Warum das Häschen die Eier gefärbt und versteckt hat

#1 von Salix , 16.03.2009 18:37

Warum das Häschen die Eier gefärbt und versteckt hat
Eine Ostarageschichte

Vor vielen, vielen Jahren, in längst vergangenen Zeiten als es noch keine Menschen gab, existierte eine Rasse mutiger Hasen von edler Herkunft. Sie lebten miteinander und für einander und sehnten sich nach nichts mehr als den Sonnenstrahlen auf ihrem Fell, saftigem grünen Klee und es sich in einer warmen Höhle mit den Liebsten bequem zu machen.

Natürlich waren sie nicht alleine noch beherrschten sie die Welt, sie teilten sie sich, wie wir heute, mit anderen Geschöpfen. Guten und schlechten. Von denen, die man als schlecht bezeichnen würde, waren die Füchse die schlimmsten. Sie töteten neugeborene und junge Hasen und deshalb waren sie beim Hasenvolk gefürchtet und geächtet, denn diese Hasen waren uns gar nicht so unähnlich, auch sie konnten Angst und Hass empfinden und ihre Welt besass das selbe Gleichgewicht wie unsere heute.

Das Fuchsvolk war nie zufrieden mit nur einem gestohlenen Leben, nein sie suchten sich Verbündete welche ihnen helfen sollten in ihrem Bestreben, die Herren über die Erde und alle Kreaturen zu werden.

Durch Bestechung und Verrat gelang es dem Fuchsvolk eines Tages den Clan der kurzsichtigen Stinktiere zu überzeugen, dass ohne deren Hilfe die Stinktiere diesen widerwärtigen Geruch verlieren würden den sie zur Selbstverteidigung so dringend benötigten. Damit dies nicht geschehe forderten die Füchse nur eins; die Stinktiere sollten jedes weisse Vogelei essen welches sie sehen oder finden.

Nun was hat dies mit den liebenswürdigen und sanften Hasen zu tun?
Die vielen Hasenfamilien lebten schon immer in Frieden und Eintracht mit den Singvögeln. Sie konkurrierten um nichts, nicht Futter und nicht Unterkunft und die Bäume teilten sie sich; während die Vögel sich in den Ästen aufhielten, buddelten sich die Hasen in deren Wurzeln ihre Höhlen.
Und noch etwas ist hier wichtig zu wissen; alle Singvögel in jenen Tagen schlüpften aus weissen Eiern, schneeweiss und hell wie der Mond. Und von all diesen Vögeln, welche die wundervolle Gabe des Liedes besassen, legten die Rotkehlchen die weissesten.

Der gewiefte Plan der Füchse sollte bald aufgehen und sie hofften damit das Schicksal der Singvögel und deren Verbündeter, der Hasen, zu besiegeln. Die Füchse waren Meister darin die anderen Tiere gegeneinander aufzubringen, darin bestand ihre eigentliche Schlechtigkeit und diese sollte sie zu ihrem Ziel bringen.
Bald verbreiteten sich Verzweiflung und Trauer unter den Singvögeln, ihre kostbaren Eier wurden gefressen und vernichtet, keine Kücken schlüpften mehr und da ein Singvogelleben nicht sehr lang ist, wurde bald klar dass in einigen Jahren ihr Gesang für immer verstummen würde.

Die Hasen kämpften gegen Zahn und Klaue und taten ihr Bestes um die Nester ihrer Freunde zu beschützen, aber es war umsonst. Die Stinktiere setzten ihre grösste Waffe, ihren Gestank gnadenlos ein, besprühten und blendeten die Verteidiger so dass die Hasen an den Rand der Verzweiflung gebracht wurden und alles verloren schien.

„Wir brauchen einen Plan! Wie können wir die Füchse überlisten, sie mit ihren eigenen Waffen schlagen?“

Eine uralte Häsin, welche ihre Höhle nur noch selten verliess, kam unerwartet aus dieser hervor und geblendet durch das helle Tageslicht sprach sie schliesslich mit krächzender Stimme: „wälzt sie im Lehm, die Schichten, am Fluss“

„Was sagst Du?“ Riefen alle durcheinander „Was oder wen sollen wir im Lehm wälzen?!“

Ein kleiner junger Hase meldete sich plötzlich: „Sie meint die Eier!!! Die Eier unserer Freunde!“

