Endgültig bekehrt

#1 von Belbara , 08.02.2010 23:36

Vorbemerkung: pardon wegen des Doppeleintrags, aber eigentlich gehört diese Geschichte hierher... Ich werde sie noch im Thread "Mission" löschen.

DINGDONG!

Eine Tür öffnet sich.

Bewohner: „Ja?“
Besucher: „Einen schönen guten Tag wünsche ich Ihnen. Welche Rolle spielt Tonatiuh in ihrem Leben?“
Bewohner: „ ... wer??“
Besucher: „Tonatiuh, der aufsteigende Adler, die fünfte Sonne, geschaffen durch den Opfertod von Nanahuatzin, der sich in das göttliche Feuer des Scheiterhaufens stürzte und sich damit in Tonatiuh verwandelte, der heute strahlend am Himmel steht und ihnen mit seiner Wärme und seinem strahlenden Licht das Leben ermöglicht.“
Bewohner: „ ... aufsteigender Adler? Sind sie vom Tierschutzverein?“
Besucher: „Nein. Ich gehöre zu den Vorboten Tonatiuhs, der fünften Sonne, und damit ist es meine heilige Pflicht, sie darauf aufmerksam zu machen, daß sich das fünfte Weltzeitalter dem Ende zuneigt. Aber ich bringe Ihnen heute ganz persönlich die frohe Kunde, daß noch nicht alles verloren ist und sie sich uns anschließen können, um den drohenden Weltuntergang nicht nur aufzuhalten, sondern noch dazu in das Sonnenhaus einzugehen!“
Bewohner: „Äh, Moment. Die fünfte Sonne?! Ich dachte, es gibt nur eine. (blinzelt) Also, ich seh’ da oben jedenfalls nur eine!“
Besucher (lächelt aufmunternd): „Richtig. Hervorragend beobachtet! Aber es ist bereits die fünfte Sonne. Die vier vorherigen sind durch Katastrophen zerstört worden. Jede Sonne scheint ein Weltzeitalter lang.“
Bewohner: „ ... Ach?“
Besucher: (selbstbewußt): „Jawohl. Und nun frage ich Sie, angesichts der heiligen Opfer, die von den Göttern erbracht wurden und die dafür gesorgt haben, daß Sie täglich Wärme und Licht der Sonne genießen können, wo Sie Ihre Aufgabe im Plan der Dinge sehen?“
Bewohner: „Meine Aufgabe?? ... Also, so warm und sonnig ist es nun auch wieder nicht. In meinem letzten Urlaub hat’s enorm viel geregnet!“
Besucher: (verständnisvoll) „Sicher, das kommt vor. Ich verstehe, daß das für Sie ärgerlich war. Und doch, ohne Sonne gäbe es kein Leben auf der Erde! Und wenn Sie heute die Botschaft Tonatiuhs annehmen, dann leisten sie einen wesentlichen Beitrag für das Weiterleben der Menschheit und Ihr persönliches Glück! (enthusiastisch) Sie haben ja gar keine Ahnung, wie frei einen die Botschaft Tonatiuhs macht!“
Bewohner: „So? Und was genau ist die Botschaft Tonatiuhs nun?“
Besucher: (kramt in seiner Tasche) „Moment, ich habe hier eine Broschüre dabei. Da finden Sie genauere Informationen. Na, wo ist sie denn?“
(Zückt eine Broschüre, auf der ein häßliches, vogelähnliches Wesen abgebildet ist, und hält sie dem Bewohner vor die Nase)
