BELTAINE - (frei zur verwendung zum fest)

#1 von Weisser Schatten , 29.04.2010 13:18

BELTAINE

...ich setzte mich auf eine wolke, griff in den himmel hinein und erschuf aus den wolken ein pferd mit einem horn auf der stirn; ein ganz weißes pferd mit flügeln, auf dessen rücken ich dann geschwind über die ebene geritten bin; hin zum Großen Eichenkreis oder ward ich ein vogel?

Aber ich glaube, als ich das dachte, dachte ich es schon träumend.

...was rütteln die winde so an meine händen, was treiben sie die finger auseinander und rauschen zwischen meinen ausgebreiteten armen mit zischendem gejaule? wieso spreizen sich meine füße und meine zehen so? blicke ich nach einer seite, so treibt es mich gleich dorthin, was ist mit mir? ist das unser dorf, sind das die hütten unter mir, die wiesen und der geheime ort der quelle, dort hinten am rande des waldes? jeden kleinen weg und jeden kleinen steg kenne ich, doch noch niemals aus dieser sicht – hei, ich bin ein vogel, fliege über unsere lande, fliege wer weiß wohin, fliege nach norden auf das Große Eichenrund zu und schaue auf die kleinen menschen unter mir und aus größer und immer größer werdender höhe auf deren kleiner und kleiner werdenden tagessorgen hinunter; fein herausgeputzt sind sie alle, die großen wie die kleine, die alten wie die jungen, männer, frauen, kinder; sie gehen langsamen schrittes, schwätzend miteinander, zum Eichenkreis; sie tragen gaben ihres haushaltes bei sich, sind geschmückt mit birkenreisig und jungem grün, die ersten blumen zum kranze gewunden auf den köpfen, leuchtende fackeln in ihren händen, im hängesack duftende kräuter und schmackhafte pilze, die man kaut und welche die gedanken abheben lassen vom tagesgeschehen, ja, einige haben ihre körper bemalt mit der blauen farbe der zweijährigen pflanze, die man viele sonnen später einmal `waid` nennen wird, sie gehen gemessenen schrittes auf den nördlichen eingang zu, fassen sich an den händen um gemeinsam das heiligtum zu betreten und sie stellen sich im rund auf, im rund der vielen eichenstämme und es wird eine stille in diesem rund und es wird ein gefühl in diesem rund, welches alle einschließt, das alle umschließt, das alle einig sein lässt im auge der Guten Mutter Sonne; dorthinten steht der alte, der unser fladenbrot täglich so knusprig aus dem ofen holt, daß mir hier oben das wasser im munde zusammenläuft, daneben die junge frau, welche die herrlich duftenden kräuter aus wald und wiese sammelt, der pilzkenner zuckt wie immer mit seinen viel zu großen ohren, der schweinehirt niest wie immer in seine schmutzige hand, igittigitt! die weberin hat noch fäden im haar und eines ihrer kinder spielt mit einem spinnwirtel – huch, jetzt ist er kaputt – das kind kriegt haue und bläkt, stolz stehen der jäger und der dorfälteste nebeneinander, geschmückt mit ihren waffen, bogen und pfeil und dem schwert aus geschliffenem stein und einem kranz aus eichenblättern auf ihren köpfen, - alle sind in einer feierlichen stimmung; in der mitte des Eichenkreise haben sich meine liebe Alte und der Weise Mann aus dem benachbarten weiler aufgestellt; sie schauen mit blinzelnden augen in die zwischen dem rechten spalt des Eichenkreises untergehende Sonne – glutrot hängt sie zwischen den feingeäderten wolken, verströmt einen lichtvollen zauber und verströmt magie, stimmt ein auf das jetzt kommende fest der aufbrechenden zeit der wärme, des festes der fruchtbarkeit aller wesen auf unserem lande – und ich hier weit oben? hinunter Aina, hinunter und hin zur Alten und neben sie, wie sie es mir befohlen! ich drehe die hände und senke die füße und der wind zischt um mich herum und wie der falke im sturzflug sause ich rauschend in die tiefe, bremse ab und ...
... stehe auf wackligen Beinen neben der Alten Weisen Frau, die mich lächend anschaut, als wüßte sie längst, daß ich auf eine kleine „Reise“ gegangen war. Alle anderen sehen andächtig auf die Mitte des Kreises. Scheinbar hat niemand überhaupt bemerkt, daß ich so weit, so weit fort war von allem. Oder war ich gar nicht oben am Himmel über unserem Dorf? Ich glaube, das sind die kleinen Geschehnisse und die kleinen Geheimnisse, die unsereins nur mit unsereinem teilt, die nur die Eingeweihten wissen und die dann darüber schweigen.
In der Mitte haben die Männer einen großen Reisighaufen aufgetürmt. Die Frauen schmückten ihn mit bunten Fäden und Resten von Wollstücken, daneben Sträuße von frischen Blumen und Federn von manchem Vogel. Hochoben ist die Spitze verborgen unter einem großen Büschel ganz frischen Birkengrün. Und immer tiefer sinkt die Gute Mutter Sonne in den Spalt zwischen den Stämmen. Jetzt berührt sie den oberen Rand des fernen Waldes und eine leichte Dämmerung legt sich über das Land. Mit ihr ziehen dünne Nebel von Mitternacht her auf und durchdringen kühl die Räume zwischen Dorf und Eichenkreis. Alle sind still geworden. Alles ist still geworden um mich herum. Die erwartungsvollen Augen der Menschen starren auf meine Alte und auf den Weisen Mann.
Als die Gute Mutter Sonne noch einmal ihre strahlenden Augen über die Ebene wirft, treten die beiden Alten vor das Reisig und erheben segnend ihre Arme hoch über ihren Kopf. Leise erst und dann immer lauter werdend, beginnen ihre Stimmen uralte Worte in die knisternde Luft des Kreises zu werfen. Es ist nicht nur, daß ihre Stimmen anschwellen, nein, das ganze Rund beginnt zu dröhnen, nimmt die gutturalen Laute auf und scheint diese bis an den Ohrenschmerz hin zu verstärken – oder erscheint es mir nur so? Und alle hören die Worte, welche die Alte mir in den vergangenen Tagen so oft vorgesagt hat, damit ich sie mir merke bis in mein Alter hinein:

