Der rote Faden

#1 von Belbara , 20.01.2010 01:12

Der rote Faden

Mein Druide, mein Vater der Lehren, fragte mich einmal, wo ich denn den "roten Faden" in meiner Ausbildung sähe.

Das war eine schwierige Frage - denn ich konnte keinen erkennen.

"Wenn der Faden nicht zur Bardin kommt, dann geht die Bardin eben zum Faden" beschloß ich kurzerhand.

Ich legte meinen Kopf schief, schloß die Augen und horchte in mich hinein. "Kleiner roter Faden, wo bist Du? Bitte sprich mit mir. Ich muß Dich ganz dringend was fragen!"

Da geschah uralte Magie.

Denn urältester Zauber ist es, aufrichtig zu fragen.

Welche Macht wollte sich dem widersetzen?

Frage aufrichtig, voller Ernsthaftigkeit und Sehnsucht nach Wahrheit.

Und dann hör zu.

Lange lauschte ich seinem feinen Wispern...

"Wo ich bin, willst Du wissen? Kind – Du kennst mich doch. Denk nach! Ich wurde in alter Zeit von Prinzessin Ariadnes zarten Händen gezwirnt, und auf ihrer kleinen Steinspindel drehte ich mich so oft um mich selbst, bis mir schwindelig war. Dann tauchte sie mich, den strahlend Weißen, in Purpurlauge; schamrot vor Verlegenheit kam ich wieder heraus, wie ein Blutfaden zwischen den Beinen einer menstruierenden Frau. Als ich wieder zu mir kam, klemmte ihr Liebhaber Theseus gerade eins meiner Enden in eine Felsspalte. Ich war derjenige, der ihm half, das Labyrinth, das der Architekt Daidalos so kunstfertig erbaut hatte, wieder zu verlassen; ich zeigte ihm den Weg zurück, nachdem er Minos´ stierköpfigen, jungfrauenfressenden Stiefsohn getötet hatte...

Wie man sieht - ich habe Erfahrung als Wegweiser und Retter! Wer weiß, welche Ungeheuer Dir noch begegnen, wenn Du weiter durch dieses Jahr gehst? Zwei hast Du ja schon getroffen: den großen, bösen Wolf und das kleine Mädchen, das sich einfach nicht zu helfen weiß. Da solltest Du mich besser nicht zu früh aufrollen und als Knäuel in die Ecke werfen!

An meinem Gängelband hast Du sehr alte Orte gesehen: Keltensiedlungen und Steinkreise, Einweihungsorte und spitze, hohe Felsen, die wie ein Finger zum Himmel zeigen, die Steinkessel und in die Erde führende Gruben aufweisen. Du hast Orte gesehen, die Kraft geben und Kraft nehmen können; Orte, an denen Du etwas sein kannst. Oder auch etwas werden, je nachdem.

Die Wege, die ich für Dich gemacht habe, bist Du entlang getanzt, bist Deinem eigenen Rhythmus um ein Fädchen näher gekommen, hast es mit Masken bunt getrieben und Dich ein ganz kleines bißchen verwandelt.

Du hast Dir von Kräutern eine Ahnung geben lassen, daß es vielleicht leichter ist, zu lernen, gesund zu sein, anstatt bloß einfach aufzuhören, krank zu sein.

Du bist in Deiner nebligen Seele herum gewandert, auf der Spur von gelben Schmetterlingen, als Dunst zum Himmel aufgestiegen und als Regentropfen zur Erde gefallen.

Und auch, wenn ich weiß, daß Du wohl nicht zu mir sagen würdest: "das klappt ja alles wie am Schnürchen" (Verzeihung, dafür kann ich nichts - ich bin ein Faden, der ein Festgewand werden wollte, kein albernes kleines Band, dem Du Kosenamen gibst!), dann finde ich doch, ich habe Dich gut geführt.

Du solltest herausfinden, wer Du bist, wenn Du wissen willst, wer Du sein kannst; und Du solltest auch eine Ahnung haben, was Du noch sein könntest; und wie Du heil werden kannst - damit Du Dich, am Ende, endlich in Dich verwandeln kannst.

Und ich weiß auch, daß Du große Angst hast, daß Dein feines Glasboot mit dem Seidensegel an den Wolken zerschellt; für Dich haben sie alle die Farbe von Eisen... Aber noch eines weiß ich, was Dir vielleicht Freude macht:

Du könntest mich eines Tages in Deinem roten Rock wiederfinden, kleine Weberin."