Bewohner: (erschrickt) „AAH! Sieht ja furchtbar aus! Und was hat dieses... DING ... denn da in seinen Krallen?“
Besucher: (selbstsicher) „Das ist eine Kaktusfeige.“
Bewohner: (mißtrauisch): „Ach, wirklich? Das sieht eher aus wie ein menschliches Herz. BÄH! Wie geschmacklos! Das tropft ja noch!“
Besucher (rasch): „Bravo! Da haben Sie wieder ihre hervorragende Beobachtungsgabe bewiesen! In der Tat symbolisierte die Frucht des Nopalkaktus das menschliche Herz. Die hier abgebildete Gottheit ist Huitzilopochtli, der ebenfalls die Sonne verkörperte und der die Herzen der Menschen in seinen...“
Bewohner: „Und welche Sonne war der? Die vierte? Die sechste?
Besucher: „Der verkörpert die junge Sonne, der hat kein eigenes Zeitalter. Aber um auf die Herzen der Menschen zurückzukommen, Tonatiuh benötigt...“
Bewohner: (blättert in der Broschüre) „Hier steht, um ins Sonnenhaus, den heiligen Akazien- und Agavenhain aufgenommen zu werden, muß man den Vorboten Tonatiuhs beitreten und wird dann zum I-xipt-la geweiht... Mann, was für ein Wort. Ixiptla. Was heißt denn das?“
Besucher: „Das wird weiter hinten im Glossar erklärt. Also, Tonatiuh braucht die Herzen der Menschen, um...
Bewohner (blättert noch immer in der Broschüre) „Augenblick mal! Hier steht, ein „Ixiptla“ ist...“
Besucher: (schnell) „Das sollten sie nicht so eng sehen. Obsidianmesser sind kein Muß, es gibt da heute chirurgische Instrumente die...“
Bewohner: (liest laut vor) „MIT DEM OBSIDIANMESSER WIRD DER BRUSTKORB DES IXIPTLA GEÖFFNET, DAS PULSIERENDE HERZ DURCH DIE HAND EINES PRIESTERS ENTNOMMEN UND DER SONNE ENTGEGEN GEHALTEN, DAMIT SIE IN IHREM LAUF NICHT INNEHÄLT. SEIN LEICHNAM WIRD NICHT WIE SONST ÜBLICH VON DER PLATTFORM DES TEMPELS DIE PYRAMIDENSTUFEN HERUNTERGEWORFEN SONDERN FEIERLICH DIE STUFEN HERAB GETRAGEN. DA DIESER OPFERTOD DEM TOD EINES KRIEGERS IN DER SCHLACHT GLEICHGESTELLT WIRD, GELANGT EIN IXIPTLA NACH SEINEM TOD DIREKT INS HIMMLISCHE PARADIES TONATIUHS UND MUSS NICHT IN DIE UNTERWELT MICTLAN ABSTEIGEN??!!??
Besucher: (zurückhaltend): „Von da oben auf der Tempelplattform hat man eine hervorragende Aussicht und bekommt jede Menge frische Luft...“
Bewohner (sarkastisch): “Ja, nur nicht besonders lange!“
Besucher: (fröhlich) „Ach, das stellen Sie sich viel schlimmer vor als es ist. In Wirklichkeit ist es viel humaner, als an Geräte angeschlossen zu sein, die man nicht selber abschalten kann wenn man möchte! Und außerdem wird man vorher betäubt.“
Bewohner: (erbost) „Betäubt womit? Tequila und Nachos mit Guacamole?? Oder vielleicht mit extrascharfer Chilisoße??“
Besucher: (nüchtern) „Äh, nicht ganz. Aber es kommt definitiv Agavenschnaps zum Einsatz, unter anderem. Da merken Sie gar nichts von.“
Bewohner (direkt): „Ich fürchte, die fünfte Sonne muß ohne mich auskommen! Tschüß!!!“

