Gnomische Verse

#1 von Belbara , 11.03.2010 00:52

Hallo zusammen,

hier nun, wie vor längerer Zeit versprochen, ein wenig zu den "europäischen" Druiden-Haiku.

Sogenannte "gnomische Verse" hat man im Llyfr Coch Hergest ("dem roten Buch von Hergest") gefunden, einem der wichtigsten mittelalterlichen walisischen Manuskripte, das Ende des 14. Jh. entstand. (Da steht übrigens noch vieles andere drin, unter anderem eine der beiden Versionen des Mabinogi).

"Gnomisch" hat übrigens nichts mit "klein" zu tun (obwohl es immer Dreizeiler sind und damit sehr kurze Gedichte), sondern ist die literaturwissenschaftliche Bezeichnung für einen kurzen Sinnspruch ("Gnome"). "Panta rhei" ("Alles fließt") ist zum Beispiel auch eine Gnome.

Die walisische gnomische Poesie beginnt mit einer festen Formel, die zu Anfang jedes Verses wiederholt wird, z. B. "schön sind die Wipfel..." (der Eiche/der Esche/des Apfelbaums/ ...) oder einfach immer mit dem gleichen Wort, z. B. Bergschnee.

Das Wort scheint so etwas wie ein Marker für die Jahreszeit zu sein, um die es geht, denn auf "Bergschnee" folgt einmal "kahl sind die Spitzen der Halme" und einmal "mager ist der Hirsch" - es sind also beides Naturbeobachtungen, die man wahrscheinlich nicht im Hochsommer macht

Auf die Eingangsformel folgt (meist) eine Halbzeile mit einem Bild aus der Natur, und auch die nächste Zeile beschäftigt sich mit der Natur. Die dritte Zeile besteht dann in einer Lebensweisheit, einem Sinnspruch oder manchmal auch in einer Frage. Oft scheint diese letzte Zeile inhaltlich nicht unbedingt etwas mit der vorhergehenden zu tun zu haben, aber in der Originalsprache reimen sich immer die letzten beiden Zeilen:

Gorwyn blaen onn. hirwynnyon vydant
pan dyuant ymblaen neint
brongwala hiraeth y heint

Schön sind die Wipfel der Esche. hoch und hell
wo sie wachsen oben am Rand des Tals
ein Herz voller Sehnsucht (führt) zu Krankheit

Diese offensichtliche "Zusammenhanglosigkeit" verwirrt Literaturwissenschaftler offenbar bis heute (oder zumindest wirkt das so in dem Buch über walisische Lyrik, das ich dazu gelesen habe ), was vielleicht erklärt, warum sie so wenig bekannt sind. J. Fries hat in "Cauldron of the Gods" eine interessante Idee zu den Versen geäußert; er meinte, man könnte sie als Orakeltechnik zu nutzen - indem man als Einstieg zwei Zeilen über die Jahreszeit spricht und spontan eine Lebensweisheit oder einen Sinnspruch (er)findet, der sich auf die letzte Zeile reimt. Er meinte, bei ihm würde das gut klappen. Ich habe es bisher noch nicht versucht

Man könnte auch gut ein Spiel daraus machen: Feste Eingangsformel, eine weitere Zeile über die Jahreszeit, und der nächste findet dann eine dritte Zeile, die sich reimt, und schreibt zwei neue Zeilen, worauf der nächste dann wieder einen gereimte dritte Zeile findet usw. ...

Hier aber noch ein paar schöne authentische gnomische Verse (übersetzt und daher ungereimt):

Hell sind die Blüten des Mädesüß
Musik erklingt im Hain, kühn ist der Wind und die Bäume zittern
sich in die Handlungen eines halsstarrigen Menschen einzumischen hat keinen Zweck.

Von leuchtender Farbe sind die Wipfel der Weide
Verspielt die Fische im Teich, der Wind pfeift über den Spitzen der Zweige
Die Natur steht höher als alle Gelehrsamkeit.

Grau und braun ist die Heide zu Samhain
Hoch schäumt die See, kurz ist der Tag
Druide - was ist Dein Rat?

Winter ist's, vertrocknet sind die Beeren
Die Blätter fallen, die Teiche sind voll
Weh dem, der am Morgen, bevor er aufbricht, sich einem Fremden anvertraut!

Winter ist's, mager sind die Hirsche
Gelb sind die Spitzen der Birken, verlassen steht das Sommerhaus
Weh dem, der zu Schanden kommt wegen einer Kleinigkeit!


Also, ich finde sie auch ungereimt sehr schön...

Liebe Grüße,
Belbara

Belbara  
Belbara
Besucher
Beiträge: 705
Registriert am: 07.12.2009


RE: Gnomische Verse

#2 von Solitaire , 11.03.2010 20:32

vielen lieben Dank für die Ausführung und die Beispiele, sehr schön und inspirierend!!

