich fast bedroht gefühlt. Wir saßen am Teich, sie saß mir gegenüber. Das Gespräch kann auf ... „Holunder“. „Ich weiß gar nicht, was Holunder ist", sagte ich. "Ich kenne nur Flieder“. Sie fing an zu lachen – „Du sitzt genau darunter – und er schützt dich“.

Inzwischen glaube ich, dass der Holunder mich wiedergefunden hat ... Denn die Geschichte geht noch weiter. Aber ich hör hier mal lieber auf , denn so viel liest doch kein normaler Mensch ....

Danke für's Zuhören bis hierher...

 
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RE: Geschichte vom Holunder ...

#2 von angelikaherchenbach , 13.05.2010 21:02


Wunderschön!

Bitte weitererzählen!

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RE: Geschichte vom Holunder ...

#3 von Elrued , 13.05.2010 21:29


Danke!

Das Haus wurde verkauft – musste den Garten aufgeben und auch Holunder verlassen. Das klingt ziemlich bescheuert, aber es stimmt, das tat mit am meisten weh, den Holunder aufgeben.... hatte doch das Gefühl, mit dem Holunder etwas Wichtiges wiedergefunden zu haben. Eine liebe Freundin damals sagte mir „Dein Holunder wird dich wiederfinden“. Ich zog in meine Mietwohnung, ohne Garten, mit Balkon. Aber ich habe mir zwei Eimer voll von meiner Komposterde mitgenommen. Ich liebte meinen Kompost, klar, gleich daneben - am Teich - stand der Holunder.

Im nächsten Jahr ging ich mit meiner Freundin Holunderbeeren pflücken. Es war ihre Idee und sie wusste, wie man daraus Saft und leckere Marmelade macht – ich hatte keine Ahnung. Ehrlich gesagt, das habe ich immer noch nicht. Aber ich kann mich an merkwürdige Überreste erinnern, die in einem Handtuch zurückblieben. Ich mochte diese Überreste,und wollte sie nicht wegwerfen. Habe sie auf einen der Eimer mit Komposterde geworfen. Dann ging ein Jahr ins Land. Und ein weiteres. Und um die Zeit, wenn die Holunderbeeren reif werden, es war im letzten Jahr, da kam zaghaft ein ganz winziges „Etwas“ dort hoch – nach zwei Jahren. „Du – das ist ein Holunder!“ Danke! - möglicherweise hätte ich sonst unwissend diese Pflanze ausgerissen. Nun hat sie einen harten Winter in der Wohnung mit übler Heizungsluft überstanden. Und jetzt gerade trotzt sie der aktuellen Mai-Kälte auf dem Balkon. Aber es geht ihr gut, der Pflanze. Und mir auch...

 
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RE: Geschichte vom Holunder ...

#4 von angelikaherchenbach , 13.05.2010 23:18



Siehste!
Wunderbar!

Gibts ein Foto?

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RE: Geschichte vom Holunder ...

#5 von Cailleach-Oidhche , 14.05.2010 00:47

Schöne Geschichte, Elrued. Danke fürs Teilen und noch viele schöne und bewegende Momente mit deinem Holunder!

 
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RE: Geschichte vom Holunder ...

#6 von Tatjana , 14.05.2010 21:45

eine wunderschöne Geschichte...

Danke für´s Erzählen!

 
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RE: Geschichte vom Holunder ...

#7 von Belbara , 15.05.2010 01:18

Hallo Elrued,

der Holunder ist mir auch besonders lieb, und wie Du verbinde ich damit viele Kindheitserinnerungen... Holunder scheint die Menschen zu lieben und möchte ihren Häusern oft besonders nahe kommen; wir hatten rund um das Haus Holunder, und er wuchs fast in mein Fenster und ins Küchenfenster hinein. Damit Du aber auch weißt, was man mit diesen freundlichen, großzügigen Gaben anfangen kann, hier zwei Rezepte für Dich, die meine Hamburger Oma für meine Mutter und meine Mutter für mich als Kind gemacht hat (und die ich später selbst kochen gelernt habe):

Hollerküchle
Dafür brauchst Du frischgepflückte Dolden von Holunderblüten, soviele der Strauch Dir geben mag (3-5 sind genug für eine Person, die gern einen süßen Nachtisch essen möchte). Du brauchst 2 Eier, etwas Mineralwasser, 1 EL Zucker, 4 EL Mehl, 3 EL Milch, eine Prise Backpulver, Puderzucker und einen kleinen Topf mit Öl oder anderem Fritierfett (Palmin). Du verschlägst die Eier mit dem Mineralwasser (das macht den Teig schön luftig), vermischst Mehl, Zucker und Backpulver und rührst es mit Milch glatt (sachte, sonst gibts Klumpen) und kippst das Ganze in die Eier und verrührst es. Du machst das Fett sehr heiß (daß es Bläschen gibt, wenn Du einen Holzlöffel hineinhältst), tauchst die Dolden in den Teig und anschließend in das Fett. Der Teig bäckt sehr schnell aus. Dann legst Du die Dolden kurz auf Küchenkrepp, damit das überschüssige Fett abtropft, und gibst Puderzucker über die Küchle. Man ißt sie sofort (sonst werden sie weich) - es sind knusprig-duftige kleine Blüten, die ganz zart auf der Zunge zerschmelzen


