Totenwache

#1 von Anna , 12.02.2010 23:15

Hallo

ich habe gerade auf Philips Blog einen interessanten Artikelüber das Leben von Douglas Lyne gelesen.

Ganz spannend fand ich den Teil wo er erzählt dass jeder der zur Totenwache kam eine Kopie seines (D.Lyne) Buches bekam. Als mitgabe.

Ich habe es auch in Frankreich genossen, das es so selbstverständlich war, dass die Leute vorbeikamen um sich zu verabschieden. Bei uns ist das gar nicht mehr so in der Form üblich. Was schade ist. Aber es ist möglich! und eine schöne Art um adieu zu sagen. und noch schöner auch noch etwas zu bekommen....



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RE: Totenwache

#2 von Inge , 13.02.2010 07:15

... das ist wirklich bedauerlich, daß der Tod hier ein TabuThema zu sein scheint.
Ich finde es wichtig, daß wir wieder den "normalen" Umgang mit dem Tod lernen- so wie Anna ihn beschrieben hat. Daß wir uns bewußt machen, daß es sich nach wie vor um einen von uns geliebten oder geschätzten Menschen handelt, auch wenn er/sie nun tod vor uns liegt. Daß wir uns nicht gruseln oder ängstigen- das haben wir zu dessen Lebzeit doch auch nicht, oder ?

Mir geht es darum, daß wir wieder lernen, dem Tod ins Gesicht zu sehen, ohne Angst, Grusel oder Ekel. Daß wir uns somit mit Anstand und Respekt von den Toten verabschieden können.
-früher wurden die Toden in der Wohnstube aufgebart, so daß man sich in Ruhe von ihnen verabschieden konnte. Sie wurden gewaschen, es wurde Totenwache gehalten, sie wurden "begleitet" bis sich die Seele vom Körper getrennt hat ...

Als unser Hund gestorben ist, hat es mich auch erst Überwindung gekostet, ihn anzufassen. Es hatte mich einfach vor der Tatsache gegruselt, daß er nun tot ist- es war irgendwie nicht mehr mein Hund. Seine Seele, daß was ihn ausmachte, war nicht mehr da. Nur noch sein starrer Körper. Doch dann sagte ich mir "nein", das ist unser Hund den ich geliebt habe. Also überwand ich meine Scheu und streichelte ihn zum Abschied- und das tat gut ...

LG

 
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RE: Totenwache

#3 von matodemi , 13.02.2010 10:47

Wir haben leider keine Trauerkulutur (mehr) - das habe ich vor Jahren nach dem Tod meines Vaters schmerzlich vermisst. Das umfasst sowohl Dinge wie die Totenwache, die früher ja durchaus üblich war wie auch die Trauerarbeit. So dauert es länger, bis man es verarbeitet (und irgendwie hält dieser Prozess bei mir auch nach 10 Jahren noch an).

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RE: Totenwache

#4 von Tatjana , 13.02.2010 11:01

Wir haben vor zwei Jahren, als unser Kater Nermal Ende Januar mit fast 18 Jahren gestorben ist, eine kleine Totenwache abgehalten. Leider konnte ich mich nicht durchsetzen, ihn gehen zu lassen wenn er selbst soweit ist, also ist er eingeschläfert worden. Diese letzten Minuten mit ihm, zu spüren wie der Herzschlag weggeht und zu sehen, wie sich der Blick des Tiers im Nichts verliert... das war ganz schön heftig, aber ein sehr bewegender liebevoller Abschied zwischen uns. Ich habe den Kater dann mit nach Hause genommen und aufgebahrt, sprich ihm ein Nest aus seiner Lieblingsstrickjacke meines Mannes gebaut und ihn dort so hingelegt, wie er immer schlafend gelegen hat. Dazu habe ich den Kamin angemacht, geräuchert, leise Musik... als die Familie dann von Schule und Arbeit heimkam, haben wir uns im Kreis um ihn herumgesetzt, geweint, ihn gestreichelt, mit ihm gesprochen, einander Geschichten erzählt. Für die Kinder (damals 8 und fast 7) war es merkwürdig festzustellen, wie der Körper nicht nur kalt sondern auch steif wurde... aber es war für sie der Moment zu sagen, jetzt hat seine Seele den Körper verlassen. Wir haben ihn dann im strömenden Regen im Garten begraben, ich habe getrommelt, unsere Große hat so gut sie damals halt konnte Gitarre gespielt und die Jüngere hat Räucherstäbchen angesteckt. Es war unglaublich traurig damals, aber es machte den Tod unseres Katers im wahrsten Sinne des Wortes be-greifbar und es war für uns alle ein sehr schöner Abschied von einem geliebten Gefährten.