 
Solitaire
Besucher
Beiträge: 1.823
Registriert am: 26.09.2009


RE: Gnomische Verse

#3 von Oak King , 11.03.2010 23:25

Da schliesse ich mich mit dem Dankesagen gerne an. Habe zwar von ihnen gehoert, mich bisher aber noch nicht naeher damit befasst. Der taegliche 'Kampf' mit der normalen Alltagssprache der Waliser dominiert meine Bemuehungen immer noch. Erst in den naechsten ein oder zwei jahren werde ich wohl einen Einblick in das literarische Walisisch bekommen was vieles bisher Gelernte zweifellos ueber den Haufen schmeissen wird. Aber feuen tu ich mich trotzdem schon drauf!
Bendithion,
Hollger

Oak King  
Oak King
Besucher
Beiträge: 671
Registriert am: 21.08.2008


RE: Gnomische Verse

#4 von Belbara , 07.07.2010 21:55

Ha, unglaublich. Ich habe tatsächlich schon mal einen gnomischen Vers geschrieben - im August 2007... das hatte ich ganz vergessen. Reim Dich, oder ich freß Dich:

Fülle des Sommers, leuchtende Tage
Der Hundsstern verglüht am Firmament
Glücklich, wer segensspendenden Schatten kennt


Belbara

Belbara  
Belbara
Besucher
Beiträge: 705
Registriert am: 07.12.2009


RE: Gnomische Verse

#5 von Fingayin , 07.07.2010 23:26

In voller Kraft stehen Schafgarbe und Girsch.
Johanniskraut erblüht im gleichen Licht.
Kosmische Energien lassen das Leben explodieren.

...habe ich das richtig verstanden?

 
Fingayin
Besucher
Beiträge: 2.737
Registriert am: 14.08.2009


RE: Gnomische Verse

#6 von Belbara , 08.07.2010 01:27

Schön! Gefällt mir sehr gut.

Eigentlich ist die Idee, daß sich die letzten beiden Zeilen reimen (da wäre dann ein Reim auf "Licht" hübsch) - aber ungereimt haben sie ebenso ihren Reiz. (Ich habe sie damals ungereimt übersetzt, weil man oft nur dann einen Reim hinbekommt, wenn man etwas hinzutut, was eigentlich so nicht dasteht, oder wenn man die Wörter umstellt - das wirkt dann aber oft künstlich oder gezwungen, und das mag ich halt nicht so sehr... da verzichte ich lieber auf Reime.)

Ein Beispiel:
(ungereimt 1:1 übersetzt)

Grau und braun ist die Heide zu Samhain
Hoch schäumt die See, kurz ist der Tag
Druide - was ist Dein Rat?

(gereimt mit Ergänzung)
Grau und braun ist die Heide zu Samhain
Hoch schäumt die See, kurz ist der Tag
Druide - was ist Dein Rat nun, sag?
oder: Druide, Deinen Rat mir sag

Fand ich beides nicht so toll, zumal auch das "sag" so im Urtext nicht drinsteht. Es gibt wohl noch andere Möglichkeiten, hier zu reimen, aber oft habe ich spontan nicht so viele Reime parat Das ist aber auch ein bißchen Übungssache.

Falls Du gern reimst, aber es Dir so geht wie mir: es gibt da ein kleines, dickes Buch, das nennt sich "Das große Reimlexikon" von Günter Possiger, erschienen bei Heyne, kostet €8,95 und hat mir und einer Freundin zahllose Stunden Heiterkeit bereitet, als wir uns überlegt haben, was der Druide mit Elfriede in der Pyramide treibt

Äh, nee, man kann damit auch ganz wunderschöne, ernste, tiefgründige Sachen reimen. Ich schwör's

Süße Grüße,
Belbara

Belbara  
Belbara
Besucher
Beiträge: 705
Registriert am: 07.12.2009


RE: Gnomische Verse

#7 von Belbara , 08.07.2010 02:09

Zitat von Fingayin
In voller Kraft stehen Schafgarbe und Girsch.
Johanniskraut erblüht im gleichen Licht.
Kosmische Energien lassen das Leben explodieren.



Da solche Verse oft in Gruppen standen, hätten in alter Zeit vielleicht andere Barden darauf geantwortet, indem sie das von Dir vorgebrachte Thema aufgenommen und jeder einen zusätzlichen Vers zu Deiner Anfangszeile gedichtet hätten, bis man gemeinsam eine ganze Reihe von Sommerversen gedichtet hatte.

Ich versuch's mal:

In voller Kraft stehen Schafgarbe und Giersch
Wegwarte säumt zartblau den Wegesrand
Hat mich selbst meinem Traum entgegen gesandt...

Liebe Grüße,
Belbara

Belbara  
Belbara
Besucher
Beiträge: 705
Registriert am: 07.12.2009


RE: Gnomische Verse

#8 von Saikka , 08.07.2010 07:47

Zitat von Belbara
Diese offensichtliche "Zusammenhanglosigkeit" verwirrt Literaturwissenschaftler offenbar bis heute (oder zumindest wirkt das so in dem Buch über walisische Lyrik, das ich dazu gelesen habe ), was vielleicht erklärt, warum sie so wenig bekannt sind. J. Fries hat in "Cauldron of the Gods" eine interessante Idee zu den Versen geäußert; er meinte, man könnte sie als Orakeltechnik zu nutzen -



...die Verse klingen wunderbar
Und dass 'modern' geprägten Literaturwissenchaftlern nicht viel dazu einfällt, ...wieso wundert mich das bloß nicht? Ich kann mir gut vorstellen, dass der Weg vom druidischen Rätsel über die dreizeilige Versdichtung bis hin zum Orakel sehr kurz und gangbar ist. Allerdings kenne ich mich da in keltischer Lit.geschichte zuwenig aus.
Die Verse sind super schön.