Der Plan begann in den Gedanken der Hasen zu reifen. Wie der Zufall es wollte, bauten die Singvögel immer ihre Nester in der Nähe des Flusses oder genossen ihr Sandbad an den Ufern, wo der Lehm leuchtend und farbenfroh war. Mit den Farben der Erde wurden die Eier bedeckt oder darin gewälzt und die Singvögel hatten so grosses Vertrauen zu den sanftmütigen Hasen, dass sie ihnen sogar ihre seltensten und wertvollsten Eier anvertrauten. Alles was die Hasen dafür verlangten waren die Lieder der Vögel die sie so liebten, denn wenn diese erklangen hielten sie einen Augenblick in ihrer Arbeit inne, um sich am Mysterium der Harmonie und der Schönheit zu erfreuen. Die Vögel flogen von den Bäumen ans Flussufer wo sie von den Hasen gebadet und ihre Brustfedern mit Lehm eingerieben wurden, so dass sie die Farben auch zu den Eiern in den Nestern, hoch in den Bäumen, bringen konnten.
Alles lief gut und die Füchse und Stinktiere fanden keine weissen Eier mehr die sie fressen oder vernichten konnten. Dennoch hörte man immer noch die Melodien der Vögel und die Hasen waren unbeugsam und stolz wie eh und je. Keine Bitten um Gnade noch Tribute wurden an die Füchse gezollt und sie wurden sehr wütend.

Bis eines Tages ein Rotkehlchenei, wie durch ein Wunder, von weichen Pinienzweigen aufgefangen und unbeschadet, im feinen Flusssand landete. Es war aus dem schützenden Nest gerollt. Ein Stinktier kam gerade des Weges, den Kopf schnüffelnd erhoben näherte es sich dem Ei welches von den Piniennadeln und dem Sand, durch den es gerollt war, seiner Farben beraubt worden war. Leuchtend weiss lag es da.
Ein junger Hase sah das Geschehen und rannte so schnell er konnte um das Ei zu retten, er schubste und stiess das Ei mit seinen Pfoten und der Nase so hastig zum Lehm am Ufer dass es darüber hinaus rollte und in die kalten Stromschnellen fiel. Ohne Innezuhalten oder Nachzudenken sprang das Häschen hinterher, bekam das Ei zu fassen und hielt es fest an seinen Körper gepresst um es warm und am Leben zu erhalten. Es würde von der Strömung mitgerissen aber niemals liess es seine wertvolle Fracht los – bis es schliesslich unsanft auf ein Felsufer gespült wurde. Völlig unterkühlt und zitternd wärmte der junge Hase das Ei mit seinem geschundenen Körper, mit dem letzten Rest seiner Wärme die er noch hatte. Ihm war so kalt dass seine Haut und sogar sein Fell blau wurden, aber er liess das Ei nicht los.

Die Nacht kam und ging, dann noch eine, dann noch vier weitere. Plötzlich verspürte das Häschen ein Pochen und Picken an seinem Bauch, wo es immer noch das Ei fest an sich gedrückt hielt, ein Knacken – und das kleine Rotkehlchen war geschlüpft!
Mit allerletzter Kraft, jetzt schon sehr dem Tode nahe, liess der junge Hase es los. Wie aus weiter Ferne hörte er ein allerletztes Mal den schwachen, zirpenden Schrei des Rotkehlchenbabys bevor er kalt, blau und stumm seine Augen schloss.
Das Vogelbaby jedoch rief so laut es konnte nach denen seiner Art, um zu kommen und zu helfen…um zu sehen.

Und sie kamen, zu tausenden kamen sie angeflogen, sie nahmen das Vogelbaby und das tote Häschen auf und trugen sie durch die Lüfte, über die saftig-grünen Hügel hinweg zu den Bäumen des Waldes. Tausende Singvögel kamen dann dort zusammen um dies Wunder zu bestaunen und um das Häschen zu trauern. Und sie taten etwas einmaliges;
Alle Vögel stimmten ihr höchstes Lied an - das Lied der Magie – für den jungen Hasen, für seinen Mut und für sein tapferes Herz, für das ultimative Opfer welches dies kleine Wesen dargebracht hatte, sein Leben, welches nie vergessen sein würde. Sie sangen immer höhere Töne in den Himmel bis die Magie eine Form und Farbe bekam und von diesem Tage an legten alle Rotkehlchen auf der ganzen Welt blaue Eier, so blau wie das Fell des armen Häschens. Und sie tun es auch heute noch.

Dank der Hilfe ihrer Freunde, der Hasen, singen die Singvögel immer noch und die Hasen sehnen sich noch immer nach nichts mehr als der Sonne auf ihrem Fell, saftigem grünen Klee und einer warmen, gemütlichen Höhle welche sie mit ihren Liebsten teilen können.
…Und die Lieder der Vögel sind noch immer so schön wie die Rotkehlcheneier blau.


Autor: Spiravdaeg
spirdaeg@gte.net

Mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem Englischen übersetzt und veröffentlicht von

*Salix*

 
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RE: Warum das Häschen die Eier gefärbt und versteckt hat

#2 von Emrys , 17.03.2009 15:29

Eine wunderschöne Geschichte, vielen Dank für's Teilen.

 
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RE: Warum das Häschen die Eier gefärbt und versteckt hat

#3 von Salix , 17.03.2009 16:31

Gern geschehen

LG
*Salix*

 
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