in der frage liegt immer schon die antwort

#1 von Weisser Schatten , 30.03.2010 19:32

...in der Frage liegt immer schon die Antwort.

"aufgeschüttelt ist mein kopfkissen, zerdrückt die zudecke, vor allem dort, wo meine hände sie zer- knüllen, sich in sie hineinkrallen, nur um die zeit festzuhalten, welche unaufhaltsam an mir vorbeizieht, sie rauscht um mich herum, sie zieht und zieht und zieht - vorbei,
meine brust hebt sich und senkt sich, manchmal voller schmerzen,
nicht mehr, lange nicht mehr so kraftvoll wie vor jahren, als ich noch bäume ausriß und andere einpflanzte, tanzte, liebte, spaß'te und schaffte,
sie hebt sich und sie senkt sich nur noch um den atem zu schöpfen, der die lebensstunden um einiges verlängern hilft, und meine hände greifen und greifen! die augen geschlossen, die augen geöffnet, was sehen sie noch von der welt?
draußen ist der frühling, aber mir ist tief innen so kalt, und der atem verströmt, die schmerzen spiegeln mir leben noch vor: 'wer schmerz verspüren kann, der lebt noch',
die besuche der lieben lieben , so gut gemeint, beginnen mich zu ermüden, das sprechen mit der stimme fällt immer schwerer und die sprache der augen verstehen wenige noch - keiner fragt die richtigen fragen, keiner fragt die einzige frage des augenblickes - was noch?,
wie lange noch? -
so sitzensie und so stehen sieam rande des bettes, nah und doch schon so unendlich weit von mir entfernt, das schweigen breitet sich weiter und weiter aus trotz der guten worte.
angst - ängstlich vermeiden sie alle die wahrheit in meinen augen zu erkennen, zu sehen - sie wenden die köpfe und sie sprechen belanglosigkeiten aus, so wie man mit einem zufällig erkrankten spricht -
ich weiß' es ja: sie wollen rücksicht nehmen und mir die hoffnung lassen, die hoffnung auf WAS ?
doch da sind auch oft hände, die meine halten und streicheln und das tut so gut, so unendlich gut, denn händehalten ist vielleicht immer das schönste gewesen im leben. gewesen? ja! GEWESEN!"

So sieht der Sohn die Gedanken des Vaters.
So sieht er ihn hier liegen, wie damals die Mutter lag. Er selbst weiß, er möchte heute vieles anders machen.
Sagen, sagen, sagen, daß er ihn mag, nicht nur seine alten Hände halten; er, das Kind, seine, des Vaters.
Beide schweigen in der langen, langen Berührung ihrer beider Hände, die sich doch so viele Jahre nicht so haben berühren können.
Damals des Vaters behütende Hand, die Trostspendende, Schaffende, manchesmal harte Hand, oft unverstanden vom Kinde.
Heute seine eigene, trostspendenwollende, trostspendenkönnende?
Angst! Ja, Angst. Auf der Reise zu ihm strudelten Jahrzehnte in durcheinanderpurzelnden Bildern an den Wagenscheiben vorbei. Bilder, Collagen aus Bildern. Ganze Gemälde von Feiern, Arbeitsgängen, Lustiges in Menge und Ernstes auch, aber immer der leuchtende Grundtenor von Lebens- und Schaffenslust und Schaffenskraft.
Nun treffen sich zwei alte Herren hier am Bett. Alter Vater, alter Sohn, selbst Vater und beide denken leise aneinander, übereinander, voneinander. Ohne Worte.
Und in der unausgesprochenen Frage liegt immer schon die Antwort: Vergänglichkeit!
Leben ist Vergänglichkeit, ist Liebe in Vergänglichkeit.
Ist: Gut zueinander sein, damit das Leben lebenswert und erfüllt gelebt ist.
Und es ist die Alleinheit, die Einsamkeit des hier Liegenden, die den Sohn so schmerzt, die ihn so an verflossene, oftmals so leichtsinnig vertane Zeit erinnert - Hammerschlägen gleich. Verflossene Zeit, die er besser hätte nutzen können, um alle, die er liebt, mag, noch (noch!) hat, zu sehen, zu sprechen, zu begrüßen, wann immer es nur möglich, weil auch er Angst hat vor diesem Alleinsein, dem noch nicht All-Eins-Sein. Zeit, die oftmals irgendwo, irgendwie, ohne gute Worte oder/und gute Gedanken vertan wurde, immer noch vertan wird.
Blumen auf kalter Erde. Wem nützen sie noch, wen erfreuen sie noch, wenn sie doch zu warmen Worten, zu warmem Blute gehören, aber nicht gegeben wurden? Und was die Worte, die Gedanken über dem Stein, wenn sie lebetags nicht ausgesprochen.
Sei es auch nur ein:
Du, ich denke an Dich, ich freue mich mit Dir, für Dich, auf Dich! Verlass' Dich auf mich, dann sind wir beide nicht verlassen.
In der Frage liegt immer schon die Antwort!

Kümmerte mich die Einsamkeit des/der Anderen? Kümmerte mich die Traurigkeit in ihren Herzen, auch wenn oftmals die Augen strahlten, so, als sei ihre Welt in der Ordnung?
In der Frage liegt auch immer schon die Antwort!

Und er siniert ins Leere, hängt rückwärts gerichteten Gedanken nach, denkt an sie und denkt an Ihn:

Sie
Er
Erinnerungen an Beide
Unterschiedener Art
Sie ist lange nicht mehr
Oft noch in den Gedanken
Er ist noch
Noch
Gelebtes Leben
Erwacht aus der Vornacht
Diagnostiziert - erklärt-
geschnitten - genäht
Und nun
Nachdenken über Sichtweisen
Seit langem wieder
Wer war ist wird er jemals sein
Außer Vater
Erwacht aus der Vornacht
Wieder erwacht
Gut
Es bleibt also wieder Zeit
Überdenken des eigenen Verhältnisses
Zum Vater
Zeit
Viel Zeit
Niemandem verbleibt viel Zeit
Niemandem
Nur Hinwendung
Dankbarkeit
Liebe ........

Und so steht er hier schon die xte Stunde, hält und streichelt, trotz seiner großen Furcht vor dem Kommenden, die Hand, umarmt diese klein- gewordene, weißhaarige Person, diesen Menschen, mit dem ihm nicht nur die Zeugung verbindet, sondern auch sein Wachsen und sein Werden und später auch sein Davongehen auf den Weg der lichten Dunkelheit.
Auf den Weg, den alle gehen, später oder früher, zur Zeit oder zur Unzeit -
WER lenkt den Sonnenwagen des Lebens?
Hab' eine gute Reise, Vater!
Bon Voyage!

Und so steht er und hofft und hofft und hofft.
Worauf? Ja, worauf?
Und auch in dieser Frage liegt immer schon die Antwort.
Er hofft schlußendlich auch auf sich selbst.

Lange,
bevor wir sind,
ist sie.
Gestern - Heute - Morgen!

Und zu Jedem von uns,
zu Jedem, spricht sie – einmal ! -
ein scharfes oder ein gütiges Wort.

Lange,
nachdem wir sind,
ist sie.
Gestern - Heute - Morgen!

Die Gottheit, die Leben schenkt und Leben nimmt


10.April 1999
frühmorgens
dem Vater nachgeschrieben

 
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