LG
Saikka

Saikka  
Saikka
Besucher
Beiträge: 230
Registriert am: 07.09.2009


RE: Gnomische Verse

#9 von Belbara , 08.07.2010 16:15

Hallo Saikka,

naja, so richtig viel weiß man halt auch über die frühe Literatur in Wales nicht. Richtige Texte sind erst ab dem Mittelalter überliefert, so etwa ab dem 13. Jahrhundert (vorher nur Inschriften). Aber ich finde, diese kleinen Verse haben einen zeitlosen Zauber, und ich kann mir sehr gut vorstellen, daß sie vielleicht mal als druidische Rätsel entstanden sind.

Und ich find's schön, daß auch einen gedichtet hat

Liebe Grüße,
Belbara

Belbara  
Belbara
Besucher
Beiträge: 705
Registriert am: 07.12.2009


RE: Gnomische Verse

#10 von Fingayin , 08.07.2010 23:26

In voller Kraft stehen Schafgarbe und Giersch
Rascheln und Tuscheln im Zauberwald
Sind die Tore offen und wie alt?

 
Fingayin
Besucher
Beiträge: 2.737
Registriert am: 14.08.2009


RE: Gnomische Verse

#11 von Saikka , 09.07.2010 07:39

Zitat von Belbara
naja, so richtig viel weiß man halt auch über die frühe Literatur in Wales nicht. Richtige Texte sind erst ab dem Mittelalter überliefert



...Klar, und es ist dazu noch wahrscheinlich sehr viel verschüttet - leider, deswegen finde ich es um so genialer, wenn jemand das heute noch macht. Nur die Fantasie spielt auch in der Forschung eine Rolle, durch das richtige Kombinieren fand schon manche/r das berühmte Körnchen im Heuhaufen (war das im Heuhaufen ? ) Und wenn ich da macnhe Sachen lese...

Die Verse sind super, . Ich habe eben auch mal einen solchen Vers überlegt aber ich komm auf nix. Bei mir setzt bei den momentanen Tempoeraturen ein Pragmatismus ein, den ich sonst gar nicht kenne.
Deswegen: bitte mehr davon

LG
Saikka

Saikka  
Saikka
Besucher
Beiträge: 230
Registriert am: 07.09.2009


RE: Gnomische Verse

#12 von Qwendan , 09.07.2010 12:30

In voller Kraft steht Scharfgabe und Giersch
Ein zirpen und pfeifen liegt in der Luft
Wirds warm ums Herz bei diesem Duft?!


 
Qwendan
Besucher
Beiträge: 187
Registriert am: 22.05.2010


RE: Gnomische Verse

#13 von Fingayin , 10.07.2010 00:20

Warum zuckst Du mit den Schultern.
Der ist gut.

In voller Kraft steht Scharfgabe und Giersch
Im Wäldchen ist es dunkel und kühl
Die Toren sind offen...und... Dein Gefühl?

 
Fingayin
Besucher
Beiträge: 2.737
Registriert am: 14.08.2009


RE: Gnomische Verse

#14 von Qwendan , 10.07.2010 23:28

mit der letzten Zeile war ich mir nich sicher ob ichs versanden hab

Interesant find ich das ich meist die 2te zeile reimen möchte und dann immer in einen 4zeiler falle

In voller Kraft steht Scharfgabe und Giersch
Korn, Gerste streben der Sonne entgegen
Hoffnung, Ernte... dank.... reicher Segen

 
Qwendan
Besucher
Beiträge: 187
Registriert am: 22.05.2010


RE: Gnomische Verse

#15 von Belbara , 03.08.2010 14:09

Zitat von Qwendan

Interesant find ich das ich meist die 2te zeile reimen möchte und dann immer in einen 4zeiler falle



Das liegt wahrscheinlich daran, daß der Kreuzreim (abab, also der, wo sich immer die zweite Zeile reimt) etwas verfeinerter ist und auch etwas verbreiteter. Paarreime (aabbcc...), die sich direkt aufeinander reimen, kennen wir hierzulande eher aus dem Kindergarten Muß aber nicht unbedingt kindlich klingen, es gibt sehr schöne Gedichte mit Paarreimen.

In voller Kraft steht Scharfgabe und Giersch
Glänzend die Sonne am Himmel, senkt Gold in das Korn
Reife Ähren - irdische Sonnen - sind nun unser Lebensborn...

Liebe Grüße,
Belbara

Belbara  
Belbara
Besucher
Beiträge: 705
Registriert am: 07.12.2009


   

Keltische Triaden
Morags Triaden

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de
Datenschutz