Gegenbeispiel: der Opa einer Freundin unserer älteren Tochter ist vorige Woche gestorben. Die Mutter war schon Tage zuvor dorthingefahren und blieb dann natürlich bis zur Beerdigung. Das Mädchen wollte gerne mit Ihrem Vater und Bruder hinterherfahren und auch bei der Trauerfeier dabei sein. Mit folgender Begründung wurde ihr Anliegen abgewiesen: da seien so viele traurige Leute, die würden nur weinen. Das sei nicht gut für sie, denn dann würde sie auch traurig sein und weinen. Ausserdem hätte keiner die Kraft, sich um sie und ihren Bruder zu kümmern...

Ich glaube, wenn wir etwas am Umgang mit Tod und Sterben verändern wollen, dann können wir zum Einen nur selbst damit anfangen und zum Anderen unbedingt unsere Kinder mit einbeziehen. Damit diese nicht auch später hilflos diesen Momenten ausgesetzt sind, sondern sie einfach als besondere Wendepunkte im Leben wahrnehmen wie es Geburt, Erwachsenwerden etc. sind.

philosophische Grüße,

 
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RE: Totenwache

#5 von matodemi , 13.02.2010 11:07

, auch das erinnert mich an die Beerdigung meines Vaters - ich wurde von meiner Schwester nahezu angefeindert, weil ich meine damals 5-jährige Tochter mit zur Beerdigung nahm. "Kinder gehören da nicht hin". Für mich war es aber wichtig, dass meine Tochter begreift, dass ihr Opa nicht mehr lebt (da er nicht aufgebahrt wurde, hatte sie keine Möglichkeit ihn noch zu sehen). Auch die Rücksprache mit den Erzieherinnen im Kindergarten hatten mich dazu bestärkt. Meine Mutter fands auch nicht so gut - aber hat es nur kurz erwähnt und sonst nichts dazu gesagt.

Ich finde nicht, dass Kinder davon abgehalten werden sollte (zwingen sollte man sie allerdings auch nicht). Der Tod gehört zum Leben.

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RE: Totenwache

#6 von Inge , 13.02.2010 12:03

ein wichtiger Aspekt ist auch, die sterbenden Menschen zu begleiten. Ihnen die letzten Tage angenehm und entspannt zu gestalten. Ihnen eventuelle Ängste vor dem Tod zu nehmen und mit ihnen darüber zu reden. Genauso wichtig ist es, auch die Familie entsprechend zu begleiten. Zu schauen, wie sie Gefühlsmäßig zu dem baldigen Tod des Familienmitglieds stehen, ihnen die Angst nehmen, das Verlustgefühl und ihnen auch ein gutes Gefühl zu dem anstehenden Abschied zu vermitteln.

Sicher soll jeder Trauern können. Doch fände ich es schön, wenn alle Beteiligten trotz allem ein angenehmes, entspanntes Gefühl hätten und ein sicheres und starkes Gefühl bzgl. des Todes/des anstehenden Abschieds hätten. Daß die Hinterbliebenen bei dem Gedanken an die Verstorbenen ein warmes, freudiges, helles Gefühl hätten anstatt vor Kummer schwermütig zu sein ...

Hmm, ich hoffe, ihr versteht was ich meine. Es ist nicht so einfach, das alles in die richtigen Worte zu fassen.

LG

 
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RE: Totenwache

#7 von Inge , 13.02.2010 12:10

@

Das habt ihr wirklich schön gemacht. Ein würdiger und schöner Abschied für die Katze und somit die Entgültigkeit/den Tod für alle Beteiligten nachvollziehbar gemacht- oder wie du schreibst "begreifbar".

Wir haben unseren Hund im Wald begraben, in seiner Lieblingsdecke einghüllt. Wir haben ihm dann noch seinen Freßnapf mit etwas Futter mitgegeben, sowie ein paar Leckerlies, eine Feder und Halbedelsteine. Es war ein schönes Gefühl, ihn in seinem Lieblingswald zu wissen. Manchmal sind wir zu ihm gefahren und haben ihm Wurst mitgebracht .... Und immer wenn wir durch den Wald fuhren, hatten wir das Gefühl, ihn durch den Wald rennen zu sehen

LG

 
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RE: Totenwache

#8 von Tree , 13.02.2010 13:31

Dieses Thema berührt mich schon seit geraumer Zeit.
Immer wieder komme ich zu dem Thema zurück und bekomme einfach das Gefühl nicht los, daß das eine meiner Aufgaben sein könnte.