 
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RE: Der rote Faden

#2 von petitsorciere , 20.01.2010 01:37



Sehr schön ! Ich danke Dir fürs Teilen Belbara

- denn es erhellt mir auch wieder ein Stück meines Weges ...

LG

Gabi

 
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RE: Der rote Faden

#3 von petitsorciere , 20.01.2010 01:44

das seh ich erst jetzt :

"So viel Sand und keine Förmchen...!"

von wegen keine Förmchen ...
Für mich war das passende vorhanden ...

 
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RE: Der rote Faden

#4 von Belbara , 20.01.2010 19:17

Zitat von petitsorciere
von wegen keine Förmchen ...
Für mich war das passende vorhanden ...



Hihi, danke
Das bezog sich ursprünglich auf meine Tanzgruppe, die ich zusammen mit einer Freundin leite. Wir zwei haben gerade total viele neue Tänze in petto, die wir gern machen möchten, aber im Moment schwächeln unsere TänzerInnen etwas:

"Äh, meine Tochter hat Konfi-Unterricht, da muß ich sie abholen. Ich komm dann erst um 8 Uhr"
"Ich hab Karten für ein Jazz-Konzert und kann am Samstag nicht zum Training kommen"
"Die XYZs haben einen Auftritt, da wollten wir mittanzen. Oh, ihr seid dann am Samstag nur zu viert? Tja, schade für Euch."
"Der Kindergarten ist abgebrannt und ich helfe ehrenamtlich ihn wieder aufzubauen ...!"


Da schaute meine Freundin mich an und sagte: "So viel Sand und keine Förmchen...!"

Seither ist das bei uns die geflügelte Umschreibung für alles Mögliche, von der verpaßten Gelegenheit bis zu komischen Ausreden

Lieber Gruß,
Belbara

 
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RE: Der rote Faden

#5 von Fingayin , 20.01.2010 19:21

jetzt ja.
Das passt.

 
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RE: Der rote Faden

#6 von Weisser Schatten , 20.01.2010 21:16

ich danke dir für diesen "kleinen roten faden"
mögen viele von ihm lesen und noch mehr durch ihn geleitet sein,

nochmals dank und weiter so

ian-jonathan der weiße schatten

 
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RE: Der rote Faden

#7 von freyja , 21.01.2010 12:03

vielen Dank für diesen wunderschönen roten Faden,
möge er auch ein roter Teppich sein, mit dem du fliegen kannst
und auf dem du gelandet, danach,
wie eine Königin entlangtanzen kannst,
wenn du es willst...
freyja

 
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RE: Der rote Faden

#8 von Nebelweib , 24.01.2010 10:45

Liebe Belbara,

ich danke dir für diesen wirklich inspirierenden Text.
Es ist doch immer wieder hilfreich einfach zuzuhören.

Alles Liebe!

 
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RE: Der rote Faden

#9 von Belbara , 27.01.2010 15:33

Hm, da muß ich jetzt nochmal was Unterhaltsames nachschieben

Entstanden ist der Text tatsächlich genau so, wie er's selber berichtet: der Druide, von dem ich damals lernte, hat nach dem roten Faden gefragt, und das stellte mich vor gewisse Schwierigkeiten - denn er weiß und kann zwar recht viel, aber Wissen strukturieren ist so gar nicht seine Sache

Da hab ich dann eben alles so zusammengeschrieben, was mir gerade einfiel. Und beim nächsten Treffen kreuzte ich dann mit einem roten Rock auf, den ich heute noch zu (fast) jedem Ritual trage - egal, ob ich das allein oder mit anderen mache. Besagten Druiden hat das sehr amüsiert.

So kommen die Dinge zusammen... In meiner ehemaligen Geburtsreligion (evangelikales Christentum) war mir immer viel zu viel abstrakt. Es gab zu wenig Greifbares, zu wenig Schönes und Sinnliches - und ich hab's immer als großes Defizit empfunden, daß man "in der Kirche" weder lachen noch essen noch tanzen darf - da das doch so wesentliche und erfreuliche Aspekte meiner Körperlichkeit sind. Bin daher sehr dafür, Gegenstände auch greifbar zu machen wie beispielsweise einen roten Rock - bloß so als Symbol, das ist sicher auch ganz nett. Aber auch ziemlich dröge, oder?

Süße Grüße,
Belbara

 
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