Utharch - die fee

#1 von Weisser Schatten , 22.04.2009 22:32

Utharch - die Fee

Lautlos fällt das Laub der Bäume in den See, welcher leise Wellen schlägt vom Zentrum des Blätterfalls in ihn. Die kreisrunden Schläge brechen an das Ufer mit ganz leisem, ganz leisem zarten Klang, welcher weiter sich wirft durch die Linden und die Eichen, bis er das freie Land erreicht hat. Dieses liegt unter einem weichen Nebelbande. Versteckt der Weiher, ins Geheimnis verwoben vor den Augen der Sterblichen, versteckt auch vor den Sinnen der Nichteingeweihten, vor denen, die noch Suchen sollen und müssen, bis sie ihn gefunden haben in Demut und Enthaltsamkeit. Der Schrei des Käutzchens dringt gedämpft durch den alternden Tag und schroff klingt das Schlagen der Flügel eines Reihers an ihr Ohr. Die Hände ineinander verschränkt sitzt sie. Ihr Blick ist geöffnet ohne zu sehen, ist über die sich duckenden Kiefern gerichtet, über das Unterholz am Rande des Wassers. Das Ohr vernimmt Geräusche des Waldes und der Welt des Lebens und über ihre bloßen Arme streift lebhaft ein kühlender Wind. Doch alldessen wird sie nicht gewahr. Ihr Geist ist anderwärts. Er ist in vergangenen Stunden, die heraufbrechen durch ihren Leib, die sie erzittern machen aus dem empfindlichsten Orte ihres Körpers heraus, die sie wieder und wieder das Glück empfinden lassen, das alle Welt als freie Sünde verurteilen möchte.
Strenge Erziehung und stetiger Fleiß im Leben, das ist ein ihr anvertrautes, vertraut gewordenes Los geworden. Eingekreist von Pflichten und Pflichtgefühlen gegenüber allem, was sich gern auf sie und ihre Stärke sich beruft, an dieser Stärke sich aufhält, sich festhält, sich festsaugt, diese Stärke aussaugt, ohne das Selbige zurückgeben zu können oder gar zu wollen. Eingekreist fühlt sie sich! Und ihre Kraft, das verspürte sie, würde immer mehr nachlassen. Keine Kraft würde in Bälde mehr da sein für das Wahre, für ihr wahres Leben, das unter den bisherigen Aufgaben sie zu verzehren sich anschickt.
Und auch darum hatte sie den Weg auf sich genommen. Diesen Weg durch die steinige, vom Ginster und von Erika überzogene dunkle Heide. Hatte sich aufgemacht zu dem Orte, den die DAME in ihren ungehörigen Träumen ihr gewiesen hatte. Die Dame in Weiß, welche in strahlendem Glanze die MUTTERGOTTES hätte sein können, aber auch die Ostera, die Beltaine, die Bridgit, die Astera, die Iris - alle Mutter-Göttinnen hätte sein können und welche ihr allesamt den Weg freizumachen versprachen, wenn sie es nur wolle.
Und wegen des Wollens sitzt sie nun hier.
Anwärterin auf Feenschaft.
Sitzt unter dem Ebereschenbaume und singt leise eine Melodie, die sie nicht kennt und die doch seit unendlicher Zeit in ihrem Herzen klingt, deren Worte sie nur ahnt und deren unvollkommener Reim in Resonanz kommt mit der Stunde, mit dem Abend, mit der Sonne und der drauf folgenden Nacht. Kühle zieht durch den Hag und fröstelnd zieht sie das Gewand enger um ihren zarten Körper, nimmt die Rune der Erneuerung fest in die Hand, gibt sich der Stimmung des Abendrots hin und vernimmt die säuselnde Stimme des Windes im Gezweig. Melodien klingen auf, vertraut seit undenklichen halleinenen Zeiten. Sie erinnern an Stille und Frieden und Friedfertigkeit, an Vertrauen und an Zutrauen. Unter diesen Klängen erzittert die Haut ihres Körpers, weil in deren Rhythmus sie gestreichelt wurde, im Takte gleich das Liebesweh verteilt.