Den Tod zu tabuisieren ist ganz schlimm.
Nicht umsonst werden soviel Menschen krank, weil sie nicht in der Lage sind mit ihrer Trauer richtig umzugehen.

Früher war es ganz selbstverständlich, daß ein Verstorbener drei Tage zu Hause aufgebahrt wurde.
Daß jeder kommen konnte, Abschied nehmen und vor allen Dingen auch be-greifen.........

Heute gibt es Hygienevorschriften und vielerei riesen Humbug!!!
Dadurch, daß jemand so schnell abtransportiert werden muß wird Trauer in eine Zeitschiene gepreßt.
Viele haben gar nicht die Möglichkeit vernünftig zu trauern, so wie es für SIE am Besten ist.

Vor vielen Jahren habe ich von einem Bestatter aus Köln gehört und das hat mich nie mehr losgelassen:

http://www.puetz-roth.de/Das-Hau...eitung.aspx

Fritz Roth hat sich in Kollegenkreisen sehr unbeliebt gemacht.
Er hat sich gegen die Unwürdigkeiten im Umgang mit den Verstorbenen und den Trauernden aufgelehnt.
Er sagte, jeder hat das recht auf seine Zeit der Trauer, auch wenn es länger als drei Tage dauert.
Abschiednehmen ist was ganz individuelles und, wenn zu früh beerdigt wurde ist die Chance für eine gesunde Trauer vertan.
Inbesondere dann, wenn Kinder verstorben sind.

Immer wieder begegnet mir Fritz Roth auf die eine oder andere Weise.
Vielleicht finde ich auf diesem Gebiet meine Lebensaufgabe, wenn die Kinder mal groß und aus dem Haus sind????................

 
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RE: Totenwache

#9 von Solitaire , 13.02.2010 15:22

Meine Urgroßmutter ist damals bei uns zuhause gestrorben (nachdem sie einige Zeit lang krank gewesen war), ich war damals so ca. 12 Jahre alt, habe es also noch mitbekommen (auch den Zirkus, den meine Mutter veranstaltete, sie wollte partout tagelang nicht in Oma's Sterbezimmer) und konnte mich auch noch von ihr verabschieden, einmal zuhause und dann noch auf dem Friedhof am offenen Sarg. Bloß das Einsargen (wäre möglich gewesen, da wir die Bestatter gekannt haben) bzw den Abtransport des Sarges habe ich mir nicht mit angeguckt, ich wollte sie anders in Erinnerung behalten.

Meine Kater Lucky und Toby habe ich beide bis zum Schluss (also zum Einschläfern) beim Tierarzt begleitet, der Kater wurde in einem Nebenzimmer auf eine Behandlungsliege gelegt, ich habe meine Jacke, Schal oder was halt greifbar und für mich in dem Moment entbehrlich war um ihn gelegt und ihn gestreichelt und mit ihm gesprochen, bis er dann eingeschlafen war und das Herz nicht mehr schlug. War für mich selbstverständlich und der letzte Liebesbeweis dem verstorbenen Tier gegenüber. Klar bleibt dir dieses Bild im Gedächtnis (vor allem, weil die Kater jeder nach seinem Tod irgendwie "kleiner" aussahen als vorher - klingt jetzt blöd, aber die Geschichten, dass ein Mensch oder Tier aussieht in seinem Tod wie wenn er/sie nur schläft, stimmt so nicht, da fehlt einfach dieses Etwas, das man Seele nennt und das siehst du auch), es gehört für mich aber einfach dazu, ein Tier oder einen Menschen, den man geliebt hat auch bis zuletzt zu begleiten (sofern möglich).
Meinen Kater Adi konnte ich leider nicht begleiten, er war während meiner Abwesenheit an einem Herzschlag gestorben (es war aber so, dass ich vormittags irgendwann selbst ein Stechen verspürte und als ich dann abends heimkam, und den toten starren Körper fand, dazu noch seine drei ratlosen Katerkumpels und ich nach dem Beerdigen, den Katzentrösten, dem selber ausgeheult haben wieder die Nerven fand, mal rauszufinden, wie denn das Errechnen des Todeszeitpunkt nach dem Einsetzen der Totenstarre funktioniert, habe ich ausgerechnet, dass ich diese Schmerzen hatte zu dem Zeitpunkt als Adi verstarb )

 
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RE: Totenwache

#10 von Inge , 14.02.2010 09:10

Hallo Elke,

deinen Link habe ich gleich gespeichert, um ihn mir demnächst mal in Ruhe durchzulesen.