Die Tür knallt zu.

Besucher (blickt wehmütig seine Broschüre an): „Ich muß unbedingt noch mal mit der PR-Abteilung reden...“

***

ANMERKUNGEN DER AUTORIN

Dinge, die ich nicht erfunden habe: Tonatiuh, den aufsteigenden Adler, die fünf Sonnen/Weltzeitalter, Nanahuatzins Opfer, Huitzilopochtli und seine Darstellung als Vogelwesen mit häßlichem Gesicht, die Kaktusfeige vom Nopalkaktus als Symbol für das (geopferte) Herz, der Ixiptla, das Sonnenhaus/Der heilige Akazien- und Agavenhain bzw. das Paradies Tonatiuhs, die Unterwelt Mictlan, Obsidianmesser und Opferpraxis sowie den Pulque (Agavenschnaps als Betäubungsmittel für zu Opfernde)

Dinge die ich erfunden habe: die neo-atztekische Missionsbewegung der „Vorboten Tonatiuhs“, die mit Info-Broschüren an den Türen harmloser Ungläubiger klingelt.

 
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RE: Endgültig bekehrt

#2 von yannik ( Gast ) , 09.02.2010 00:45


Wer hat Dir DAS gechannelt? Quacksalbkotl der Schamane?

Yannik

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RE: Endgültig bekehrt

#3 von Timo , 09.02.2010 01:38

Großartig

 
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RE: Endgültig bekehrt

#4 von Belbara , 09.02.2010 09:20

Zitat von yannik
Wer hat Dir DAS gechannelt?



Eines Tages fuhr ich zu meiner Harfenlehrerin und kam an einer Art Gemeindehaus vorbei. An der Wand klebte ein fettes Schild: "DIE KIRCHE DES NAZARENERS". Das hat mich spontan an die Diskussionen darüber erinnert, daß das Christentum als "Wüstenreligion" eigentlich hier fremd ist; früher habe ich ja nicht darüber nachgedacht, aber da ist mir auch wirklich bewußt geworden, wie krass das eigentlich aus dem Rahmen dessen fällt, was mir etwas sagt oder was mich berührt. "Die Kirche des Nazareners", na toll. Weiß ich spontan , wer oder was das sein soll?? Da könnte genauso gut "KOMM ZUM KAKTUS VON ACAPULCO" stehen - statt Meßwein und Hostie gibt's dann Tequila und Tortillas...

Ich habe mich dann ein bißchen damit amüsiert, mir vorzustellen, wie das wäre, wenn Heiden, die fest in einer indigenen Tradition verwurzelt sind, anfangen würden zu missionieren - wie sie das wohl erreichen könnten, Dinge, die eigentlich nur für sie Bedeutung haben (können), anderen nahezubringen, und zwar gerade auch diese sehr "einschneidenden" Themen wie beispielsweise den Opfertod, damit das Leben weitergeht (die Blutopfer sollten die Sonne motivieren, weiterhin zu scheinen, denn laut Atzteken-Legenden weigerte sich die Sonne gelegentlich, das zu tun (Sonnenfinsternis!!!); die Götter Tonatiuh und Huitzilopochtli hatten sich zu diesem Zweck heldenhaft selbst geopfert, und nun ging man davon aus, daß die Sonne Blut wollte und die Menschen dem Beispiel der Opfergötter folgen sollten - und natürlich dafür belohnt würden im Jenseits.)

Welche Art von Mission hier Pate gestanden hat, weiß wohl jeder auch so, ohne daß ich das jetzt näher erläutere

Liebe Grüße,
Belbara

 
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RE: Endgültig bekehrt

#5 von Roidsear , 09.02.2010 09:36

Eine grandiose Geschichte. Hat mir grad sehr erfolgreich den Morgen erheitert!
Vor allem, weil ich - durch eine National Geographics Reportage inspiriert mich ein wenig in die atztekischen Bräuche und den Opferkult eingelesen hatte, und ich muß sagen, das ist einfach toll rübergebracht.
Aber eins muß ich sagen: Die PR-Abteilung von denen hat definitiv kein taktisches Händchen... hihi...

 
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RE: Endgültig bekehrt

#6 von Hjördis ( Gast ) , 09.02.2010 11:23


Das ist ja sowas von supergut....das rettet mir den Tag, der eben noch sowas von sch....war

Hjördis

RE: Endgültig bekehrt

#7 von yannik ( Gast ) , 09.02.2010 13:17

Wobei sich bestimmte Kaktusprodukte in bestimmten Kreisen großer Beliebtheit erfreuen dürften...

yannik

RE: Endgültig bekehrt

#8 von Rainer , 09.02.2010 14:59

@ Yannik, was meinst Du? Den "Schwiegermuttersitz"?

 
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