Und dieses Gefühl nicht missen wollend, denkt sie über Vergangenes und über Kommendes nach. Sie verliert sich in Träumen, die der Nacht entsprechen, in der sie sich befindet, dem Unendlichen gleich und dennoch endlich in ihrem Sein. Und durch den wogenden Nebel spürt sie die Männer ihres Lebens sich aufbäumen vor ihrem Gesicht und sie urteilt über das Handeln derer und über das, was sie gemacht und noch mehr über das, was sie nicht gemacht und getan haben zu ihrem Wohle. Erinnerungen ziehen wie leichte Schwaden von durchsichtigen Altsom- mergespinst an ihren Augen vorbei. Wehmut erfaßt manche Szene und wiederum steigt befreites Atmen in ihr auf. Viel Ungelebtes steht wie ein schattiger Hain, den sie frohgemut nun durchschreitet. Unbekanntes ängstigt sie, will sie in ihrer Eigenart beschränken und doch weiter sollen sich die selbstgesteckten Horizonte öffnen - nur der Mut dazu? Woher soll kommen der Mut?
Neues, herangetragen durch eine unsäglich dräuende Macht, verunsichert ihr Denken, verunsichert ihr Sein. Ungewohnt heftig dringt eine neue Art zu leben auf sie ein und sie fühlt sich schier zerrissen zwischen Dürfen und Wollen und Können und Mögen und auch zerrissen durch die Konstellation ihrer Geburt, der beharrlichen, strebsamen, abwägenden, immer auf Sicherheit ausseienden Lebens- und Handelnsweise. Das ist ihr Los, welches sie als schwer empfindet. Und aus diesem, ursprünglich ihr gehörenden Verständnis des Seins ist sie versucht, nur das Negative in einer neuen Lebensart zu denken, zögerlich entfaltet sich ihr Sinn für diese und wird doch immer wieder durch kleinste Begebenheiten in die Unsicherheit hineingezogen. Gibt es eine Sicherheit für alle die Schaum-, die Traumgeborenen, die Traumverhafteten, die Hoffenden auf das Unmögliche?
Wie auf der Suche tasten und kneten ihre Hände das Linnen des dunklen Kleides, welches im dämmernden Lichte des Abends mit der Erde sich gleichmacht und sie eins werden läßt mit dem Universums.
Und niemand ist da, diese einmalige Schönheit zu bewundern! Ein Körper in strahlendem Lichte, eine Seele im Fluge in die Unendlichkeit.
Sich selbst finden wollend und letztendlich sich selbst findend im Taumel der Gefühle, das war der Grund ihres Kommens und ihres Verweilens hier an diesem magischen Orte, den ein Altvorderer mit seiner Liebe ihr in das Herz hineingelegt. Und auch hier spürt sie ihre Absonderlichkeit. Nicht die Mutterlinien waren es, welche ihr die Sehnsüchte nach der Anderwelt in die Wiege gelegt haben. Nein, es war die Liebe und die Zuwendung des Großvaters, welcher, vielleicht vermittelt durch die Blutlinie vieler seiner Mütter und Mütter und Mütter, die Ahnung und die Achtung vor dem hilflosen kleinen, doch so unendlich reichem Leben in seine Seele eingepflanzt bekam; so leise eingepflanzt bekam, daß er erst zu ihrer Geburt sich erinnern durfte und das kleine, 'häßliche', unscheinbare Wesen in tiefster Liebe in seine Brust schloß und sie niemals daraus hat entlassen können. Einiges von dieser unendlichen Zuwendung glaubt sie auch heute noch zu verspüren - doch sie redet zu niemandem darüber - weil es doch keiner versteht!