suunna riche sunna Sonne – herrliche Sonne
seggri maam nemeeae himmlische Gefährtin und Mutter
oonder aits hlamon weihas we zu dir rufen wir weihevoll
sunnna riche sunna Sonne – herrliche Sonne

Und alle anderen stimmen ein und wir alle singen diese Worte und wir erschauern nicht nur weil die Abendkälte in den Kreis Einzug hält.
Aus den Händen der beiden Alten verströmen plötzlich Feuerbälle mit großen Gezisch und diese schlagen in das dürre Reisig am Fuße des Haufens ein und in das Erschrecken der Leute. Und über das immer lauter werdende Brausen des auflodernden Feuers dröhnt mit unsagbarer Stimmgewalt die letzte große Anrufung, bevor wir alle uns im wilden Freudentanze um und über das gleißende Feuer schwingen:

Suunae uunt aerda Sonne und Erde
maame nemaeae uunt Mutter am Himmel und
dhugheater uuou seggri Tochter du, Gefährtin
thuiirres uuiuskes beschützt die Eueren
thue waane nemetuuae we heiligt den Bund mit uns

Als das letzte Wort von den lodernden Flammen in den Abendhimmel hineingerissen wird, verlischt auch das Strahlen des Sonnenlichtes am Horizont und die Wolken am Himmel färben sich mit der tiefen Röte des Blutes und lassen Wälder, Wiesen, Äcker und auch die Hütten unseres Dorfes in ein unwirklich und geheimnisvoll erscheinendes Halbdunkel versinken.
Wir alle aber, wir tanzen und springen gemeinsam um und über das Feuer, wir treiben unsere Herden an ihm vorbei, damit sie gereinigt würden nach den vielen, vielen Nächten der Kälte und der Dunkelheit. Und so wie Jahrtausende später ein Walter von der Vogelweide in seinen Liedern den Frühling singend preisen wird, mit der Kraft und der Sehnsucht eines Menschen, der die Kälte und die Starre des Winters in Worte fassen und glücklich über das frische Grün und die ersten warmen Strahlen der Guten Mutter Sonne jubilieren kann; so voller Freude sind unsere Gedanken und unsere Gesänge und unsere Tänze hier im Rund des Eichenkreises auf der Ebene. Dort, wo in einer weit-entfernten Zukunft der Ort Goseck sein wird.

Und ich werde stets in meinem Leben dafür Sorge tragen, daß diese Feier zu Ehren unserer Guten Mutter Sonne niemals vergessen werden wird in den Läufen der Zeiten. Und auch werde ich sicherlich Schwestern und Brüder im Geiste finden; später, wenn es Zeit wird für mich zu gehen. Dorthin, wohin alle meine Mitmenschen und auch die Zukünftigen gehen müssen, und ich werde sie genauso in den vielen Ritualen und Geheimnissen unterrichten, damit sie voll ihrer Kraft sich dem Wohle der Anderen widmen kann, so, wie es alle die Geistesschwestern der Guten Mutter Sonne bisher getan haben.

Daß in den späteren Zeiten auch andere Zeiten geschehen und andere Ansichten sich breit machen, das muß ich wohl in Kauf nehmen, denn das wird nicht ausbleiben bei dem ständigen Sichvermischen der Einzelnen und der Völker insgesamt. So werden andere Göttinnen ins Licht der Welt treten und auch oftmals deren Söhne. Und da die Söhne immer eifersüchtig über ihre Mütter wachen, (sollte es denn am Himmel anders sein als auf unserer Erde?) werden diese auch hin und wieder schützend ihre Arme und ihre Macht um die MutterGöttinnen legen und versuchen, diese zu erdrücken. In einigen Zeitaltern gelingt es sehr, in anderen weniger. Doch immer werde ich an die Worte der Alten Weisen denken: Und wenn bei diesem und jenem späteren Volke mal ein Sonnengott verehrt werden sollte, sei nicht traurig darüber, denn auch er muß ja eine Mutter haben, und das ist unsere GUTE MUTTER SONNE !

Und nun lebt wohl, meine Lieben, die ihr mich nicht kennt. Eines aber soll und wird uns immer miteinander verbinden:
Das Fest der vielen Feuer in der aufbrechenden Jahreszeit. Mögen Einige das Fest BELTAINE nennen, Andere Walpurgisnacht oder den Ersten Mai – immer ist es dasselbe Fest!

Es ist der feuergewordene Wunsch und der Schrei nach Wärme und Geborgenheit, der natürlichen wie der menschlichen, welche in Liedern und Gebräuchen aller Völker ihren Niederschlag finden werden.


auszug aus meinem neuen buch "DRUIDENGESANG", welches anfang mai in den buchhandel kommen wird

 
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DRUIDENGESANG
in der frage liegt immer schon die antwort

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