Das ist ein Thema, daß auch mich schon längere Zeit verfolgt und sich immer wieder mal in Erinnerung bringt Ich finde eine würdige, persönliche Trauerbegleitung sehr wichtig. Ich spiele mit dem Gedanken, mal ein Hospitz zu besuchen, bzw. dort für einige Zeit zu hospitieren- falls dies vom Hospiz erlaubt wird- um zu sehen, ob ich dem überhaupt gewachsen bin....

LG

 
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RE: Totenwache

#11 von Solitaire , 21.02.2010 23:12

Zitat von Inge
Ich finde eine würdige, persönliche Trauerbegleitung sehr wichtig. Ich spiele mit dem Gedanken, mal ein Hospitz zu besuchen, bzw. dort für einige Zeit zu hospitieren- falls dies vom Hospiz erlaubt wird- um zu sehen, ob ich dem überhaupt gewachsen bin...



Hier in der Gegend gibt es z. B. einige Möglichkeiten, ehrenamtlicher Sterbebegleiter/in zu werden, muss aber gleich dazu sagen, dass diese von kirchlichen Trägern veranstaltet werden und somit auch strikt darauf geachtet wird, ja niemanden mit paganem Hintergrund oder "sozial nicht kompatiblen Hobbies" zuzulassen.

 
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RE: Totenwache

#12 von inis , 22.02.2010 09:24

Zitat von Inge
ein wichtiger Aspekt ist auch, die sterbenden Menschen zu begleiten. Ihnen die letzten Tage angenehm und entspannt zu gestalten. Ihnen eventuelle Ängste vor dem Tod zu nehmen und mit ihnen darüber zu reden. Genauso wichtig ist es, auch die Familie entsprechend zu begleiten. Zu schauen, wie sie Gefühlsmäßig zu dem baldigen Tod des Familienmitglieds stehen, ihnen die Angst nehmen, das Verlustgefühl und ihnen auch ein gutes Gefühl zu dem anstehenden Abschied zu vermitteln.



...auch für die Angehörigen ist das Abschiednehmen, sich-innerlich-auf-den-Verlust-vorbereiten unglaublich wichtig. Als vor - oh, doch schon neun Jahren - mein Opa gestorben ist, konnte ich mich darauf vorbereiten, ihn noch mal im Krankenhaus besuchen. Mein Bruder wohnte mehrere Hundert Kilometer weit weg und hatte die Chance nicht, er kam erst zur Beerdigung. Und ich werde es nie vergessen, wie mein Bruder, damals schon ein großer schwerer Metalhead, plötzlich in Tränen ausbrach und wie ein kleines Kind seinen Kopf an meine Schulter legte, "ich konnte mich gar nicht verabschieden", schluchzte es aus ihm raus...

 
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RE: Totenwache

#13 von Weisser Schatten , 30.03.2010 19:24

ich halte es für wichtig und auch für nötig, so man/frau die gelegenheit hat, sich bei der sterbenden person (auch hier: so diese es sich irgendwann einmal gewünscht hat) einzufinden und letzte stunden oder minuten mit dieser zu teilen,
es erfordert mut und auch ausdauer, dieses dabeisein, und letzendlich erleben wir in diesem akt auch den akt unseres eigenen davongehens in die anderswelt,
sicher haben einige von euch meine nachrufe auf die tante und den onkel (beide fast 97 jahre geworden) gelesen,

unter meinem link im forum werde ich jetzt das erleben einstellen, welches ich hatte, als ich bei meinem vater im krankenhaus seine letzte nacht mit ihm teilte - ohne daß er es sicherlich mit bekam - auch das muß man/frau akzeptieren,

ich fände es schön und gut, wenn unsere gesellschaft das Sterben wie auch das gebähren nicht so ausgrenzen würde, beim gebähren hats ja schon fortschritte und einige mannsleut sind geläutert nach haus gegangen mit viel anderen, besseren gefühlen für die frau und das kind - ja, so etwas bildet auch und nicht nur den charakter,

genug davon heute und wenn ihrs lesen wollte, es hängt gleich drinn

ian-jonathan der weiße schatten

 
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