Was ist in einer Sprache?

#1 von Oak King , 28.01.2010 00:19

Hier nun endlich ein Anliegen das ich schon seit einiger Zeit mit euch teilen wollte.Koennen wir aus Sprachmustern herauslesen wie die Sprecher einer bestimmten Sprache einst ihre Welt sahen?
Ich denke schon, und im walisischen finden wir das klarste Beispiel wenn es zum Ausdruck von Besitz kommt. Wenn z.B. Freunde, Nachbarn oder Kollegen einen Garten haben dann sagt man 'Mae gynnon nhw ardd' was in heutigen Lehrbuechern mit heutigem Sentiment als 'Sie haben einen Garten uebersetzt' wird. So weit, so gut, doch wenn man etwas tiefer hinter die Bedeutung schaut dann ergibt die wort-woertliche Uebersetzung 'Es ist ein Garten mit ihnen' und das eroeffnet sofort einen ganz anderen Ausblick auf den Zusammenhang denn hier sehen wir dass das Subjekt (in diesem Falle die Nachbarn) nicht mehr dem Objekt (Garten) uebergeordnet ist sondern beide als gleichwertig betrachtet werden. Was zunaechst als echte Revelation erscheint ordnet sich bald ein in das Bild dass wir von alt-keltischer Gesellschaft haben, eine Gesellschaft in der sich Menschen eher als Teil eines grossen Ganzen verstanden und nicht als Spitze einer Hierarchie der alles andere untergeordnet war. Leider ist heute davon selbst in keltischen Landen nicht mehr viel zu sehen, der ungezuegelte Materialismus und der menschliche Drang alles unbequeme mit allen Mitteln aus dem Wege zu raeumen hat auch hier laengst die Ueberhand gewonnen aber solange noch Hinweise (wie in alten Sprachen) darauf existieren dass auch andere Lebensweisen moeglich sind, geb ich die Hoffnung nicht auf das Mensch ueber kurz oder lang aufwachen wird und wieder beginnt mit Mutter Erde und nicht von ihr zu leben! Dann lasst uns mal mit gutem Beispiel voranschreiten!
Bendithion y gwanwyn yn dwad/Blessings of the coming spring,
Holger

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RE: Was ist in einer Sprache?

#2 von Anna , 28.01.2010 11:11

Was mich bei Gertrude Stein so faszineirt hat, war ihr Gedanken gang, dass die Landschaft die Sprache formt. Also auch Dialekte werden von der Landschaft geformt.
Udn das schwäbische ist halt nur in diesem Bereich drin, weil die Landschaft es so geformt hat, und Harris hat eine andere Aussprache des gälischen wie Lewis, obwohl es sogar die selbe Insel ist...aber auch hier prägt die Landschaft die Leute...


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RE: Was ist in einer Sprache?

#3 von Belbara , 28.01.2010 13:43

Hallo,

ich denke, da ist sicher was dran, daß jede Sprache ihre ganz eigene Weltsicht hat. Im Japanischen werden beispielsweise handelnde Subjekte im Satz oft weggelassen - statt "hast Du es gesehen" bleibt es bei "gesehen?" Das lenkt die Aufmerksamkeit viel stärker auf die Verben (auf das, was passiert) als auf die handelnden Subjekte (wer was macht, verursacht, ausgelöst hat). Die Dinge ereignen sich sozusagen von allein - kein Wunder in einem Land, wo die Natur so häufig macht, was sie will (Erdbeben, Taifun...) und der Mensch gar nicht so viel tun kann...

Auch mit Anreden wird ganz anders umgegangen; je nachdem, welche Anrede man für den anderen wählt, setzt man sich schon damit in ein ganz bestimmtes Verhältnis zu ihm. Sicher, in Deutsch kann man auch zwischen (vertraulichem) Du oder (distanzierterem) Sie wählen - aber in Japanisch gibt's unzählige lustige Möglichkeiten zu zeigen, wo man sich gegenüber dem anderen einordnet - und gebraucht mal eine Frau einen Begriff, den Männer normalerweise für sich nutzen, ist das ein ganz schöner Schock für die Männerwelt! Der Effekt ist etwa so, wie wenn eine feine, kultivierte Dame plötzlich anfangen würde, wie ein Disco-Türsteher zu reden. Junge Frauen nehmen sich da in neuerer Zeit deutlich mehr raus und sagen auch schon mal "bore" wenn sie sich selbst bezeichnen (ein Wort, das sich in etwa mit "dieser Krieger hier" widergeben läßt) statt des artig-neutralen watashi (in etwa "meine Wenigkeit") oder des femininen uchi ("unsere Haus/Familie" - d.h. sie verzichten ganz darauf, sich als Individuum auszuweisen und betrachten sich als Bestandteil der Gruppenidentität von Haus und Familie).

An Russisch ist mir damals aufgefallen, daß der Diminutiv (die Verkleinerungsform) eine besondere Rolle spielt, mit dem man allerhand verschiedene Gefühle, vor allem Zuneigung, ausdrücken kann: das rote Sonnchen (die liebe Sonne), das Täubchen (als Kosename für die Freundin), das Großmütterchen oder -väterchen (Babuschka und Deduschka)... andererseits vermeidet man es eher, eine Sache als klein (malinki) zu bezeichnen und sagt lieber, sie sei "nicht so groß" (nebolschoy). Ich denke, was da zum Ausdruck kommt, ist einmal die Weite des Landes, der reichlich zur Verfügung stehende Raum, und andererseits die starke Emotionalität, die die Russen gern und auch mitunter recht handgreiflich demonstrieren.

Liebe Grüße,
Almut

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RE: Was ist in einer Sprache?

#4 von Roidsear , 28.01.2010 16:05

Das was Oak King mit dem "es ist ein Garten mit ihnen" beispielhaft angeführt hat, stimmt auch für andere keltische Sprachen.
Im Irisch-Gälischen gibt es auch kein eigenes Wort für Besitz. "Is le mise an teach seo." - "Ist mit mir das Haus hier."
Sinngemäß: "Es ist mein Haus." .. aber das "mit mir" impliziert durchaus, daß es eventuell bald "mit jemand ganz anderem" ist. Das Irische arbeitet gerne mit Präpositionen wie "auf einem", "mit einem", etc.
Die Denkweise spiegelt sich in der Sprache wieder, weil das, was man im sozialen Umfeld braucht, was die Gesellschaft an Sprachbedürfnis aufwirft, wird linguistisch umgesetzt.
(Generell sind keltische Sprachen sehr metaphorisch, z.B. "Tá brón an domhain orm" - "Ist Traurigkeit der Welt auf mir" => Ich bin sehr traurig.)

Ein Interessantes Thema, das mit auch schon öfters in den Sinn gekommen ist. Lasst es uns hier mal ausbreiten und mal sammeln, was jeder so an Beispielen finden kann! Wird bestimmt interessant.

 
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RE: Was ist in einer Sprache?

#5 von Belbara , 05.02.2010 22:00

Hallo,

da hab ich ein nettes Zitat gefunden:

Welsh has a way with metaphor and sound that makes it excellent for poetry (no surprise) and actually conceiving of spiritual spaces and concepts that are generally alien to most other languages I've encountered. Also Welsh is really excellent in describing the physical geography of places and natural settings that English approaches but mostly fails except when borrowing words from Welsh.

Ich denke, das paßt ganz gut zu dem bisher Gesagten. Noch mehr interessante Betrachtungen finden sich hier, speziell zum Unterschied von Walisisch und Englisch:

http://yrhendre.blogspot.com/200...nglish.html

Liebe Grüße,
Belbara

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