Fliederbeersuppe
Für die Fliederbeersuppe (4 Teller) kocht man 400g Holunderbeeren in 1l Wasser mit 2-3 Stücken Zitronenschale, bis sie gar sind. Dann wird das ganze durch ein Sieb gestrichen (denn die Kerne schmecken nicht gut und sind auch leicht giftig, sie bleiben im Sieb zurück) und süßt mit 100g Zucker oder nach Geschmack auch weniger; man kann auch etwas mit Wasser angerührte Stärke hineinrühren und dann erhitzen, damit die Suppe dicker wird. Traditionell gibt es dazu "Klackerklüten" (eine Art Milch-Mehl-Klößchen) oder Schneeklößchen (2 Eiweiß mit 2 TL Zucker steif schlagen, in einem Topf Wasser zum Kochen bringen, vom Eischaum mit einem Teelöffel Klößchen abnehmen, auf das kochende Wasser setzen, Deckel drauf. In 5 Minuten sind sie fest. Man setzt sie erst kurz vor dem Servieren auf die Fliederbeersuppe (die auch kalt serviert werden kann) und kann auch noch mal Zucker oder Zimt auf die Klößchen streuen, falls es noch nicht süß genug sein sollte.

Alles in allem eine recht zuckrige Angelegenheit, aber die Beeren sind einigermaßen herb und haben einen charakteristisch-säuerlichen Geschmack, der sich gut ergänzt mit den luftigen Eischaumklößchen.

Der Holunder ist wunderbar vielseitig - nicht nur in der Küche

Liebe Grüße,
Belbara

 
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RE: Geschichte vom Holunder ...

#8 von Inge , 15.05.2010 11:13

Hey Elrued,

das ist eine sehr schöne, zauber-hafte Geschichte

- jetzt bin ich aber neugierig. Was war das für eine Frau, die dich in deinem Garten besucht hat? Und warum war sie bei dir, wenn sie dir doch unheimlich war? Und weißt du, warum du sie als bedrohlich empfunden hast/ging es von ihr aus oder hat sie in dir etwas "angesprochen" ? Du mußt auf meine neugierigen Fragen nicht eingehen, wenn du das nicht möchtest. Doch sind mir diese Fragen gleich in den Kopf gestiegen, als ich deine hübsche Geschichte las.

Ach ja, das mit der Verwirrenden Namensgleichheit "Flieder" kenn ich. Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie verwundert ich war, als ich vor einem Saftregal stand, nach HollunderSaft griff, auf der Packung allerdings "Flieder" stand ...

LG

 
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RE: Geschichte vom Holunder ...

#9 von Rainer , 15.05.2010 22:13

@Elured, die Hulda ist Dir hold.

 
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RE: Geschichte vom Holunder ...

#10 von Elrued , 17.05.2010 08:30

Danke für die lieben Holunder-Rückmeldungen!


Auch für die beiden Rezepte. Besonders die Flieder(!)beersuppe hat mich sehr angerührt. Da ist etwas verschüttetes „Fernes“ wieder nahe gekommen – und vor allem „real nacherlebbar“. Ich kann ich mich noch gut daran erinnern. Meine Mutter hat sie – so erscheint es mir jetzt - ziemlich oft gemacht und ich liebte die hellen Bällchen in der dunklen Suppe. Besonders die Eischaumklößchen, aber auch die Milch-Mehl-Klößchen waren lecker – ich hatte das ganz vergessen.

schreibt: „warum war sie bei dir, wenn sie dir doch unheimlich war?“
Dass sie mir unheimlich werden würde,wusste ich noch nicht, als ich sie einlud, sie wollte im Wald übernachten, das tat mir irgendwie leid.

„Und weißt du, warum du sie als bedrohlich empfunden hast/ging es von ihr aus oder hat sie in dir etwas "angesprochen" ?

Och – das gäbe auch eine lange Geschichte. Sie gab vor, dass sie Menschen „durchschauen“ könnte. Sie sagte das, nachdem ich mich von ihr durchschaut gefühlt hatte. Allerdings war ihre Durchsicht sehr stark negativ behaftet. Es ging ihr nicht gut und ich denke, sie hat ihren eigene Unzufrieden dadurch ausgelebt, dass sie sich auf das Negative im anderen Menschen konzentriert hat. Das positive Potenzial, dass ein Mensch in sich trägt, das hat sie entweder nicht gesehen oder sie fand es nicht der Rede wert. Jedenfalls war ich damals ganz schön fertig und habe eine Drachenblut-Räucherorgie zum Abschluß dieses Treffens gehabt. Inzwischen denke ich, dass die Bsdrohlichkeit nicht unbeding von ihr aus ging. Es hat mich damals aber „überwältigt“, weil ich sehr wenig entgegensetzen konnte. Immerhin hat sich mich auf den Holunder aufmerksam gemacht und auf den Schutz, unter dem ich stand, ohne es zu wissen. Vielleicht war es so eine Art „Bewusstwerdeng“, zu der sie mir verholfen hat. Ich traf sie ein Jahr später wieder – sie schenkte mir ein Mandala, das sie gemalt hatte. Es war eine nette Begegnung, in der jeder seinen "abgegrenzeten Bereich" hatte.

herchenbach schrieb „Gibts ein Foto?“ …. Noch nicht - vielleicht folgt eins, wenn „sie“ möchte ...

 
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RE: Geschichte vom Holunder ...

#11 von Inge , 17.05.2010 13:39

Zitat von Elrued
... Jedenfalls war ich damals ganz schön fertig und habe eine Drachenblut-Räucherorgie zum Abschluß dieses Treffens gehabt.





vielen Dank für deine aufschlußreiche Erklärung. Schön, daß die Situation für dich geklärt ist.

LG

- was auch noch lecker ist : Hollundersirup Damit hast du im Sommer immer ein frisches, leichtes und leckeres Getränk. Mit kaltem Wasser in einen SteinKrug vermischen (geht aber auch Glas ) und schon hast du ein feines Erfrischungsgetränk.

 
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