Und wieder weht des Windes Hauch eine kühle Woge über den See, welcher dunkler und dunkler wird mit der zunehmenden Stunde des Tages. Bald ist es die Mitte der Nacht, Der Mond steht hoch und voll auf dem Himmel. Geschwirre um sie herum und an Geister und Schemen wird sie erinnert. Die Tage des Mondes runden sich wieder und in ihrem Leibe zerrt und zwickt die Lust, welche Frau Venus der Steinbock-Geborenen eingepflanzt hat, damit sie sich erinnere an die Freuden und die Schönheiten des Lebens, falls sie wieder einmal am Arbeitswüten ist, Und sie dankt der Frau des Hörselberges, der Besungenen im "Tannhäuser", ob dieser Lust am Leben, für ihre Lust daselbst! Leise vor sich hin, inmitten des Stromes des Lebens, der sich, wellenschlagend, im Weiher bricht, denkt sie an die Kommnisse, vor denen sie Angst verspürt, vor denen sie zurückweichen möchte, vor den Unwägbarkeiten einer Verbindung, deren Ende sie, steinbockgeboren, noch nicht absehen kann. Und sie wähnt sich zwischen Zutrauen und Mißtrauen. Zwischen LIEBE und HADER und zwischen Wollen und Nichtwollen und zwischen Miß- und Vertrauen und Vieles ist ihr fremd Doch von Ferne klingt leis, wie eine Äolsharfe, die im Winde auf der Wasserkuppe vor dem einen Laden ertönt, die beruhigende Melodie einer keltischen Harfe auf und diese durchdringt alle Schatten der Nacht mit ihrem Zauberklange -
Und vor ihren geschlossenen Augen zerreißt der Nacht dunkle Schleier. Licht blitzt auf. Auf einem Strahle feinsten Mondstaubes sitzen vor ihr kleine Gnome, Geister des Waldes; Geister der Natur, vor denen sie sich immer gefürchtet hatte, so fremd und doch so vertraut waren sie ihr. Nicht nur von Angesicht, sondern auch von ihrem Wesen und der Art ihres Lebens. Welche sie mag und auch nicht mag, je nach den Launen des Tages, die sie umfangen. Denen sie schon unendlich viele Schwüre und Versprechungen, ihre Ängste und ihre Freuden auch, vorgetragen hatte, welche diese doch immer wieder unter den großen Haufen Blätter fegten, damit der Sturmwind seine Auslese träfe. Und leise und rauh wie die Rinde der schrundigen Bäume klingen ihre Stimmen: "Du bist es, die wir lange schon sehen und betrachten; ja, vielleicht Dich auch berühren und lieben wollen. Und wenn wir Dir nicht helfen dürfen, dann wollen wir lieber eingehen in die Träume der Schattenwelt."
Und eigentlich mochte sie dieses neue, andersweltige Leben auch, wenn selbst in ihrem Verstande eine Reihe anderer, früherer, späterer, Mannsgestalten einen Reigen tanzen. -
Nein, Angst vor den kommenden Jahren verspürt sie nicht, die Runen haben ihr Glück in die Zukunft gelegt und darauf hoffend, auch darum sitzt sie hier im Dunkel der Nacht. Wenn sie sich eines Tages nach ihrem eigenen Willen entscheiden wird, so soll es doch eine gute, eine schöne Zeit hier am uralten Weiher gewesen sein. Die Gnomgestalten verblassen mehr und mehr, verschwimmen mit dem Schatten der Eichen, verabschieden sich im dunkleren Abendrot aus ihren Gedanken.
Nachtkälte läßt sie ihre Glieder dehnen. Nachtkälte sie sich schütteln und alle die bisher gedachten Gedanken vergessen.
Heimwärts strebt die Seele.
Heimwärts drängt der Körper, der Wärme des Zimmers entgegen.
Abgestreift die Gedanken, die doch so Unkonventionellen. Hinein in den Alltag des Schaffens!
Vergessen sein wird vielleicht der Zauber des Weihers, der Zauber des Mondes und der Nacht; vergessen werden vielleicht der Zauber der Venus als Abendgestirn, vergessen das Raunen des Windes in den Blättern der Eberesche. Vergessen die Gnome des Waldes. Vergessen vielleicht!
Immer wieder ein Vergessen!

Und immer wieder ein neuer, hoffnungsvoller, ein lebendiger Tag!


21.april 2009

 
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